Rote Fahne 07/2026

Rote Fahne 07/2026

Von der Bildungskrise zur Bildungs­katas­trophe

Bildung ist Menschenrecht! Es bleibt den Bundesländern überlassen, wie das in Artikel 14 der Grundrechte-Charta der EU festgelegte Recht verwirklicht werden soll. Immerhin wurde am 1. Oktober 2021 ein Gesetz verkündet, wonach ab dem Schuljahr 2026/2027 alle Schulanfänger ein Recht auf Ganztagsbetreuung haben. Nach und nach soll das dann auf alle Grundschulkinder erweitert werden. Was wurde in den letzten fünf Jahren getan, damit dieses Recht nicht nur auf dem Papier bleibt?

Von einem Korrespondenten aus Bergkamen
Von der Bildungskrise zur Bildungs­katas­trophe
Schülerprotest in Krefeld

Obwohl die Kultusministerkonferenz ziemlich genaue Zahlen für den Platzbedarf an Ganztagsschulen vorlegte¹, stellt das Bundesfamilienministerium Ende 2025 fest: es fehlen noch bis zu 65 000 Plätze.²

 

Schon jetzt werden Kinder in billigen Containern unterrichtet. Personal fehlt überall, qualifiziertes Fachpersonal erst recht. Es zeichnet sich ab, dass der Rechtsanspruch nicht erfüllt werden kann. Was dann? Sollen berufstätige Eltern ihre Sechsjährigen alleine zu Hause lassen oder den Job kündigen?

 

Es ist skandalös: Die Regierung beschließt ein Gesetz, tut fünf Jahre nichts für seine Um­setzung und stellt dann den Mangel fest. In einer vom Profitdiktat befreiten Gesellschaft, dem echten Sozialismus, wäre die qualifizierte Bildung aller Kinder eine der allerwichtigsten Aufgaben. Im kapitalistischen Deutschland aber ist das mit der Ganztagsschule nicht das einzige bildungspolitische Problem!

Grundschule: Immer weniger können lesen und schreiben

Laut Bildungsmonitor hat sich 2025 die Lage an den Schulen gegenüber dem Vorjahr weiter verschlechtert.³ Auf einer Skala von 0 bis 100 gibt es gegenüber 2013 einen Rückgang um 43,8 Punkte bei „Integration und Bildungschancen“, um 28,2 Punkte bei der „Schulqualität“ und um 26 Punkte im Hinblick auf den „Kampf gegen Bildungsarmut“.

 

Lehrer an weiterführenden Schulen berichten, dass immer mehr Kinder nach vier Jahren Grundschule kaum lesen und schreiben können. Verhaltensauffälligkeiten wie mangelnde Konzentrationsfähigkeit, fehlende Empathie, Fehlzeiten nehmen zu.

 

Wie ist es zu rechtfertigen, dass einzelne, meist per Los bestimmte Kinder an der Schule am Ort abgewiesen, aus ihrem vertrauten Umfeld herausgerissen und an die Schule in der Nachbarstadt verwiesen werden?

Kein Zeugnis von Armut

Ein Armutszeugnis, aber kein Zeugnis von Armut! Trotz leicht sinkender Umsätze erzielten die Großunternehmen in Deutschland gestiegene offizielle Gewinne von insgesamt 118,8 Milliarden Euro.⁴ Vom Vermögen der etwa 170 Milliardäre in Deutschland ganz abgesehen!

 

Die Kosten, um den bundesweiten Investitionsrückstand im Schulbau aufzuholen, bezifferte die Kreditanstalt für Wiederaufbau 2023 auf 47,4 Milliarden Euro. Mit ihrer „Investitionsoffensive“ für Kriegsrüstung und Subventionen für Großkonzerne in Höhe von 500 Milliarden Euro zeigt die Regierung: Es liegt keinesfalls an fehlenden Finanzmitteln, wenn die Bildungskrise auf eine Bildungskatastrophe zuschlittert. Schon jetzt bleiben etwa die Hälfte aller jungen Menschen über 20 Jahre ohne berufliche Qualifikation. Sind sie es, die dann für den „Dienst in der Armee“ geködert werden sollen? Die Forderung „Bundeswehr – raus aus den Schulen“ gewinnt da an Bedeutung.

Wie die AfD den Lehrermangel „lösen“ will

Zu alldem gesellt sich ein wachsender Lehrermangel. Die faschistische AfD hat daran kein Interesse. Sie will, dass nur noch Fachlehrer die Kinder unterrichten sollen. Dabei fehlen laut Lehrkräfteprognose der Länder bis 2035 etwa 49 000 ausgebildete Lehrkräfte, um alle Stellen irgendwie zu besetzen. Zumal die Schülerzahl bis dahin um etwa 600 000 wachsen wird, das entspricht etwa der Schülerzahl eines Bundeslands wie Rheinland-Pfalz.⁵

 

Doch werden die Kommunen, die ja die Schulträger sind, mit dem Problem von den Regierungen in Bund und Ländern alleine gelassen. Während die Kommunen rund 80 Prozent der Sachinvestitionen stemmen müssen, soll ihnen zum Beispiel in NRW nur ein 60-Prozent-Anteil der Landesmittel zufließen. Für Kitas, Schulen und den Ganztag erhalten die Kommunen lediglich 5 Milliarden Euro, in Baden-Württemberg 8,77 Milliarden. Die Kommunen errechneten aber Mitte letzten Jahres einen Investitionsstau von 215,7 Milliarden Euro im ganzen Land.⁶

Für gründliche Bildung und Erhalt des Weltfriedens

Jetzt soll die Jugend geködert werden als „Kanonenfutter“ in einem Weltkrieg. Schülerinnen, Schüler und Eltern gleichermaßen müssen sich energisch dagegen wehren, dass nun die Bundeswehr verstärkt an Schulen werben soll.

 

Und so schön das Lied von Reinhard Mey „Nein, meine Söhne kriegt ihr nicht“ auch klingt – wenn es denn so einfach wäre! Es bedarf nicht nur einer an den Interessen der breiten Masse orientierten gründlichen Bildung und Ausbildung der Kinder und Jugendlichen, sondern auch des Friedens auf der Welt.


Beides, das zeigt die ganze Entwicklung, wird es aber unter den heute herrschenden im­perialistischen Verhältnissen nicht geben!