Rote Fahne 10/2026
Sozialistische Sowjetunion: „Diese Blüte fortschrittlicher Kultur kann uns Vorbild sein“
In dem Buch „Die Krise der bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften, der Religion und der Kultur“ heißt es: „Nach den Gräueln des imperialistischen Ersten Weltkriegs bestärkte der Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion eine Blüte fortschrittlicher Kultur in der Weimarer Republik.“¹ Die konzentrierten Aussagen dazu regten Thomas Toussaint aus Bremen an, das weiter auszuführen, um das breite Spektrum proletarischer und revolutionärer Kultur der 1920er- und 1930er-Jahre bekanntzumachen
Die sozialen Missstände und schlechten Lebensbedingungen, Kampf um Lohn und Arbeitsplatz, reaktionäre Angriffe auf die Werktätigen und aufkommender Faschismus sowie das Vorbild der jungen Sowjetunion schweißten die Arbeiter zusammen. Teil dieses Klassenkampfs war auch die Entwicklung der künstlerischen Seite dieser proletarischen Alltagskultur. Ausdruck proletarischer Kultur waren revolutionäre Kämpfe zur Etablierung von Räterepubliken nach Sowjetvorbild 1918/1919, die Niederschlagung des Kapp-Putschs, der Hamburger Aufstand und der Blutmai 1929 in Berlin. All diese Kämpfe waren Ausdruck revolutionärer proletarischer Kultur, fanden aber auch künstlerische Widerspiegelung.
Da war der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller mit Künstlern proletarischer Herkunft wie Hans Marchwitza („Sturm auf Essen“ und viele andere Bücher), Willi Bredel („Maschinenfabrik N. & K.“ und vieles mehr) oder Ludwig Turek („Ein Prolet erzählt“ und andere), um nur einige wenige zu nennen. Auch revolutionäre Künstler kleinbürgerlicher oder bürgerlicher Herkunft gehörten dazu, wie zum Beispiel Anna Seghers (unter anderem „Der Aufstand der Fischer von St. Barbara“) oder Vieth von Golßenau, Künstlername Ludwig Renn („Krieg“, „Nachkrieg“ und so weiter).
Großartige Zeitungs- und Theaterprojekte
Die Arbeiter-Illustrierte Zeitung (AIZ) wurde besonders lebendig und kämpferisch durch die großartigen Illustrationen und Collagen von Helmut Herzfeld, Künstlername John Heartfield (zum Beispiel die Hitler-Kollage „Millionen stehen hinter mir“).
Zum proletarischen Theater Brechts und Piscators sollten auch die fortschrittlichen Musiker Paul Hindemith, Kurt Weill und Hanns Eisler genannt werden. Und Brecht versuchte gleichzeitig, das neue Medium Radio für die proletarische Kultur zu nutzen. Der Schriftsteller Klaus Neukrantz („Barrikaden am Wedding“) forderte in der Zeitung „Arbeiter-Radio-Klub“ die „demokratische Handhabung des Rundfunks“.
Proletarische Filme, Chöre und Sportvereine
Neben Literatur und Theater entwickelte sich die Sparte des proletarischen Films zum Beispiel mit Piel Jutzi bei der proletarischen Prometheus Film („Hunger in Waldenburg“; „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“) und Slatan Dudow („Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“). Dieser Film entstand unter Mitwirkung von Brecht und stellt das solidarische Leben proletarischer „Alltagskultur“ dar.
Es entstanden Agitprop-Gruppen, wie die „Roten Raketen“, die vor Betrieben und auf Versammlungen auf aktuelle Fragen und Forderungen des Klassenkampfes künstlerisch eingingen und Forderungen der Arbeiter propagierten.
Großartiger Arbeiterkünstler war der Sänger Ernst Busch, und es existierte eine große Zahl von Arbeitergesangsvereinen und -chören. Auch entwickelte sich ein breites Feld des Arbeitersports, vertreten unter anderem durch den Arbeitersportler und von den Hitler-Faschisten ermordeten Widerstandskämpfer Werner Seelenbinder.
Widerstand gegen den Faschismus
Diese entwickelte proletarische Kultur der 1920er- und frühen 1930er-Jahre war dem deutschen Imperialismus ein Dorn im Auge, und der Hitler-Faschismus sollte dem ein brutales Ende machen. Aber die proletarische Kultur ließ sich nicht komplett beseitigen und unterdrücken. Die Arbeiterklasse leistete Widerstand, in Deutschland und international, so mit den Internationalen Brigaden zur Verteidigung der spanischen Republik.
Der Widerstand gegen den Faschismus fand in Nazi-Deutschland seinen literarischen Ausdruck zum Beispiel mit dem Tatsachenroman „Unsere Straße“ von Autor Hans Schwalm alias Jan Petersen.
Große Anziehungskraft
Dies sind einige Beispiele proletarisch-revolutionärer Kultur aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Diese Kultur beschränkte sich natürlich nicht auf einzelne begnadete Künstler oder spezielle Kunstwerke. Die verschiedenen Seiten der Kunst entstanden aus den gesamten Lebens- und Kampfbedingungen der Arbeiterklasse. Ich habe versucht, diesen Zusammenhang anzudeuten.
Diese Epoche proletarischer Kultur stand im engen Zusammenhang mit dem Vorbild der Revolution in Russland und dem Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion einerseits und dem Kampf gegen Bourgeoisie und Faschismus andererseits. Die Auswirkungen der proletarischen Kultur dieser Phase des Klassenkampfs waren so groß, dass viele Menschen beziehungsweise Künstler der Zwischenschichten auf die Seite der Arbeiterklasse gezogen wurden. Diese positive Seite proletarisch-revolutionärer Kultur bildete den Gegenpol zur Dekadenz bürgerlicher Kultur. Sie kann und soll uns auch heute noch Vorbild und Anregung sein und uns gleichzeitig erfreuen und unterhalten.