Rote Fahne 16/2026
„Wieso muss ich mich von so einer anlernen lassen?“
Beeindruckend große Demonstrationen zum Christopher-Street-Day (CSD) verstehen sich zu großen Teilen immer bewusster als Teil des antifaschistischen Widerstands. In Köln zogen am 5. Juli rund 60 000 Aktivisten durch die Stadt. Etwa eine Million Zuschauerinnen und Zuschauer feierten und tanzten mit. Passend dazu berichtet ein Korrespondent über Erfahrungen, wie sich Arbeiterinnen und Arbeiter gegen sexuelle Diskriminierung in Betrieben zusammenschließen:
Ahmed kommt heute als Leiharbeiter neu in die Abteilung und ärgert sich gleich. „Wieso muss ich mich von dieser Frau anlernen lassen?“ Zuerst dachte er noch, es sei ein Mann, aber dann der Schock … In der ersten Pause geht er gleich zu Mustafa, dem Gruppensprecher: „Sag mal, was ist das denn für eine – wie sieht die überhaupt aus?“ Direkt die Antwort: „Und was bist du denn für einer?! Das ist Erika, unsere Vertrauensfrau, auf die lass ich nichts kommen.“
Okay, da war wohl nichts zu holen. Dann eben zu Arthur, der war vorhin freundlich und hat Kaffee für alle gebracht. Und lieber vorsichtiger: „Äh, also, wie ist die eigentlich so?“ „Die ist okay, die hat mehr Eier in der Hose als mancher hier.“ Na gut, das wird wohl nichts.
Nachdenken hilft
Aber vielleicht ist ja auch was dran, denkt Ahmed. Gegen Türken hat sie anscheinend nichts. Als der Meister stinksauer kam, weil es bei Dirk schon wieder rot blinkte, hat sie den einfach voll verteidigt. Sie hat irgendwas von defekter Toilette erzählt, so dass der nur wutentbrannt Richtung Klo abgeschoben ist. Aber trotzdem!
In der Mittagspause erst mal die Kollegen kennenlernen. Nette Typen! Ja, auch ein paar Frauen, scheinen in Ordnung zu sein. Wie überall, die einen schlafen, die anderen hängen am Handy, manche diskutieren. Viel wird darüber diskutiert, dass bald der Rohbau geschlossen werden soll, was man da machen kann und so weiter. Ahmed hat da Erfahrung. In seinem vorherigen Betrieb haben sie gegen die Fremdvergabe des Kabelsatzes gekämpft. Aber er traut sich nicht, was zu sagen. Noch nicht!
Da kommt ein Kollege rein, Martin, Vertrauensmann: „Ich sammle! Für Erika.“ „Was schon wieder?! Die hat doch gerade erst geheiratet?“ „Ja, aber jetzt hat sie ein Kind bekommen!“ Hä?! Ahmed versteht gar nichts mehr … Die Erika, die hat doch kein Kind bekommen.
Angekommen im 21. Jahrhundert
Aber schon geht es weiter. „Schade, dass sie mein Angebot nicht angenommen hat, es von mir zu kriegen.“ Das war Steffen. „Du spinnst ja!“ So ging es hin und her. Bis Martin ruft: „Was is jetzt, Männer?!“ Alle zücken ihre Geldbeutel, vor allem Fünfer, manche Zehner, der alte Igor gibt zwanzig. Heimlich fragt Ahmed, ob das DIE Erika sei. „Ja, ihre Frau hat das Kind bekommen, Samenspende! Glotz nicht so blöd! Wir leben im 21. Jahrhundert!“
Martin kommt auf seinen Tisch zu – Mist. Aber da sagt der schon: „Du bist ja neu, brauchst nix geben, lern’ die erst mal kennen!“ Uff! Dann meint Martin: „Vorhin war ich beim Chef im Büro, hab gesagt, dass ich wegen Nachwuchs sammle. Ich sag: die Erika. Der Chef steckt den Geldbeutel wieder ein: ‚Nee dann nicht!‘ Ich fass es nicht.“ Alle lachen!
Ahmed zückt seinen Geldbeutel und legt einen Fünfer dazu.¹