Rote Fahne 04/2026
Alarmierend: Wieder mehr als drei Millionen Arbeitslose gemeldet
Das schreckte auch die Berichterstatter in den bürgerlichen Massenmedien auf: Erstmals seit 2014 ist die Zahl der offiziell als arbeitslos gemeldeten Menschen in Deutschland auf über drei Millionen gestiegen, auf genau 3.085.000.
Die Leiterin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles (SPD), tat, was sie – wie Pippi Langstrumpf – am besten kann: sie malte sich die Welt, wie es ihr gefällt. Der steile Anstieg sei „saisonbedingt“, es gebe eine „Talsohle“ und dann werde alles bestimmt wieder besser. Dabei musste sie noch in ihrem letzten Monatsbericht zugeben: „Die Chancen, Arbeitslosigkeit durch Aufnahme einer Beschäftigung zu beenden, liegen historisch niedrig.“¹ Auf Deutsch: Wer arbeitslos wird, findet nur schwer einen neuen Job.
Dabei hatte sich Andrea Nahles – wie vielleicht auch andere – an einen zeitweiligen Rückgang der offiziellen Arbeitslosenzahlen gewöhnt. Nach früheren Höchstständen der Massenarbeitslosigkeit von bis zu 4,86 Millionen im Jahr 2005 zählte die Statistik seit 2011 erstmals weniger als drei Millionen Arbeitslose. Schleichend dreht sich seit geraumer Zeit der Trend wieder.
Spitzenreiter Autoindustrie
Im Herzstück der industriellen Produktion, und vor allem in der Automobilproduktion, ist die Arbeitsplatzvernichtung besonders krass. Hier wurden seither Zigtausende Arbeitsplätze verlagert – vor allem nach China. Dort hatten VW, BMW und Daimler große Produktionsanlagen aufgebaut – und treffen jetzt auf die Konkurrenz chinesischer Autoproduzenten und zunehmende Probleme beim Absatz ihrer „Premium-Produkte“. Eine in Deutschland immer noch anhaltende Wirtschaftskrise, eine heftige Inflation für die alltägliche Lebenshaltung, überteuerte Mieten, aber eben auch die Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust hemmen hierzulande die „Kauflust“, was sich „Binnenkonjunktur“ nennt.
Abgewälzt wird die Krise zudem über ein von KI angefeuertes Outsourcing von Teilbereichen. Vor allem die Zulieferer der Automobilindustrie, wie Bosch, oft ebenfalls Monopolbetriebe, vernichten Arbeitsplätze in großem Stil. „Mehr Krise als Transformation“ müssen selbst bürgerliche Wirtschaftsforscher zugeben. Die Vernichtung der Arbeitsplätze bei den Zulieferern 2019 (310.000) bis 2025 (255.000) war mit minus 16 Prozent im Verhältnis doppelt so groß wie in der Automobilindustrie insgesamt mit minus 7,8 Prozent (833.000 zu 773.000). 2024 meldeten fast 60 Zulieferer Insolvenz an. Insgesamt wurden in der Automobil- und Zuliefererindustrie also 115.000 Arbeitsplätze in diesem Zeitraum vernichtet.
Immer mehr Firmenpleiten
Nicht zuletzt nahm die Zahl der Firmenpleiten 2025 stark zu. 17 604 Insolvenzen wurden verzeichnet – der höchste Stand seit 2005. Etwa 170.000 Arbeitsplätze fielen den Insolvenzen zum Opfer. Wie bereits im Jahr 2024 entfiel auch 2025 der größte Anteil der betroffenen Arbeitsplätze mit rund 62.000 Jobs auf Industriebetriebe. In der industriellen Produktion sank die Beschäftigtenzahl 2025 insgesamt um 143.000. Im Baugewerbe ging die Beschäftigung um 23.000 zurück. Zugenommen hat dagegen – wenn auch längst nicht ausreichend – die Beschäftigung im Pflege- und Bildungsbereich, an Schulen und in Kitas.
Ohnehin ist die reale Zahl der Arbeitslosen deutlich höher als die offiziell ausgewiesene Zahl. Denn zusätzlich zu den offiziell arbeitslos Gemeldeten kommen „verdeckte Arbeitslose“ und eine sogenannte „stille Reserve“. Insgesamt betrifft die Arbeitslosigkeit etwa 4,2 Millionen Menschen. Die Arbeitslosenquote liegt real also nicht bei 6,3 Prozent, sondern bei mindestens neun Prozent aller Beschäftigten.² Dazu kommen viele Unterbeschäftigte.
Mit jedem vernichteten Arbeitsplatz gehen Ausbildungsplätze verloren. Wer ein Studium als möglichen Ausweg anstrebte, sieht sich häufig getäuscht. Schon im November letzten Jahres meldeten sich 336.440 junge Akademikerinnen und Akademiker arbeitslos – das waren 12,8 Prozent mehr als im Vorjahr.³
Klassenfronten werden deutlicher
Geht es nach Kanzler Friedrich Merz, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und anderen Hardlinern, soll der Acht-Stunden-Tag gekippt, der Beginn der Rente aufgeschoben, die Zeit für das Arbeitslosengeld verkürzt werden und so weiter. Statt mit Andrea Nahles Verharmlosungsliedchen zu singen, steht der konsequente Kampf um jeden Arbeits- und Ausbildungsplatz an. Es gilt, sich auf härtere Klassenauseinandersetzungen einzustellen.
Über Konzern- und Landesgrenzen hinweg: für die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich zum Erhalt und zur Schaffung von Arbeitsplätzen! Die Vernichtung von Arbeitsplätzen ist eine gesetzmäßige Folge der kapitalistischen Produktionsweise und ihres Krisenchaos. Sie kann ohne gesellschaftsverändernden Kampf nicht überwunden werden. Deshalb gehört die Diskussion über eine sozialistische Alternative auf die Tagesordnung.