Rote Fahne 03/2026
Oxfam-Bericht 2026: Immer mehr Milliardäre – immer mehr Arme
„Armer Mann und reicher Mann, standen da und sah’n sich an. Da sagt der Arme bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Das dichtete Bertold Brecht und zeigte: Der Reichtum der Superreichen kommt aus der Ausbeutung der „Armen“, der Arbeiterklasse, sowie der Natur, die heute immer rücksichtsloser geplündert wird.
Kurz vor Eröffnung des Weltwirtschaftsgipfels in Davos veröffentlichte die international tätige Entwicklungsorganisation Oxfam einen „Bericht zur sozialen Ungleichheit“ und titelt: „So schnell wie nie, so groß wie nie: Milliardärsvermögen erreichen historischen Rekordwert.“ Dabei stützt sich Oxfam auf öffentlich zugängliche Daten der Weltbank und der Forbes-Milliardärsliste.¹ Oxfam errechnet eine gewachsene Zahl von 3000 Milliardärinnen und Milliardären, die ein Vermögen von 18,3 Billionen US-Dollar anhäuften – in immer rasanterem Tempo. Fast die Hälfte der gesamten Weltbevölkerung, also etwa 3,8 Milliarden Menschen, lebt auf der anderen Seite – in Armut. Auch ihre Zahl wächst. Dieser Teil der Bevölkerung besitzt nur 0,52 des weltweiten Gesamtvermögens, das reichste ein Prozent dagegen 43,8 Prozent.
172 Milliardäre leben in Deutschland, sie erreichen immerhin Rang vier bei den Ländern mit der „höchsten Milliardärsdichte“. Im „reichen“ Deutschland lebt ein Fünftel der Menschen in Armut. Ganz besonders betroffen sind Rentnerinnen und Alleinerziehende. In immer mehr Städten sind – wie in Gelsenkirchen - über die Hälfte der Kinder arm. Viele Bewohner können ihre Mieten, ihre tagtäglichen Lebenshaltungskosten nicht mehr aufbringen.
Verzagter SPD-Vorstoß zur Erbschaftssteuer
Rechtzeitig vor den Landtagswahlen in diesem Jahr hat die SPD-Führung ihr „soziales Gewissen“ wiederentdeckt. Mit dem zaghaften Vorschlag für eine höhere Erbschaftssteuer beißen sie bei ihren Koalitionsfreunden Merz, Reiche und Söder allerdings auf Granit. Merz warnt vor einem „Kahlschlag“ von Betrieben, wenn diese Erbschaftssteuer entrichten müssten. Deshalb solle man durch derlei Steuervorschläge „nicht eine zusätzliche Verunsicherung in die Bevölkerung und insbesondere in die mittelständischen Betriebe hineinbringen“.² Als ob die Masse der Bevölkerung viel zu vererben hätte. 60 Prozent erben faktisch nichts.³ Und selbst die kleinen und mittleren Betriebe verschont der SPD-Vorstoß mit großzügigen Freibeträgen. Doch Merz geht es nicht um den „Mittelstand“. Schonen will er vor allem die großen Konzerneigner und Großaktionäre. Diese entziehen sich mit allerlei Tricks wie der Verlagerung ihres Vermögens in „Stiftungen“ der Erbschaftssteuer. So werden gerade den reichsten Erben 94 Prozent der fälligen Steuern vom Fiskus erlassen.⁴
Drastische Reichensteuer längst überfällig
Wesentlich radikaler erscheint da die von Thomas Picketty und Attac erhobene Forderung nach höherer Besteuerung reicher Leute, was auch Oxfam fordert. „Tax the rich“ kann man auch bei der Linkspartei als T-Shirt-Aufdruck erwerben – und damit Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zur Weißglut bringen.
Ihr springt die AfD zur Seite. Sie will die komplette Abschaffung nicht nur der Vermögenssteuer, sondern auch der Erbschafts- und Schenkungssteuer. Dazu schürt sie Ängste: „Diese Substanzsteuern gefährden Unternehmensnachfolgen, das vererbte Elternhaus und Mietverhältnisse. … Große Vermögen können Deutschland einfach verlassen … .“⁵ Dabei sind Erbschaftssteuern in anderen Länder meist deutlich höher als hierzulande – also mit dem Abwandern ist das so eine Sache. Und die Freibeträge sind jetzt schon so hoch bemessen, dass das berühmte „Oma ihr klein Häuschen“ völlig unberührt bleibt. Wenn das geerbte Wohneigentum selbst genutzt wird, fällt sowieso keine Steuer an.
Auch die MLPD fordert eine drastisch progressive Besteuerung der Großunternehmen, Großverdiener und großen Vermögen. Das würde die Staatskassen entlasten.
Machtfrage aufgeworfen
So berechtigt auch Reformforderungen nach höheren Steuern sind – man sollte sich keinerlei Illusionen darüber machen, wie der Reichtum einiger weniger mit ihrer Macht gekoppelt ist. Weltweit ist ein Konkurrenzkampf um immer höhere staatliche Subventionen entbrannt, die die Kassen der größten Konzerne füllen wie nie zuvor. Nicht anders ist es mit den steigenden Rüstungsaufträgen, aus denen sie in wachsender Zahl staatlich garantierte Maximalprofite ziehen. Offenkundigstes Beispiel ist das „Wohlergehen“ der Öl-, Auto- und Tech-Konzerne mit direkter Machtausübung unter dem Dach der Trump-Regierung. Sie sind es, denen seine faschistische Außenpolitik mit geplanten Annexionen anderer Länder wie Grönland oder der erneuten Unterwerfung Venezuelas unter die US-Vorherrschaft direkt zugute kommt. Sei es durch die Unterbindung venezolanischer Erdölexporte an Rivalen wie China oder erhofften Zugriff auf Seltene Erden, die sie für ihre Auto-, Raketen- und Rüstungsproduktion benötigen. Dazu bestimmen sie selbst die Regierungspolitik maßgeblich mit, wie Elon Musk als ehemaliger Chefberater von Trump oder Jared Kushner sowie Steve Wittkoff als seine derzeitigen Sondergesandten. Parlamentarische Rücksichtnahmen spielen dabei keine Rolle mehr. Mit seinen Erpressungsmanövern gegenüber anderen Staaten setzt Trump durch, dass US-amerikanisches Frackinggas gekauft wird oder möglichst viele US-Konzerne beim Wiederaufbau der Ukraine zum Zug kommen.
Elon Musk, der reichste Mann der Welt, der mit dem Hitlergruß die zweite Amtszeit des Faschisten Trump bejubelte, mag sich über dessen Ignoranz für E-Autos geärgert haben – aber seine Raketenfirma SpaceX macht nicht nur dank staatlicher Aufträge Milliardenprofite, sie ist auch für die moderne Kriegsführung unverzichtbar. Mark Zuckerberg steht mit Facebook, Instagram und WhatsApp für die Datensammlung aller Nutzer und das Verbot von Faktenchecks, so dass jede schmutzige Brühe faschistischer Propaganda unkorrigiert verbreitet werden kann. Alles andere wäre ja Zensur – weiß er. Peter Thiel, der Ziehvater der Trump-Vance-Sippschaft mit religiös verbrämter Ideologie konnte sein Paypal-Unternehmen für den Ausbau der systematischen Massenüberwachung via Palantir nutzen – die inzwischen auch in Deutschland Anwendung findet.⁶
In Deutschland treten die einflussreichen Milliardäre noch nicht so unverfroren und direkt auf, wie ihre amerikanischen Klassenbrüder und -schwestern. Die BMW-Erben Susanne Klatten und Stefan Quandt mit jeweils über 30 Milliarden Vermögen findet man eher in der Klatschpresse. Lidl-Besitzer Dieter Schwarz gilt mit 34,5 Milliarden als zweitreichster Deutscher. Die Besitzer der Aldi-Handelsketten kokettieren sogar damit, nicht bekannt zu sein.⁷ Dabei sind es gerade die stark monopolisierten Handelsketten, die die Inflation für die Massen unerträglich in die Höhe treiben.
Über den Tellerrand hinaus denken
Die von den Superreichen mehr oder weniger offen etablierten gewaltigen Machtstrukturen lassen sich nicht mit mehr Steuergerechtigkeit in Schach halten. Aufgeworfen ist die drängende Notwendigkeit, die Macht des imperialistischen Weltsystem revolutionär zu überwinden und für eine sozialistische Zukunft zu kämpfen. Die Kämpfe gegen Mietwucher, Umweltzerstörung und Teuerung als Schule des Klassenkampfs zu führen, sollte diesem Ziel dienen. Der Reichtum der Superreichen beruht auf der Ausbeutung der Lohnarbeit und der Plünderung des Planeten bis hin zu seiner drohenden Zerstörung in einem Dritten, möglicherweise atomaren Weltkrieg. Höchste Zeit, dass all das, was die Menschen schon heute wissen und schaffen können, Anwendung findet zum Wohlergehen der Menschheit sowie zur Rettung der natürlichen Umwelt.