Rote Fahne 19/2026

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Migrantenstreik in Magdeburg: „Wir lassen uns nicht vertreiben! Wir streiken!“

Migrantische Geschäftsleute riefen zum Streik auf. Das war ein sehr mutiges Signal, anderthalb Wochen vor der Landtagswahl. Die Migranten machten klar: Immer wird über uns geredet – jetzt sprechen wir selbst!

Von einem Korrespondenten aus Magdeburg
Migrantenstreik in Magdeburg: „Wir lassen uns nicht vertreiben! Wir streiken!“
Saaeid Saaeid vom Flüchtlingsrat und Anmelderin Dilek Toy. Mit Optimismus in die Aktion – sie wurde ein großer Erfolg (Foto: Karoline Kickler)

Bei der Konferenz von „Widersetzen“ in Magdeburg am 26. Juli wurde die Idee vorgestellt. Die Zustimmung war sofort sehr groß. Der Flüchtlingsrat von Sachsen-Anhalt unterstützte die Initiative und hat viel Presse- und Organisationsarbeit übernommen.

 

In den Geschäften, Barbershops und Grills wurde vieles diskutiert. Ängste kamen zur Sprache: Vor wirtschaftlichen Nachteilen und Repressionen der Behörden. Bis hin zur Sorge vor gewalttätigen Angriffen von Faschisten auf die eigenen Familien. In den sozialen Medien gab es meist Zustimmung, aber auch Hass-Kommentare. Die AfD schickte Leute in kurdische Dönerstuben: Sie wolle ja nur Kriminelle abschieben, nicht die Kurden, nur die Araber und Afghanen. Aber umsonst, 160 Geschäfte machten zu. Das rote Plakat „Wir streiken!“ hing in den Schaufenstern. Auch Geschäfte mit deutschen Inhabern waren im Streik dabei.

„Sichtbares und starkes Zeichen“

Am 26. August standen auf dem Domplatz etwa 400 Menschen, gespannt, aufmerksam, optimistisch. Mit einem Lied von Nazim Hikmet eröffnete die Anmelderin Dilek Toy die Kundgebung vor dem Landtag: „Mit der Ladenschließung wollen wir ein sichtbares und starkes Zeichen gegen Rassismus und Faschismus setzen. Wer die AfD wählt, unterstützt eine Politik, die den Weg zum Faschismus ebnet. Wir führen den Migrantenstreik auch im Interesse der deutschen Bevölkerung. Die Geschichte lehrt uns, dass sich der Faschismus niemals nur gegen Migranten und andere Minderheiten richtet. Er richtet sich gegen die demokratischen Freiheiten aller Menschen. Die Politik der AfD macht uns Sorgen wie die Abschaffung der Schulpflicht oder die Einführung einer freiwilligen Bürgerwacht. Das erinnert an die SA des Hitler-Faschismus. Wir setzen uns ein für ein solidarisches Zusammenleben aller Menschen in Magdeburg.“


Danach sprach Saaeid Saaeid für den Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt: „Heute schließen migrantische Gewerbetreibende ihre Geschäfte. Nicht, weil sie der Stadt schaden wollen, sondern weil sie dieser Stadt etwas sagen wollen: Wir sind hier. Wir gehören hierher. Und unsere Würde ist nicht verhandelbar. Unser Recht auf Würde und Zugehörigkeit hängt nicht davon ab, wie viel wir arbeiten, wie viele Steuern wir zahlen oder welchen wirtschaftlichen Nutzen wir haben. Menschenwürde muss man sich nicht verdienen. Wir erleben seit Monaten und Jahren eine politische Debatte, in der Menschen mit Migrationsgeschichte immer wieder als Problem dargestellt werden. Was wir in den vergangenen Tagen erlebt haben, macht mir gleichzeitig unglaublich viel Hoffnung. Geschäftsinhaber und Geschäftsinhaberinnen unterschiedlicher Herkunft haben miteinander gesprochen. Menschen haben andere Geschäfte angerufen und haben gesagt: Mach mit. Wir stehen zusammen. Menschen, die sich vorher kaum kannten, unterstützen sich plötzlich gegenseitig. Gewerkschaften, Vereine, Initiativen, Studierende, Beschäftigte und viele Einzelpersonen zeigen Solidarität. Und das ist vielleicht die wichtigste Antwort auf diejenigen, die unsere Gesellschaft spalten wollen.“


Für die IG Metall sprach Pascal Gallus. Er solidarisierte sich mit dem Migrantenstreik und rief zur Mitarbeit beim Sozialratschlag „Magdeburg steht zusammen“ und zur Beteiligung an den Demonstrationen der Gewerkschaften ein. Annett Flachshaar sprach für Ver.di und beendete ihren Beitrag mit dem Ruf: „Alerta antifascista!“ Daniel Wiegenstein von der MLPD betonte den antifaschistischen Widerstand verschiedener Organisationen und Einzelpersonen im ganzen Land. Die wachsende Einheit werden wir dringend brauchen, wenn wir dem blau-lackierten Faschismus nicht unsere Heimat überlassen wollen. Auch „Widersetzen“ Magdeburg hat gesprochen, verschiedene Migranten und weitere Einzelpersonen. Nach einer Demonstration durch die Innenstadt wurde die Aktion mit kurdischen und türkischen Tänzen beendet.

Gratulation statt Ärger bei den Kunden

Die Tage danach: Die meisten Kunden sind nicht verärgert, im Gegenteil. Sie gratulieren zum erfolgreichen Streik! Die Organisatoren berichten, wie viele Anfragen und Mails eingehen. Sie geben Interviews am laufenden Band. Für Medien aus Deutschland, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Spanien und Tschechien …


Die massenhafte Ladenschließung gibt es in der Türkei, im Iran, in arabischen Ländern. Nun hat diese Kampfform ihren Weg nach Deutschland gefunden. Nicht nur bei der Musik, nicht nur bei den Speisen, auch im Kampf trägt Migration und Austausch zwischen den Völkern zum Fortschritt der Menschheit bei!