Rote Fahne 21/2026
Super-El-Niño – Globale Umweltkatastrophe schreitet voran
„Der Super-El-Niño ist da! … Er verändert die Witterung in weiten Teilen der Welt“ titelt die WELT am 29. September. Die Auswirkungen sind tatsächlich dramatisch. Allein die dadurch in weiten Teilen der Welt weiter steigende Hitze könnte mehr als 450 000 Todesopfer fordern. Extreme Dürren, massive Ernteausfälle und Waldbrände in Ostafrika, Australien, Asien sowie im Amazonas-Regenwald, gleichzeitig sintflutartige Regenfälle und Überschwemmungen in Peru, Ecuador und weiten Teilen Südamerikas prognostiziert die Weltmeteorologie-Gesellschaft. Alles nur „Auswirkung des natürlichen Klimaphänomens El-Niño“, wie bild.de am 18. September schreibt?
In der bürgerlichen Wissenschaft wird El-Niño – das „Jesuskind“ – meist nur als ein etwa alle vier Jahre wiederkehrendes natürliches Wetterphänomen im Pazifik beschrieben. Seine Auswirkungen traten bisher vor allem gegen Ende des Jahres zur Weihnachtszeit auf. Dabei steigt vor der Küste Südamerikas kälteres Tiefenwasser auf, weil Passatwinde warmes Wasser im äquatorialen Pazifik nach Westen Richtung Australien und Südostasien treiben. Bei El-Niño flaut der Wind ab, das warme Oberflächenwasser schwappt nach Osten in Richtung Südamerika, gibt die Wärme an die Luft ab. Die Veränderung der Luftströmungen verschiebt auch die Regengebiete in weiten Teilen der Welt. Die Fischer Perus kennen das Phänomen, denn die Fische bleiben aus, wenn der nahrungsreiche Humboldtstrom zum Erliegen kommt.
Extrem starker El-Niño erwartet
Doch in den letzten Jahrzehnten häufen sich extreme El-Niño-Phasen. Wissenschaftler warnen davor, dass der sich nun entfaltende „Super-El-Niño“ alle bisher gekannten Fälle übersteigen wird. Nach Beobachtungen der US-Klimabehörde erwärmen sich die Wassertemperaturen im Pazifik seit Frühsommer besonders schnell. Bereits im August lagen die Oberflächentemperaturen im östlichen, äquatornahen Pazifik bis zu 2,6 Grad über dem Durchschnitt, die Temperaturen in tieferen Schichten sogar über acht Grad. In Indonesien ist in großen Teilen des Landes seit 60 Tagen kein Regen gefallen.
El-Niño schuld an der Klimakatastrophe?
„Die Menschheit rast auf eine Klimakatastrophe zu“, prophezeit UN-Generalsekretär Antonio Guterres. Bisher sprachen er und seine Experten immer verharmlosend vom „Klimawandel“. Jetzt soll auf einmal der El-Niño die Klimakatastrophe bringen? Mit solchen Thesen stellen bürgerliche Wissenschaftler Ursache und Wirkungen auf den Kopf. Die globale Klimakatastrophe als eine Initialkatastrophe der globalen Umweltkatastrophe ist längst da. Die Extremhitze im Sommer hat allein in Europa zu 35 000 Hitzetoten geführt – davon 16 000 in Deutschland. Sie hat Waldbrände mit einer Rekordfläche von einer Million Hektar ausgelöst. Der dadurch verursachte CO2-Ausstoß beschleunigt die Klimakatastrophe weiter und schädigt den Wasserkreislauf. Zunehmende Dürre, sinkende Wasserpegel und Einschränkung des Trinkwasserverbrauchs beeinträchtigen das Leben der Massen. Ein Drittel der weltweiten Landfläche ist von Wüstenbildung bedroht. Immer mehr Menschen werden in die Migration gezwungen.
Voranschreitende globale Umweltkatastrophe
Ein Hauptgrund für das Voranschreiten der globalen Umweltkatastrophe sind irreversible Veränderungen der Meeresströmungen und Jetwinde. So teilt sich der Jetstream über Europa häufiger in zwei Äste auf – eine Zone schwacher Winde dazwischen lässt Hitze tagelang stagnieren. Eine Studie aus dem Jahr 2022 ergab, dass fast die gesamte jüngste Zunahme an Häufigkeit und Intensität von Hitzewellen in Westeuropa mit diesen länger anhaltenden „Doppel-Jet“-Mustern zusammenhängt.¹
Charakteristisch für die bürgerliche Berichterstattung ist, dass das El-Niño-Phänomen aus der Gesamtentwicklung herausgelöst und als Einzelerscheinung beschrieben wird. Es ist aber gerade die Wechselwirkung zwischen sich verändernden Jetwinden, zunehmenden Passatwinden, schmelzendem arktischem Meereis und El-Niño-Phasen, die sich zu einem neuen Kulminationspunkt der Klimaveränderung entwickelt. Drastische Veränderungen erleben wir nicht nur beim Klima – die globale Umweltkatastrophe steht längst nicht mehr am Beginn, sie schreitet an der ganzen Bandbreite gefährlich voran und bedroht die Existenz der Menschheit. Das gilt für die rücksichtslose Ausbeutung der Naturressourcen genauso wie für das Umkippen der Meere oder die gravierende Gefährdung des Trinkwassers.
Rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Natur
Die reaktionäre bis faschistische Verharmlosung oder gar Leugnung der Klimakatastrophe ist die Begleitmusik für ein drastisches Rollback von erkämpften Umweltschutzmaßnahmen und eine Steigerung der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur. Sie wird von Monopolen und Staat betrieben. Bundeskanzler Friedrich Merz warb bei der Jahreskonferenz des Rats für nachhaltige Entwicklung am 29. September für „ökonomische Nachhaltigkeit“. Die müsse nun mal darauf Rücksicht nehmen, dass „unsere europäischen Unternehmen im internationalen Wettbewerb mit Volkswirtschaften“ seien, „in denen teilweise deutlich geringere Anforderungen an den Klimaschutz gelten“.² Also weg damit, Hauptsache der Maximalprofit der Großkonzerne stimmt?
Das ist ein Freifahrtschein für den reihenweisen Aufbau neuer Gaskraftwerke, die mit US-Fracking-Gas betrieben werden, für das Aus des Verbrenner-Aus in der EU, das Festhalten an Öl- und Gasheizungen und die Blockade des Ausbaus neuer Energien im Interesse der Energie- und Automonopole. Aber auch für hemmungslose Aufrüstung und imperialistische Kriege wie in der Ukraine, die die globale Umweltkatastrophe weiter befeuern. Im Grundsatz wird diese Politik durch alle Monopolparteien bis hin zu den Grünen mitgetragen, wenn auch teils nicht so drastisch.
Revolutionäre Lösungen notwendig
Die globale Umweltkatastrophe ist im modernen Kapitalismus eine Gesetzmäßigkeit geworden. Die Monopole können ihre Maximalprofite nur noch durch verschärfte Ausbeutung von Mensch und Natur erzielen. Das erfordert einen gesellschaftsverändernden Umweltkampf. Der Kampf zur Rettung der Menschheit erfordert es, den Kapitalismus revolutionär zu überwinden. Nur in vereinigten sozialistischen Staaten der Welt kann das Ausreifen der globalen Umweltkatastrophe abgemildert, gebremst und teilweise umgekehrt werden. Nur sie versöhnen „nachhaltig“ die Einheit von Mensch und Natur.
Chrupalla und die „wirklichen Probleme“ der Menschheit
„Für mich war es ein ganz normaler Sommer. … Klima ist graduell ein Nebenthema, mit dem von den wirklichen Problemen abgelenkt wird“, behauptete der AfD-Co-Vorsitzende Tino Chrupalla lächelnd im ARD-Sommerinterview vom 23. August. Das kann man leicht sagen, wenn man bei wohltemperierter Klimaanlage im Fernsehstudio sitzt, statt bei 40 Grad im Freien zu schuften. Für notorische Leugner der Klimakatastrophe wie Chrupalla wäre es sicher noch „normal“, wenn demnächst bei Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius das menschliche Blut zum Sieden kommt. Und wenn er mit den „wirklichen Problemen“ steigende Energiepreise oder womöglich Migration meint, dann ist es vor allem er, der ablenkt – und zwar von gemeinsamen Ursachen im kapitalistischen System.
Mittlerweile belebt sich das Umweltbewusstsein wieder. Zwei Drittel der Deutschen machen sich große oder sehr große Sorgen, dass die Klimaerwärmung die Lebensgrundlagen zerstört.³ Aber es ist ein massenhafter Kampf um die Denkweise wichtig, gegen das egoistische Herangehen: „Ist mir doch egal mit der Umwelt, bei mir geht es gerade noch“, und weitere Einflüsse besonders der kleinbürgerlich-faschistischen Denkweise.
Kommt zum Internationalen Umweltratschlag!
Es ist gut, dass sich die Aktivitäten der Umweltbewegung und ebenso die Strategiedebatte in der Umweltfrage beleben. So gab es beim „System Change Camp“ von „Ende Gelände“ im August verschiedene Programmpunkte zur Frage des gesellschaftsverändernden Umweltkampfs und der Einheit von Arbeiter- und Umweltbewegung („Wie können wir den Kapitalismus überwinden“, „Klassenpolitische Ausrichtung der Klimabewegung“). Gleichzeitig entwickeln sich wichtige Schritte zum Übergang in die Arbeiteroffensive. Die Industriearbeiter müssen an der Spitze des Kampfs auch zur Rettung der Umwelt stehen und mit harten Kämpfen und Streiks Durchschlagskraft entwickeln.
In dieser Situation kommt der erste Internationale Umweltratschlag⁴ genau richtig. Er findet vom 23. bis 25. Oktober im Arbeiterbildungszentrum in Stuttgart statt. Er berät über das Ausmaß und die Entwicklung der globalen Umweltzerstörung, die Erfahrungen aus konkreten Kämpfen und notwendige Strategien für einen gemeinsamen weltweiten Umweltkampf (mehr dazu auf Seite 24/25). Die MLPD unterstützt diese überparteiliche und selbst organisierte Veranstaltung aktiv. Sie wirbt dabei insbesondere für den Sozialismus auf Grundlage der proletarischen Denkweise als einziger Perspektive zur Rettung der Menschheit vor dem Untergang in der globalen Umweltkatastrophe.