Rote Fahne 20/2026

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Wie „Stolpersteine“ antikommunistisch missbraucht werden

Der Geschichtsredakteur der Roten Fahne hat nach Anfrage einer Leserin dazu Interessantes zu Tage gebracht:

Von dk
Wie „Stolpersteine“ antikommunistisch missbraucht werden
Die Stolpersteine erfüllten ihren Zweck – sie stießen unsere Leserin zu einer Frage an …

Die Leserin schrieb: „Auf dem Weg in die Stadt (Eckernförde) entdeckte ich diese beiden Stolpersteine. Beide Menschen im Widerstand mit der KPD, beide geflüchtet in die Sowjetunion, beide dort verhaftet (warum), beide dort umgekommen. Das macht einen schon nachdenklich. Ob sich die Namen der beiden auf irgendwelchen Listen finden lassen?  

A.B., Eckernförde

Der Redakteur schreibt dazu unter anderem:

Die Form (oder Methode) der Stolpersteine wurde ursprünglich für die Opfer des Hitlerfaschismus verwendet. Wenn sie, wie hier, für in der sozialistischen Sowjetunion umgekommene Menschen genutzt wird, ist das ein Ausdruck des Antikommunismus. Es soll suggeriert werden, Sozialismus und Faschismus wären gleichermaßen unmenschliche Terrorsysteme. …

 

Grundsätzlicher Ausgangspunkt der Betrachtung sollte sein, dass das unverrückbare historische Verdienst der sozialistischen Sowjetunion darin besteht, als Hauptkraft gegen den Faschismus und für die Befreiung der Völker vom faschistischen Joch agiert zu haben. Das schließt auch die Unterstützung und Förderung der vor den Nazis geflohenen deutschen Kommunisten ein.


Die KPD-Emigration in der Sowjetunion umfasste ungefähr 1200 Parteimitglieder, darüber hinaus gab es deutsche Arbeitsemigranten, die schon vor der Errichtung des Faschismus in die Sowjetunion übersiedelt waren und natürlich deutsche Kommunisten in der sowjetischen deutschen Wolgarepublik, die nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion 1941 aufgelöst und deren Bewohner umgesiedelt wurden.

 

Die Sowjetunion bot der KPD-Führung ein Exil und sie konnte davon ausgehend den antifaschistischen Widerstandskampf anleiten und organisieren. Dazu wurden von KPD-Mitgliedern zum Beispiel deutschsprachige Radiosendungen durchgeführt, revolutionäre Literatur erstellt und vertrieben, eine antifaschistische Bündnisarbeit entwickelt, Aktionen in Hitlerdeutschland organisiert und so weiter. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion führten KPD-Genossen Fronteinsätze mit Lautsprechern in den Schützengräben durch und wirkten mit Flugblättern auf die deutschen Soldaten ein. In den Kriegsgefangenenlagern baute die KPD das NKFD (Nationalkomitee Freies Deutschland) auf, das antifaschistische Schulung und Ausbildung betrieb und das deutsche Heer zu zersetzen suchte. …

Falsche Anschuldigungen und große Fehler

Die deutsche Emigration in der Sowjetunion war allerdings auch stark von den Säuberungsaktionen betroffen, die 1935 in der KPdSU(B) begannen und die schließlich in Massenoperationen des Geheimdienstes endeten. Dabei gab es durchaus Fälle, wo berechtigt zum Schutz der Sowjet­union eingegriffen wurde. Fehler, die dabei begangen wurden, betrafen von Anfang an auch die KPD und andere kommunistische Parteien. Dabei wirkte die KPD-Führung aktiv mit: In der deutschen Vertretung beim EKKI (Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale) wurden Listen über Parteiausschlüsse erstellt, die nach der Verhaftung durch den NKWD (sowjetischer Geheimdienst) erfolgten. … Diese Listen enthielten bis 1938 mehr als 700 Namen, mehr als die Hälfte der Emigranten. Sie wurden vom KPD-Vorsitzenden Wilhelm Pieck verwahrt und 1953 in seinem Auftrag an die Kaderregistratur des ZK der SED übergeben – eine Publizität dazu erfolgte nicht. … Bei dieser „Durchleuchtung“ kam es auch zu ungerechtfertigten Vorwürfen und Denunziationen. …


Was daraufhin mit den von Dir genannten Otto und Hilde Faehse geschah, ist mit den bis heute veröffentlichten Unterlagen nicht genau festzustellen. Da Otto Faehse auf einer der Listen stand, wurde in dem Buch „In den Fängen des NKWD“ zu ihm vermerkt: „Fähse, Otto. Geb. am 27. 1900 in Eckernförde, Bäcker. 1918 Mitglied der USPD, 1919 der KPD, als Bezirksfunktionär in seiner Heimatstadt tätig. Im April 1934 über Dänemark in die Sowjetunion emigriert. Wurde im März 1938 verhaftet.“ (S. 68) In anderen Aufstellungen wird er nicht aufgeführt, woher die Information über seinen Tod in der Haft stammt, müsste man bei den Erstellern des Stolpersteins erfragen.


Seine Frau Hilde stand auf keiner Liste, wurde jedoch in dem 2013 in Berlin herausgegebenen Buch des russischen Historikers Alexander Vatlin „,Was für ein Teufelspack‘ erwähnt. Die deutsche Operation des NKWD in Moskau und im Moskauer Gebiet 1936 bis 1941“ unter den Opfern wurde in einer Tabelle mit einer Aktennummer aus NKWD-Beständen aufgeführt: „Fehse, Hilde; Geburtsjahr, Geburtsort: 1903, Kiel; verhaftet am 26. 06. 1941; verurteilt am 26.02 1942 zu fünf Jahren Lagerhaft.“


Natürlich geben diese Vorfälle zu denken, wie Du schreibst. … Die bisherige Stellungnahme der MLPD dazu ist im Parteiprogramm festgehalten, wo es zur Entwicklung in der Sowjetunion und zu den Säuberungen heißt: „… wurde jedoch der notwendige ideologische Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise vernachlässigt und auf die Mobilisierung der Massen gegen die kleinbürgerlich entarteten Vertreter der Bürokratie weitgehend verzichtet. Das waren die beiden Hauptfehler Stalins. Stattdessen wurde der Kampf gegen bürokratische Misswirtschaft und Sabotage mit einem selbst bürokratisierten Geheimdienst und einseitig mit administrativen Methoden geführt. Die bürokratisch-zentralistischen Führungsmethoden in  der Partei-, Wirtschafts- und Staatsführung blieben weitgehend unangetastet. Aufgrund falscher Anschuldigungen und falscher Behandlung von Widersprüchen wurden auch zahlreiche unschuldige Menschen eingeschüchtert, verleumdet, denunziert, zu Freiheitsstrafen verurteilt oder gar hingerichtet.“ (S. 73)

Neues Buch arbeitet Ursachen tiefer auf

Wie dies genau verlief, welche grundsätzlichen Fehler dem zugrunde lagen, wie die kleinbürgerliche Denkweise auch bei Stalin selbst vordrang, so dass er die politische Hauptverantwortung für die Vorgänge trug, und wie er nach massenhafter Kritik von unten das Vorgehen des Geheimdienstes stoppte, ohne jedoch die Ursachen der Fehler bis auf ihren Grund in der Denkweise aufzuarbeiten – das alles wird in der neuen Ausgabe des theoretischen Organs der MLPD, dem REVOLUTIONÄREN WEG 40 („Die Lehre von Denkweise“) untersucht. Daraus wird die Schlussfolgerung des künftig notwendigen Aufbaus des Sozialismus auf der Grundlage der proletarischen Denkweise gezogen.