Rote Fahne 19/2026
Fritz Jensen: Vom rebellischen Jugendlichen zum kommunistischen Arzt an vielen Fronten
Die Autorin Eva Barilich hat 1991 mit der Biografie des Österreichers Friedrich Albert Jerusalem einen lesenswerten Bildungsbeitrag zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung geschaffen:
Friedrich Albert Jerusalem wächst in Wien als Sohn einer liberalen, jüdischen Familie auf. Der Vorabend des Ersten Weltkriegs und die russische Oktoberrevolution beeinflussen die österreichische Arbeiterbewegung: In der Habsburger Monarchie bilden sich Arbeiter- und Soldatenräte. Es kommt zum „Jännerstreik“¹ 1918. Am 3. November 1918 gründet sich in Wien die „Kommunistische Partei Deutschösterreichs“ (KPDÖ). Eine revolutionäre Situation herrscht in Österreich, die jedoch mit einer sozialdemokratischen Regierung beendet wird.
Verbindung zur revolutionären Arbeiterbewegung
All das politisierte den jungen Fritz: Über eine lose Gruppe seines Freundeskreises, die „Felonen“, kommt er in Kontakt zum „Verband der sozialistischen Arbeiterjugend Deutsch-Österreichs“ (SAJ), der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Partei. Innerhalb der SAJ entwickelt sich eine starke Strömung, die mit der kommunistischen Dritten Internationale sympathisiert. Von 1923 bis 1929 studiert Fritz an der Wiener Universität Medizin. Der Faschismus erstarkt: Jüdische und sozialistische Studenten und Hochschullehrer werden von faschistischen Studenten verbal und körperlich attackiert. Die Ermordung dreier Arbeiter durch faschistische Banden bestürzt die „Felonen“, fordert aber auch ihren Widerstand heraus.
Um sich wehren zu können, trainieren Fritz und seine Freunde Jiu-Jitsu. Später stoßen auch junge Frauen zur Gruppe. Sie treiben gemeinsamen Sport, organisieren Bergwanderungen und diskutieren über Literatur und Politik. 1929 gründen Fritz und andere aus dem Kreis der „Felonen“ die „Wiener Stoßbrigade“ – eine kulturelle Agitpropgruppe, wie sie damals zuhauf in der Arbeiterbewegung entstanden. Sie machten proletarisches Theater, Sketche und andere Kulturbeiträge und führten sie bei Versammlungen in Gaststätten auf.
Aktivist der Kommunistischen Partei
Am 9. November 1929, dem Tag seiner Promotion, tritt Fritz der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) bei. Diese wird 1933 verboten. Doch ungeachtet dessen betätigt sich er als Referent für Agitation, Propaganda und Spielgruppen in der Kreisleitung 2 in Wien. Während eines kurzzeitigen Aufenthalts in Kassel, wo er als Sekundararzt tätig ist, entsteht sein Tarnname „Fritz Jensen“. Unter diesem Namen nimmt er an einer Veranstaltung der NSDAP teil und entlarvt deren Demagogie. 1934 wird Fritz verhaftet und verbringt zwei Monate in „Notarrest“. Nach seiner Freilassung gründet er eine eigene Praxis, da ihn aufgrund seiner politischen Gesinnung kein Krankenhaus einstellt. Er führt auch Schwangerschaftsabbrüche für Arbeiterfrauen durch.
Chefarzt für die Internationalen Brigaden
1936 gibt er seine Praxis auf, reist nach Spanien und schließt sich den Internationalen Brigaden an. Fritz wird zum Chefarzt der XII. Brigade ernannt. Ende September 1938 werden die Internationalen Brigaden demobilisiert, da die faschistischen Kräfte zu stark wurden und die Brigaden durch Spaltung, ausgehend vor allem von anarchistischen Kräften, geschwächt waren. Fritz konnte einer Internierung knapp entgehen. Er besuchte internierte französische Genossen, die im Lager die Ursache der Niederlage selbstkritisch auswerteten. Das prägt sich tief in sein Gedächtnis ein: „Ich sah die Gesichter der Genossen … In ihren Zügen war noch die Müdigkeit der letzten Kämpfe, in ihren Körpern die Magerkeit, die von Strapazen und Hunger kommt. In ihren Kleidern war der Staub des Erdlagers, und ihre Augenlider waren entzündet vom pulvrigen Sand. Aber in ihren Augen war die Standhaftigkeit der Kämpfer gegen den Faschismus, die Disziplin, die der Sache des Fortschritts gehört, und das Vertrauen in ihre Klasse und ihre Partei.“²
Einsatz im chinesischen Befreiungskampf
Fritz bemüht sich erfolglos um ein Visum in die USA. 1939 reist er mit Hilfe der „China Medical Aid Committee“ nach China. Jensen wird gemeinsam mit anderen Ärzten und Pflegepersonal im Chinesischen Roten Kreuz eingegliedert. Die persönlichen Erlebnisse und Begegnungen werden durch historische Hintergrundinformationen zum Krieg der chinesischen Volksmassen unter Führung der Kommunisten gegen die faschistische Besatzung Japans und später die Kuomintang bereichert. 1945 heiratet Fritz die chinesische Partisanin Wang Wu-An. Bis 1947 ist er als Arzt in vornehmlich kommunistischen Gebieten tätig. Er ist tief beeindruckt von der aufopferungsvollen Arbeit der chinesischen Revolutionäre und Volksmassen.³ 1954 bereist er Vietnam und lernt Ho-Chi Minh kennen.
Das ereignisreiche und spannende Leben dieses unermüdlichen Arztes und Revolutionärs findet leider am 11. April 1955 ein tragisches Ende. Elf Personen, darunter Fritz, sterben bei einer Bombendetonation in einem Flugzeug auf dem Weg nach Indonesien. Der Anschlag der Kuomintang galt jedoch Zhou Enlai, kommunistischer Führer und damals Premierminister der Volksrepublik China.