Rote Fahne 11/2026
Esslinger Studiengruppe geht ins Theater
Die Esslinger Studiengruppe der MLPD hatte das Kapitel „Die Renaissance faschistischer Ideologien auf neuer Grundlage“ im Buch von Stefan Engel „Die Krise der herrschenden Ideologie und des Opportunismus“ (S. 232) gelesen und diskutiert. Dazu passend besuchten einige Teilnehmer die Aufführung des Dramas „Der Brettheim-Prozess“ von Hans Schultheiß im Schauspielhaus Esslingen:
Das Stück wird wie ein Prozess gespielt und führt mit vielen Zitaten den wirklich 1960 in Brettheim durchgeführten Prozess gegen drei Nazi-Todesrichter und -Henker nach. Die Bevölkerung von Brettheim konnte sich mit dem Freispruch der Todes-Richter und -Henker nicht abfinden und hatte diesen neuen Prozess durchgesetzt.
Vor dem Dorf Brettheim in Baden-Württemberg nahe Roth am See standen kurz vor Kriegsende die US-Truppen. Jugendliche und sie unterstützende Bauern räumten die Blockaden der Nazitruppen weg, damit das Dorf friedlich eingenommen werden konnte und nicht bombardiert wurde. Zwei Bauern sollten deswegen erschossen werden, einer von ihnen konnte fliehen. Der Ortsgruppenleiter der NSDAP, zugleich Dorfschullehrer, sowie der Bürgermeister weigerten sich, das Urteil zu unterschreiben. Sie wurden zusammen mit dem Bauern erhängt. Wenige Tage danach wurde das Dorf von den US-Truppen dem Erdboden gleichgemacht.
Beeindruckende „Zeugenaussagen“
Das Theaterstück rollt den Prozess mit beeindruckenden Zeugenaussagen und den zu Galgen degradierten Bäumen neu auf. Die Tochter des Bürgermeisters erklärt, dass ihr Vater als Christ dieses Urteil nicht unterzeichnen konnte. Zu Wort kommt eine Bewohnerin, die gesehen hat, wie die Hitler-Jugend („Das waren 15-jährige Kinder!“) gezwungen wurde, den Mord sogar mit ihrem Akkordeon zu begleiten. Und der eiskalte Verteidiger der drei Schergen, der darauf antwortet: „Sie waren zum Volkssturm eingeteilt und damit Soldaten. Sie unterstanden dem Kriegsrecht.“
Zuschauer ergriffen, bestürzt und bedrückt
Wir sahen nicht nur das Nazirecht, wir sahen auch das jetzige bürgerliche Rechtsprinzip, den sogenannten Rechtspositivismus. Danach „ist der Staat die ‚rechtssetzende Autorität‘, die Gesetze formell festlegt“. Für ihn ist „das jeweils geltende Recht unantastbar“.¹ Dieses bürgerliche Rechtsprinzip und das Rechtsempfinden der meisten Menschen sind wie Feuer und Wasser. Auch in Bezug auf das Rechtswesen ist die Überwindung des Imperialismus auf der Tagesordnung.
Die Zuschauer waren ergriffen, bestürzt, bedrückt. Manche dachten an das neue Wehrpflichtgesetz oder das Vorgehen von Trump gegen ganze Städte mit Waffengewalt und die Gesetze, die das rechtfertigen. Nach dem Schlusssatz, in dem das Urteil über die drei Todesrichter verkündet wurde („Freispruch“), blieb der Saal dunkel. 20 Sekunden herrschte Stille. Dann setzte lang anhaltender Beifall ein.