Rote Fahne 06/2026

Rote Fahne 06/2026

Darf man Marx, Lenin und Stalin vertonen?

Sergej Prokofjew wurde 1891 als Sohn eines Gutsverwalters geboren. Bereits mit vier Jahren erhielt er den ersten Klavierunterricht und mit fünf schrieb er erste Kompositionen. Bis 1918 blieb er in Russland, reiste viel und gab Konzerte. Er hat großen Einfluss auf die Filmmusik gehabt. Weltbekannt ist seine Musik zu Eisensteins Film „Alexander Newski“.

Von einem Korrespondenten aus Stuttgart
Darf man Marx, Lenin und Stalin vertonen?

Viele wissen, dass er 1918 nach Paris umgesiedelt ist, aber nur wenige, dass er in die Sowjetunion zurückkam. Seine vielfältigen Konzertreisen als Dirigent und besonders als Pianist führten ihn 1927 erstmals wieder in die damals noch sozialistische Sowjetunion. Daraufhin beschäftigten ihn immer stärker Gedanken an eine Rückkehr. Er wollte für Werktätige und nicht für Reiche Musik komponieren, die sich teure Konzertkarten leisten konnten. Nach einigen Jahren des Pendelns zwischen Moskau, New York und Paris ließ er sich 1936 endgültig in Moskau nieder.

Bürokratismus verhinderte Aufführung

Prokofjew war überzeugt, Musik schreiben zu müssen, die einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllte. Zum 20. Jahrestag der Oktoberevolution 1937 plante er eine „Revolutionskantate“ mit der Vertonung von Texten von Marx, Lenin und Stalin. Es sollte ein riesiges Konzert auf dem Roten Platz in Moskau werden mit 500 Musikern und Sängern. Diese Kantate wurde zu Prokofjews Lebzeiten aber nie aufgeführt. Was war geschehen?

 

Bei der Entstehung der Revolutionskantate stand Prokofjew das „Komitee für Kunstangelegenheiten“ zur Seite. Mitglieder dieses Komitees legten Prokofjew nahe, andere, volkstümlichere Texte zu verwenden. Sie behaupteten, „das direkte Zitieren von Originaltexten des großen Genossen Stalin“ sei verboten – wegen eines angeblich „verzerrenden Gestus des Gesangs“, aber auch der „Kombination mit Texten anderer Autoren, die seine (Stalins) beispiellose Größe nicht erreichten“.¹

 

Prokofjew dagegen sagte: „Lenin schrieb in einer so bildhaften, klaren und überzeugten Sprache, dass ich nicht zu einer gereimten Darlegung seiner Gedanken Zuflucht nehmen mochte. Ich wollte direkt an die Urquelle herangehen ….“²

 

Wegen dieser Meinungsverschiedenheiten schrieb der Vorsitzende des Komitees am 4.5.1936 an den sowjetischen Ministerpräsidenten Wjatscheslaw Molotow, dass man Prokofjew nahegelegt habe, seinen Plan zu überdenken. „Wir haben ihm auch vorgeschlagen, Materialien sowjetischer Dichter zu verwenden. Diesen Gedanken lehnte er kategorisch ab.“ Molotows Antwort vom 17.5.1936 war: „Ich schlage ihnen vor, ihre Einwände gegen das Projekt des Komponisten Prokofjew zurückzunehmen und ihm selbst die Entscheidung über seine Kantate zu überlassen.“ Noch gab es keine Gängelung von höchster Stelle, wie sie manche Autoren nahelegen. Die Einwände kamen von Mitgliedern des „Komitees für Kunstangelegenheiten“.

Gängelung statt offener Diskussion

Wieso aber überhaupt eine Kontrolle beziehungsweise kollektive Auseinandersetzung um Kunstwerke in der Sowjetunion? Dazu wird im Buch „Die Krise der bürger­lichen Gesellschaftswissenschaften, der Religion und der Kultur“ ausgeführt: „Allein die Auflösung des Alten bedeutet noch keine Klarheit über das Neue! Die Denkweise der Arbeiterklasse und der breiten Massen entscheidet darüber, wie diese Realität verarbeitet und welche Schlussfolgerungen gezogen werden.“³ Das gilt gerade auch für die verschiedenen Formen der Kunst. Die offene und schöpferische Auseinandersetzung darüber stand in der Sowjetunion der 1930er-Jahre allerdings schon im scharfen Kampf mit bürokratischen Tendenzen der Gängelung von Initiativen und Unterdrückung von Kritiken.

Revolutionskantate verschwand in der Versenkung

Tatsächlich erfolgten in den nächsten Wochen mehrere Überarbeitungen und Prokofjew legte sie dem Komitee immer wieder vor. Als am 5.12.1936 die neue Verfassung der Sowjetunion beschlossen wurde, entschied Prokofjew, die Revolutionskantate mit einem Text von Stalin zur neuen Verfassung zu erweitern.

 

Am 19.6.1937 fand eine geschlossene Aufführung vor dem Komitee statt und die Kantate fiel durch. In der September-Ausgabe der „Sowjetskaja Musyka“ wurde zwar mitgeteilt, der Komponist habe ein großes Werk zur Oktoberevolution fertiggestellt.⁴ Bei den Feierlichkeiten wurden dann aber andere Kantaten aufgeführt. Die Bürokraten mit dem Parteibuch in der Tasche hatten sich durchgesetzt und die Kantate verschwand für viele Jahre.

Ursprüngliche Fassung hörenswert

Es dauerte lange bis nach Prokofjews Tod (5.3.1953), bis die Revolutionskantate am 5. April 1966 überhaupt wieder aufgeführt wurde. Allerdings amputiert und verändert: Gemäß der Geheimrede Chruschtschows wurden die beiden Stalintexte⁵ gestrichen und durch andere Texte ersetzt. Die Musik dazu stammt natürlich nicht von Prokofjew. Es wurde eine verstümmelte Fassung aufgeführt, welche dann als Ausdruck des „Tauwetters“ gefeiert wurde. Erst am 6. Juni 1992 kam die ursprüngliche Fassung in einer Uraufführung in London zur Aufführung. Sie ist hörenswert und es gab keinen Grund, sie der sowjetischen Öffentlichkeit 1937 vorzuenthalten.