Rote Fahne 20/2026
Verzockt
Wenn ich der Chef einer der 94 in Deutschland zugelassenen gesetzlichen Krankenkassen wäre – ja, dann verstünde ich was vom Geld – der anderen.¹
Ich säße mit einem Jahresgehalt von etwa 400 000 Euro hoch oben in einem der schönen Krankenkassen-Paläste und schaute auf die Konkurrenten der kleineren Krankenkassen herab.
Denen haben wir Mitglieder abgeschwatzt, zum Beispiel mit Zuschüssen für die garantiert wirkungslosen homöopathischen Globuli. Aber die Potenzen unserer Boni steigerten wir mit wachsenden Mitgliederzahlen.
Jetzt sind uns ein paar penetrante Journalisten auf die Schliche gekommen. Sie deckten auf, dass wir uns mit dem Geld der Beitragszahler kräftig verzockt haben. Als „Reserve“ hatten wir das viele überschüssige Geld „todsicher“ in Aktien und lukrativen Immobilienfonds angelegt. Davon erweisen sich nun einige leider als „leistungsgestört“ oder sind gar „in Schieflage“ geraten. Blöd auch, dass „immobiliengesicherte Schuldscheindarlehen“ sich als Luftnummern erwiesen. Irgendwie war das „qualifizierte Risikomanagement“ nicht ganz so qualifiziert „etabliert“. Ich halte die gesetzlichen Vorschriften sowieso für ein verzichtbares „Bürokratiemonster“.
Womöglich 1,1 Milliarden Euro muss ich, zusammen mit elf ähnlich leidenden Krankenkassenvorständen nun „abschreiben“. Vielleicht auch mehr, aber das werde ich ja nicht gleich an die große Glocke hängen. Es gibt schließlich „Geschäftsgeheimnisse“.
Immerhin, auf die Regierenden als Dienstleiter können wir uns verlassen.
Die wollen ja auch nicht, dass Ähnlichkeiten mit ihren Rentenplänen aufgedeckt werden, bei der die Beitragszahler zu ähnlich „todsicheren“ Anlagen in Aktien und Fonds künftig zwangsverpflichtet werden sollen.
Bei solchen Regierenden könnte ich mich eigentlich beruhigt zurücklehnen.
Die erzählen ja schon die ganze Zeit den Leuten, dass die Krankenkassen am Hungertuch nagen, das Gesundheitswesen unbezahlbar geworden ist und höhere Beiträge, doppelte Rezept-Gebühren, Krankenhausschließungen, geringere Zuschüsse für Pflegestufen und pflegende Familienmitglieder usw. vollkommen alternativlos seien.
Nur die Leute, die Leute … die protestieren heutzutage gegen die ganzen so schön von Meinesgleichen ausgeklügelten Reformen …
Bloß nicht weich werden! Es muss gespart werden, damit unsere Zockerverluste nicht weiter die Bilanzen vermiesen und mir womöglich meinen schönen Büroplatz madig machen – mit so guter Aussicht – auf die da unten.
P.S.: Alle Verschleierungsfachbegriffe (im Text in Anführungszeichen) stammen aus Süddeutsche Zeitung, 11.9.2026