Rote Fahne 07/2026

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Künstliche Intelligenz –Wundertechnik, Bedrohung, nützliches Werkzeug?

Am 30. November 2022 veröffentlichte die Firma OpenAI ChatGPT 3.5.¹ Innerhalb weniger Tage registrierten sich Millionen Nutzer und das Thema „Künstliche Intelligenz“ wurde zum Massenthema, das uns bis heute begleitet. Wer etwas auf Google sucht, bekommt automatisch eine KI-generierte Antwort „gratis“ dazu. Wer irgendeine Hotline anruft, trifft oft als erstes auf einen KI-Agenten am Telefon. Und auch im beruflichen Umfeld begegnet uns das Thema auf vielfältigste Weise. Begleitet wird das von einer entfalteten Auseinandersetzung, ob KI „die Welt retten wird“ – wie es US-Investor Marc Andreessen vorschwebt –, irgendwann jede produktive Tätigkeit überflüssig macht oder sich gar zum Beherrscher der Menschen aufschwingt. Was hat es mit den realen Möglichkeiten und Gefahren der „Künstlichen Intelligenz“ tatsächlich auf sich?

Von ah
Künstliche Intelligenz –Wundertechnik, Bedrohung, nützliches Werkzeug?
"Künstliche Intelligenz" wird zunehmend in der Kriegsführung eingesetzt (Foto: Blackpangang / Freepic / PREMIUM)

Der deutsche Professor Jürgen Schmidhuber, der gerne als „Vater der KI“ bezeichnet wird, jubelt: „Moderne KI umgeht den evolutionären Ballast, der das mensch­liche Gehirn daran hindert, Probleme zu lösen.“² Skeptischer ist der bekannte Science-Fiction-Autor Terry Pratchett: „Natürliche Dummheit schlägt künstliche Intelligenz jederzeit.“³ Während Schmidhuber die Kleinigkeit übersieht, dass es ohne den „evolutionären Ballast“ der Menschheitsgeschichte und des von ihr hervorgebrachten technischen Fortschritts auch keine KI geben würde, hat Pratchett nicht verstanden, dass KI alles andere als „intelligent“ ist.

 

Die vordergründig technische Frage, was von der „Künstlichen Intelligenz“ zu halten ist, hat einen weltanschaulichen Kern. Es geht letztlich um die Frage, wer das Rad der Geschichte vorwärtsdreht – die Arbeits- und Schöpferkraft der Massen oder die Technik selbst als geniale Erfindung einiger weniger.

Kann „Künstliche Intelligenz“ die Arbeiter ersetzen?

Die Investmentbank Goldman Sachs schätzt, dass KI in den USA und Europa 300 Millionen Arbeitsplätze ersetzen kann.⁴ Der „Zukunftsforscher“ Adam Dorr geht davon aus, dass bis 2045 nahezu alle mensch­liche Arbeitskraft durch KI ersetzt wird: „Es wird eine Nische übrig bleiben für menschliche Arbeitskraft in einigen Bereichen.“⁵


Daraus spricht der so alte wie absurde kapitalistische Traum, die Produktion ganz ohne die läs­tigen Arbeiter durchführen zu können, die ja „nur Geld kosten“. Schon vor 150 Jahren widerlegte Karl Marx solche Vorstellungen. Es ist einzig die Arbeitskraft der Menschen, die aus Naturstoffen Gebrauchsgegenstände schaffen kann und die für die Kapitalisten Quelle ihres Profits ist. Denn sie erzeugt mehr Wert als für ihre eigene Wiederherstellung mit Lebensmitteln, Kleidung, Wohnung, Bildung und Kultur notwendig ist. Der Wert von Werkzeugen, Maschinen und technischen Hilfsmitteln wird im Arbeitsprozess nur stückweise auf die neuen Produkte übertragen.


Auch die „Künstliche Intelligenz“ ist nichts anderes als ein Werkzeug, das von Menschen programmiert und bedient werden muss. Sie kann selbst weder neue Werte noch einen Erkenntnisfortschritt schaffen, weil sie die gesammelten Trainingsdaten nur in immer wieder neuer Zusammensetzung reproduziert.

 

Allerdings ermöglicht dieses Werkzeug eine beachtliche Steigerung der Produktivität, weil es bisher notwendigen menschlichen Arbeitsaufwand ersetzt. KI kann monotone Tätigkeiten automatisieren, zum Beispiel Briefe sortieren. Sie kann blinden Menschen helfen, indem sie Bilder in Worten beschreibt. KI kann in der Medizin Auffälligkeiten in Röntgen- und Ultraschallbildern finden und vieles mehr. Im Kapitalismus führt das zur Vernichtung von Arbeitsplätzen und zur Steigerung der Ausbeutung etwa in Postbetrieben, Zeitungsredaktionen oder bei Hotlines. Das geht einher mit dem weiteren tendenziellen Fall der Profitrate⁶, wodurch sich die riesigen Investitionen in KI für die Konzerne nur noch bedingt in wachsender Rendite bezahlt machen. Sie können schon allein aus diesem Grund nicht auf die lebendige Arbeitskraft der Menschen verzichten.

Beherrscht KI bald die Menschen?

Diese fatalistische Vision – Thema vieler Science-Fiction-Filme – soll vor allem Ohnmachtsgefühle, Skepsis in die Menschen und Zukunftsfeindlichkeit erzeugen. KI ist ein Produkt von Menschen und kann nur das, wofür sie programmiert wird. Sie wird niemals dazu in der Lage, einen solch komplexen Vorgang wie die menschliche Gesellschaft zu beherrschen oder zu steuern. Dazu führt das Buch „Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Opportunismus“ aus: „Die These, KI könnte einmal das menschliche Bewusstsein ersetzen, stützt sich vor allem auf die idealistische Annahme, Gehirntätigkeit wäre lediglich Informationsverarbeitung. … Das Gehirn ,ist die besondere Weise der Organisation der Materie …, die das Denken, Fühlen und Handeln hervorbringt‘.⁷ Das Bewusstsein jedes menschlichen Individuums entwickelt sich mit der Verarbeitung der gemachten Erfahrungen, es widerspiegelt allseitig das gesellschaftliche Sein der Menschen. Die dialektische Einheit der Welt, aller Dinge und Prozesse und ihre allseitige und unendliche Entwicklung als Kampf und Einheit der Gegensätze, diese Erkenntnis und Grundlage menschlichen Denkens bleibt der KI dagegen für immer verschlossen.“⁸ (Mehr auf Seite 26)

Künstliche Intelligenz als Destruktivkraft

Ernstzunehmen ist dagegen die Gefahr einer Eigendynamik heutiger Anwendungen von KI – etwa KI-­gesteuerter Drohnen oder sonstiger Tötungsmaschinen. Wenn KI in die Kontrolle von Atomraketen eingebunden wird, besteht sogar das ungeheure ­Risiko der „versehentlichen“ Auslösung eines Atomkriegs.


So wie das kapitalistische System auf seiner heutigen Stufenleiter die fortschrittlichen Produktivkräfte immer mehr in Destruktivkräfte verwandelt, geschieht es auch mit KI. Der immense Stromverbrauch der Rechenzentren, für die sogar neue AKW gebaut werden sollen, ist vielen schon bekannt (mehr auf Seite 21). Sie verbrauchen aber auch immens viel Wasser zur Kühlung – so viel, dass im US-Bundesstaat Utah bereits das Wasser knapp wird.⁹ Darüber hinaus produziert KI Elektroschrott in gigantischem Ausmaß. Viele Hersteller von Speicherchips haben bereits ihre gesamten Produktionskapazitäten für 2026 und darüber hinaus vorab an KI-Rechenzentren verkauft, wodurch die Preise für Konsumenten zum Teil um 500 Prozent gestiegen sind.


Eine weitere Seite der „Künstlichen Intelligenz“ sehen wir aktuell im Mittleren Osten. Die Software von Palantir spielt in der Kriegsführung der USA und Israels eine zentrale Rolle. Mit ihrer Hilfe wurden Tausende von Informationen aus Überwachungskameras und anderen Quellen analysiert, um die Bewegung von Zielen vorherzusagen und Angriffe zu planen (mehr dazu auf Seite 22/23).

Muss man KI generell ablehnen?

Viele stellen sich die Frage, ob man diese Technik nicht aus prinzipiellen Erwägungen gänzlich ablehnen soll. Anders als etwa bei der Atomenergie sind die Probleme aber eben nicht prinzipbedingt, sondern lösbar. Der Energiehunger lässt sich zum Beispiel durch spezialisiertere, kleinere Modelle deutlich reduzieren, vor allem aber braucht es nicht drei oder vier Monopole, die jeweils für die ganze Welt Rechenzentren bauen.

 

Darüber hinaus steht prinzipiell ein riesiges bisher ungenutztes Potenzial durch erneuerbare Energien zur Verfügung. Die Technik lässt sich auch so bauen, dass die Chips recycelt oder länger genutzt werden können. Das setzt allerdings voraus, dass sie nicht zur Erzielung von Maximalprofit eingesetzt wird, sondern zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse.

 

Unter sozialistischen Bedingungen wäre es absolut zu begrüßen, wenn immer mehr Arbeit von Maschinen erledigt werden kann und sich die Menschen anderen Aufgaben widmen können. Die Technik würde es ermöglichen, schnell die sich verändernden Bedürfnisse zu erkennen und die gesellschaft­liche Produktion entsprechend zu steuern – „Predictive Producing“ statt „Predictive Policing“. Die „Künst­liche Intelligenz“ trägt deshalb auch die Seite der materiellen Vorbereitung des Sozialismus in sich. Mehr zu den heute schon sinnvollen Anwendungsgebieten auf Seite 27.


Viel Spaß beim Lesen, die Redaktion freut sich wie immer über Anregungen, Kritiken und Hinweise!