Rote Fahne 19/2026

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Bundeswehroffizier:„Dann bin ich wohl Kommunist“

Kürzlich fiel mir eine Begebenheit ein, die sich vor langer Zeit ereignet hatte, die ich aber den Rote-Fahne-Lesern erzählen möchte:

Von einem Korrespondenten aus Minden
Bundeswehroffizier:„Dann bin ich wohl Kommunist“
(Zugrundeliegendes Foto: gemeinfrei, Grafik: RF)

Trotz des gemeinsamen Elternhauses hatten mein älterer Bruder und ich sehr unterschiedliche Wege eingeschlagen: Er war Bundeswehroffizier geworden und hatte als solcher liberal-konservative Auffassungen. Eines seiner Vorbilder war der Preußenkönig Friedrich II. (der sogenannte „Große“), der von sich gesagt hatte, er sei der „erste Diener des Staates“ und von dem berichtet wurde, er sei absolut gegen Prunksucht und Korruption und für unbedingte Gesetzestreue und Gerechtigkeit für jedermann gewesen. Das „Wohl des Volkes“ sei ihm ein Hauptanliegen gewesen, dem jeder zu dienen hätte.

 

Ich selber war damals junger Lehrer, bemühte mich, einen antifaschistischen Unterricht zu halten und hatte Sorgen wegen des sogenannten Berufsverbots gegen linke Beamte. Ansonsten unterstützte ich von ganzem Herzen in Wort und Tat den damaligen KABD, die Vorläuferorganisation der MLPD. Die „brüder­liche Solidarität“ war trotz sehr kontroverser Weltanschauungen tragbar dafür, dass mein Bruder und ich uns ab und zu trafen und uns über dies und jenes austauschten. So erzählte mir mein Bruder – er war damals Kompaniechef einer Pioniereinheit – etwas deprimiert folgendes Ereignis:

Den Preußenkönig zu ernst genommen

Er hatte mit „seinen“ Soldaten mit umfangreichem Pio­niergerät den Bauern seiner Region geholfen, indem er vom Frühjahrshochwasser zerstörte Kleinbrücken und Stege über Bäche und Flüsse instand setzen ließ, eine durchaus sinnvolle Übung für Pioniere. Ebenfalls als für Pio­niere angemessenen Einsatz hatten die Soldaten ein defektes Betonsilo bei einem Bauern aufwendig gesprengt und abgeräumt. Beide Unternehmungen waren seiner Auffassung nach durchaus konform mit dem, was sein großes Vorbild, Friedrich II., gepredigt hatte. Allerdings bekam er bald riesigen Ärger: örtliche Bauunternehmer hatten sich bei seinen Vorgesetzten darüber beschwert, dass er durch die von ihm verordneten Einsätze den Unternehmen Verdienstmöglichkeiten weggenommen hatte. Er bekam wohl die strenge Ermahnung, auf keinen Fall die Geschäfte der ortsansässigen Unternehmer zu stören. Zähneknirschend sagte er mir, er habe schließlich eingesehen, dass dies wohl der geltenden Gesetzeslage entsprechen würde, die aber irgendwie falsch wäre.

Mao untergeschmuggelt

Da ich mich damals gerade intensiv über Krieg und Frieden und somit über militärische Fragen informiert hatte, konnte ich meinem Bruder einige Zitate aus Mao Zedongs Schriften – allerdings ohne erst mal den Verfasser zu nennen – zum Thema „Beziehungen zwischen Militär und Volksmassen“ vorlesen. Ich hatte auch ein Zitat gefunden, das allerdings in der offiziellen Ausgabe von Maos ausgewählten Werken nicht wörtlich wiederzufinden ist: „In den kampffreien Zeiten muss die Armee die Bevölkerung bei der landwirtschaftlichen Produktion unterstützen …. Wenn die Armee den Massen bei der Ernte oder beim Pflügen hilft, stärkt das nicht nur die Wirtschaft, sondern schmiedet eine unzerbrechliche Einheit zwischen Armee und Volk.“

 

Mein Bruder bestätigte mich jedes Mal mit begeisterten Bemerkungen wie: „Ja genau, ja genauso muss das sein.“ Das entspreche genau seinen Auffassungen. Als ich ihm dann den Autor nannte, stutzte er kurz und fragte leicht ironisch: „Tja, dann bin ich wohl Kommunist, was?“ Ich erwiderte in der gleichen Art: „Dazu gehört sicher noch etwas mehr, aber man sieht doch: der Kommunismus ist vernünftig und einsichtig.“

 

Da ich mich auch bei Bertolt Brecht gut auskannte, habe ich ihm dann das folgendes Gedicht vorgelesen:

Lob des Kommunismus

Er ist vernünftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht.

Du bist doch kein Ausbeuter, du kannst ihn begreifen.

Er ist gut für dich, erkundige dich nach ihm.

Die Dummköpfe nennen ihn dumm, und die

Schmutzigen nennen ihn schmutzig.

Er ist gegen den Schmutz und gegen die Dummheit.

Die Ausbeuter nennen ihn ein Verbrechen.

Aber wir wissen:

Er ist das Ende der Verbrechen.

Er ist keine Tollheit, sondern

Das Ende der Tollheit.

Er ist nicht das Chaos

Sondern die Ordnung.

Er ist das Einfache,

Das schwer zu machen ist.

Die Sache mit der Begeisterung

Natürlich hatte ich damit die Auffassungen meines Bruders nicht komplett umgekrempelt. Aber er war doch etwas nachdenklicher geworden und hat sich zumindest in der Zukunft mir gegenüber seine früheren antikommunistischen Sprüche verkniffen. Ich schenkte ihm bei diesem Treffen noch zum Abschied das Buch: Mao Zedong, „Ausgewählte militärische Schriften“, Peking 1969, das er später mal so kommentierte: „Ja ja, da ist was dran. Aber der Mao unterstellt ja auch immer eine Begeisterung der Soldaten für ihren Kampf und die kann man bei unseren Leuten nicht unbedingt voraussetzen.“ Wie recht er hatte!