Rote Fahne 06/2026

Rote Fahne 06/2026

Warum die Wohnungsnot dramatisch zurückgekehrt ist

Die Wohnungsfrage, ein Dach über dem Kopf, eine sichere Behausung zu haben, die vor Wind und Wetter schützt, ist von grundlegender Bedeutung für die menschliche Gesellschaft. Dieses existenzielle Bedürfnis ist zunehmend in Frage gestellt. Deshalb wird die Rote Fahne in loser Folge Artikel veröffentlichen, die diese Entwicklung grundsätzlich und konkret untersuchen:

Von ka
Warum die Wohnungsnot dramatisch zurückgekehrt ist
Schöne Bauprojekte gibt es – aber der Mangel an bezahlbaren Wohnungen entwickelt sich dramatisch

Es reicht nicht aus, in der Land- und Forstwirtschaft oder in der Fabrik die lebensnotwendigen Güter zu produzieren. Der Mensch muss sich auch regenerieren, von der Arbeit ausruhen, kulturell betätigen und vor allem sich auch fortpflanzen, Kinder zeugen und großziehen. Die Befriedigung des Grundbedürfnisses Wohnen wird immer unbezahlbarer, befindet sich in einer fortschreitenden Krise.

 

Über die Hälfte der deutschen Bevölkerung (53 Prozent) lebt zur Miete, das entspricht rund 43 Millionen Personen. Diese teilen sich auf 21 Millionen Mieterhaushalte auf, wovon fast 12 Millionen zum untersten Drittel der Einkommensverteilung gehören. 4,3 Millionen Haushalte zahlen allein für die Kaltmiete und Heizkosten (das heißt ohne sonstige Betriebskosten) zwischen 30 und 40 Prozent ihres Einkommens, 3,1 Millionen Zahlen bereits mehr als 40 Prozent!

 

Dramatisch entwickelt sich der Mangel an bezahlbaren Wohnungen, besonders Sozialwohnungen: Jährlich fallen von den derzeit verbleibenden 1,1 Million Sozialwohnungen rund 45 000 aus der Bindung, der Bestand an Sozialwohnungen nimmt also immer weiter ab.¹

„Sozialer Wohnungsbau“ linderte das Problem

Wohnungsnot – das war eine Geißel, mit der die Menschen nicht nur in der Anfangszeit des Kapitalismus konfrontiert waren, sondern gerade auch im Deutschland der Nachkriegszeit. Die Bevölkerung stand in vielen Großstädten vor den Trümmern, die der vom deutschen Faschismus ausgelöste zweite imperialistische Weltkrieg zurückgelassen hatte. Um das Wirtschaftsleben wieder in Gang zu setzen, wurden „sozia­ler Wohnungsbau“ und „gemeinnützige Wohnungswirtschaft“, die teils schon im vorletzten Jahrhundert entstanden waren, wiederbelebt. Zwischen 1950 und Ende der 1970er-Jahre wurden rund 7,88 Millionen bezahlbare Wohnungen errichtet.²

 

Heute ist die Wohnungsnot zurückgekehrt und breitet sich immer weiter aus. In einem Bericht der Bundesregierung über die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Deutschland vom 8.10.2025 wird festgestellt: „Der Sozialmietwohnungsbestand lag zum 31.12.2024 bei rund 1,05 Millionen Wohnungen und hat damit im Vergleich zum Jahr 2023 um rund 20.600 Wohneinheiten abgenommen.“³ Die „Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V.“ hebt hervor, dass die Anzahl der Menschen in Deutschland, die in überbelegten Wohnungen leben, seit dem Jahr 2020 um über 1,1 Millionen auf 9,6 Millionen zugenommen hat. Das sind mehr als 11 Prozent der Bevölkerung! Wörtlich heißt es: „Familien werden – mangels Wohnungsangebots – aus den Städten regelrecht verdrängt.“⁴

Gewollte „Befreiung“ für die Profitmaximierung

Wenn die Autoren der Studie dann den „dramatischen Befund“ treffen, „dass der Marktmechanismus nicht mehr überall greift“, dann ist das entweder Ausdruck von frommer Marktgläubigkeit nach den Dogmen der bürgerlichen Wirtschaftslehre oder aber Verharmlosung und Ablenkung von den verantwortlichen finanzkapitalistischen Akteuren auf dem Wohnungsmarkt. Denn die Aufhebung des Wohnungsgemeinnützigkeitsrechts, also die Abschaffung steuerbegünstigter Wohnungsbaufirmen per Steuerreformgesetz vom 3. August 1988, war ein bewusster Schritt. Er trat Anfang 1990 in Kraft. Die „Befreiung“ aus den Auflagen der Wohnungsgemeinnützigkeit wie unter anderem Gewinnausschüttungsbeschränkungen verwandelte Millionen von Wohnungen in den öffentlichen Wohnungsbeständen in eine Ware zu Erwirtschaftung von Maximalprofiten.

 

Die Studie „Neue Wohnungsgemeinnützigkeit“ von 2017 stellt treffend fest: „Mit der Privatisierung der öffentlichen Wohnungsbestände sind Hunderttausende Wohnungen, die früher den Regeln der Gemeinnützigkeit unterlagen, in die Bewirtschaftung von institutionellen Anlegern und renditeorientierten Wohnungsunternehmen gelangt. Dies hat nicht nur zu einer Verschlechterung der Wohnsituation und steigendem Mietdruck geführt …, sondern hatte durch die Reduzierung der öffentlichen Wohnungsbestände zudem eine deutliche Einschränkung der landes- und kommunalpolitischen Handlungsspielräume zur Folge.“⁵

Staatlich subventionierter Wohnungsbau im Weg

Unter den Schlagworten „Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung“ stellte die damalige Kohl-Regierung die Weichen zur Neuorganisation der internationalen Produktion und zur Entfaltung eines verschärften globalen Konkurrenzkampfs. Die Politik der Reformen von oben wurde beendet. Vor allem ab den 1990er-Jahren nahm die Suche nach maximalprofitbringenden Kapitalanlagen virulente Formen an. Das Finanzkapital entdeckte dafür die kommunale Daseinsfürsorge und den Wohnungsmarkt als gesicherte Quelle sprudelnder Gewinne. Als Dienstleister der Monopole waren die verschiedenen Bundesregierungen bemüht, den Weg zu diesen Quellen zu ebnen und Hilfestellung für die Umverteilung von Sozialprodukt in die Kassen des Finanzkapitals zu leisten. Der staatlich subventio­nierte Wohnungsbau wurde als „Steuerverschwendung“ und „Wettbewerbsverzerrung“ identifiziert und abgeschafft.