Rote Fahne 05/2026
Viva Mexico! – Wüsten-Déjà-vu¹ mit eisernem Vorhang
Die Sonne strahlt grell, die Luft ist trocken wie der Sand, der mich überall umgibt, selbst als staubige Luft. Ohne Sonnenbrille schließen sich meine Augen im Wüstenlicht zu ihrem Schutz wie von selbst. Je nach Wind ziehe ich gerne meine Maske über den Mund – „and another one bites the dust“ in Ciudad Juárez, Mexiko (Reportage von Meik Schöpping²)
Der Einladung einer Freundin gefolgt – bin ich nun in dieser surrealen, absurd wirkenden Stadt, mitten in der Wüste am nördlichen Ende Mexikos. So nah wie nie an den USA, mit Blick auf und durch die eiserne Grenze nach Texas. Und dank der Gastfreundschaft ihrer Familie bin ich nun auch mitten drin in dieser Gesellschaft, mit einem tiefen, authentischen, selten schönen Einblick in das Leben der Menschen von Ciudad Juárez.
Der erste überwältigende innere Impuls auf der Fahrt quer durch diese Stadt war: „Gigantisches Arbeitslager“ – doch nicht etwa von Mexiko, sondern der direkt benachbarten USA. Hier finden sich aber auch die größten deutschen Automobilzulieferer mit beachtlichen Produktionsstandorten mitten in der mexikanischen Wüste, während die betreffenden Konzerne in Deutschland gerade Tausende Stellen abbauen. An den unzähligen alten weißen US-Bussen, die als kostenloser HR³-Transport das Straßenbild prägen und die Menschen aus ihren Wohnsiedlungen im Schichtbetrieb direkt in die jeweiligen Produktionsstätten abliefern, finden sich allerdings noch weitere Firmennamen großer deutscher Konzerne. Umgeben ist dies alles, besonders aber die Wohnsiedlungen in Reihenhausformat, vor allem von einer Sache: Plastikmüll, soweit das Auge reicht! „Viva Mexiko“?
Billige Arbeitskräfte und zahlende Konsumenten
Genau an diesem Punkt wird das ganze Ausmaß der verlogenen Doppelmoral und Schizophrenie der kapitalistischen Ausbeutung, vor allem des US-amerikanischen Imperialismus, besonders deutlich.⁴
Nicht nur, dass die Menschen aus allen Teilen Mexikos in dieser Stadt konzentriert als billige Arbeitskräfte und Lohnsklaven der USA auf mexikanischem Staatsgebiet ausgebeutet werden, aber ansonsten mit menschenfeindlichen und überdimensionierten Grenzanlagen von den USA ferngehalten werden. Sie werden auch noch mit den US-Fastfoodketten zugepflastert, deren exklusive globale Fleischlieferanten Smithfield und Tyson wissentlich und systematisch illegale mexikanische Arbeitskräfte in ihren Fabriken in den USA beschäftigen.
Nach etwa drei Jahren werden sie dann in der Regel aufgrund ihrer physischen und psychischen Erschöpfung in organisierten nächtlichen Razzien der US-Polizei und US-„Einwanderungsbehörde“ ICE aus dem Schlaf gerissen und als offiziell illegale Arbeitskräfte plötzlich wieder nach Mexiko abgeschoben.⁵ Und dann sollen die mexikanischen Bewohner, meist ohne ihr Wissen über diese Menschenrechtsverletzungen gegen ihre eigenen Landsleute, auch noch ihre hart erarbeitete Kaufkraft für US-Fastfood wieder zurückfließen lassen.
Zutiefst menschenfeindliche Grenzzone
Die Grenzanlage vom Pazifik bis zum Golf von Mexiko ist über die gesamte Länge nachts ausgeleuchtet wie ein Flughafen, auf beiden Seiten rund um die Uhr durch Grenzschutz und Security mit Patrouillenfahrzeugen und Hunden gesichert und vollständig videoüberwacht. Helikopter fliegen rund um die Uhr, vor allem nachts, entlang des Grenzverlaufs mit Wärmebildaufzeichnung. Regelmäßig fliegen auch Militärjets entlang der kargen lebenswidrigen Grenze, die auf beiden Seiten des Zauns – ähnlich der DDR-Grenze – mit ausgeleuchteten Freiflächen und Wällen befestigt ist. Dazwischen eine meterhohe Stahlbarriere mit Stacheldraht und Flutlicht am oberen Ende. Die Grenzübergänge sind ebenfalls hochgesichert und vollständig kameraüberwacht, mit dauerhaft langen Autoschlangen und Personenketten in Richtung USA.
So sieht es aus am wohl wichtigsten Grenzübergang zwischen den beiden offiziell lebenswichtigen „Handelspartnern“ Mexiko und USA. Und genau diesem „Handelspartner“ drohen die USA nun mit militärischer Intervention, unter anderem um noch mehr Vorteile aus der Ausbeutung der Arbeits- und Kaufkraft von rund 140 Millionen Mexikanerinnen und Mexikanern zu erzwingen.
Traum vom besseren Leben kann Realität werden
Nach meinen zahlreichen Gesprächen mit verschiedenen Menschen dort und in den USA scheint es, als ob das Streben der Menschen – unter starker Verdrängung der gegenwärtigen Realität – geprägt ist vor allem vom Traum eines besseren Lebens woanders in Mexiko oder den USA. Es ist ihre Hoffnung auf Ablösung des kapitalistischen Albtraums hier und anderswo in der Welt. Dabei gibt es die Alternative einer Welt in gemeinsamer globaler Solidarität, gemeinnütziger gesellschaftlicher Kooperation mit einer nachhaltigen, regenerativen, dem Gemeinwohl dienenden Ökonomie. Damit könnten wir die Voraussetzungen und Grundlagen für ein lebenswertes, glückliches Leben ganz ohne Traumwelten real schaffen!
Meik Schöpping, Ciudad Juárez, Mexiko, im Januar 2026