Rote Fahne 08/2026

Rote Fahne 08/2026

Das „andere Geschäftsmodell“ des Herrn Blume

Die offene Krise der Neuorganisation der internationalen Produktion führt zu tiefen Verwerfungen in der weltweiten Automobilproduktion. Exemplarisch wird das deutlich am VW-Konzern:

Von gp
Das „andere Geschäftsmodell“ des Herrn Blume
Unbefristeter, selbstständiger, konzernweiter Streik – eine Kernfrage der Auseinandersetzung in den VW-Belegschaften, hier bei einer kämpferischen Kundgebung am 9.12. 2024 in Kassel

Die Auseinandersetzung um das massive Kahlschlagprogramm bei der Kernmarke VW in Deutschland endete 2024 mit einigen Zugeständnissen, wie dem Verzicht auf Werksschließungen (für Emden geplant) und betriebsbedingte Kündigungen. Gleichzeitig setzte der Vorstand wesentliche Teile seiner Pläne durch: die Vernichtung von 35 000 Arbeitsplätzen, Entgeltkürzungen von acht Prozent, Vernichtung von mehr als der Hälfte der Ausbildungsplätze.


Eine Kollegin aus Kassel berichtet: „Unter der Belegschaft besteht große Einigkeit, dass es falsch war, 2024 nicht zu streiken. Doch wenn man sie fragt, wer den Streik führen soll, erwarten die meisten dies vom Betriebsrat und der IG Metall.“ Trotz großer Kampfentschlossenheit reichte die Organisiertheit und Entschlossenheit noch nicht zu einem selbständigen Streik, um die Pläne vom Tisch zu bekommen. Die werden die Kolleginnen und Kollegen aber dringend brauchen.

Nur noch zwei VW-Werke in Deutschland?

Nur gut ein Jahr nach dem Abschluss der Vereinbarung verkündete VW-Konzernchef Oliver Blume im Januar vor Führungskräften ein weiteres „Spar“programm von 60 Milliarden Euro für den ganzen Konzern. Die beauftragte Rationalisierungsfirma McKinsey hat dabei ein Horrorzenario an die Wand gemalt, das aufzeigt, auf was sich die Kolleginnen und Kollegen einstellen müssen: Von zehn deutschen Werken sollen nur zwei, nämlich Wolfsburg und Ingolstadt, erhalten bleiben. In einem Interview mit dem ZDF am 10. März erklärte Blume, das Geschäftsmodell, das seinen Konzern und die deutsche Autoindustrie über Jahrzehnte getragen habe, funktioniere in dieser Welt nicht mehr. „Fahrzeuge in Deutschland zu entwickeln, bauen und dann zu exportieren, funktioniert nicht mehr, weil sich die verschiedenen Weltregionen verändert haben. … Und deshalb sind wir dabei, dass wir einen Transformationsplan aufgestellt haben, der noch einmal die Produkte deutlich lokaler zuschneidet für die jeweiligen Weltregionen.“


So plant VW in Hefei/China mit 3,5 Milliarden Euro ein „zweites Wolfsburg“, das Fahrzeuge „in China für China“ produziert. Außer dem chinesischen Markt sollen von dort der Mittlere Osten, Südostasien, Lateinamerika und Afrika beliefert werden. Die Konsequenz ist Vernichtung von Kapital in Deutschland durch Reduzierung der Produktion, Stilllegungen und weitere massive Arbeits- und Ausbildungsplatzvernichtung.

Ein neuer Fan der „Planwirtschaft“?

Doch hinter Blumes „anderem Geschäftsmodell“ steckt mehr. So sieht er in einem Interview mit BILD am Sonntag die straff gelenkte Wirtschaft und faschistoi­den Zustände in China als Vorbild für Deutschland. Dort gehe man „sehr planerisch“ vor. „Das ist optimal durchstrukturiert mit den Fünfjahresplänen.“ Die Fünfjahrespläne im heutigen neuimperialistischen China haben aber nicht mehr das Geringste mit den Fünfjahresplänen aus der Zeit des Sozialismus zu tun. Damals dienten sie zur Planung des systematischen Aufbaus der Wirtschaft im Interesse der Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen im Einklang mit der Natur. Mit der Restauration des Kapitalismus in China wurde die sozialistische Planwirtschaft in ein ultrazentralistisch-bürokatisches Instrument für die neue Monopolbourgeoisie umgewandelt.


Daher weht also der Wind. Schluss mit der lästigen, zeitaufreibenden bürgerlichen Demokratie! Das Land und jeder Betrieb brauchen eine starke Hand, die sagt, wo es lang geht. In Blumes neuem Geschäftsmodell à la China gibt es auch keine nervigen Gewerkschaften, Betriebsräte und Tarifverhandlungen mehr, schon gar keine revolutionäre Arbeiterpartei wie die MLPD. Die Rechtlosigkeit und Unterdrückung der Arbeiterinnen und Arbeiter sorgen für „Disziplin und Leistungsbereitschaft“. Hatten wir das nicht schon einmal? Ist es das, was Herrn Blume vorschwebt? Sicher wird er das ganz weit von sich weisen. Doch es ist Teil der offenen Krise der Neuorganisation der internationalen Produktion, dass faschistoide und faschistische Methoden des Konkurrenzkampfs und des bürgerlichen Staatsapparats hoffähig gemacht werden.

Zeit für die Arbeiteroffensive

Ein VW-Arbeiter meint gegenüber der Roten Fahne: „Wir sind uns einig, dass der Vorschlag von McKinsey ein Drohszenario ist, um uns weichzuklopfen. Deshalb müssen wir aus den Stärken und Schwächen der Auseinandersetzung von 2024 die richtigen Konsequenzen ziehen. Dazu gehört insbesondere, einen selbständigen Streik und den Übergang zur Arbeiteroffensive auf breiter Front gemeinsam mit anderen Belegschaften ins Visier zu nehmen.“