Rote Fahne 05/2021
Antikommunistische Gespenster in Südamerika
Kolumbien ist eines der Länder in Südamerika, in denen seit Jahrzehnten die reaktionären Regimes massiv aggressiven Antikommunismus verbreiten. Der ICOR-Koordinator für Amerika, Alejandro Tapia, berichtet über absurde Verschwörungsmythen, die die Herrschenden in vielen Ländern Lateinamerikas verbreiten und die nur aus einer tiefen Angst vor einer revolutionären Entwicklung erklärbar sind
Im November 2019 gingen in der Volksbewegung des „Paro Nacional“ Millionen auf die Straßen Kolumbiens. Trotz Corona kämpfen auch weiterhin Tausende Woche für Woche um soziale und politische Rechte. Herausragend war der bis Dezember 2020 geführte drei Monate lange, erfolgreiche Streik der Bergarbeiter von El Cerrejón. Panisch reagieren die Herrschenden mit Antikommunismus. Einen „ideologischen Hurrican zugunsten des Kollektivismus und Kommunismus“ sah das Online-portal „El Montonero“ in Lateinamerika.1
Die antikommunistische Kampagne unterscheidet nicht, ob linke Oppositionelle mehr sozialdemokratisch orientiert sind oder ob es sich um Marxisten-Leninisten oder andere Revolutionäre handelt. Völlig willkürlich werden nationale mit internationalen Vorgängen vermischt, die alle von einem kommunistischen Zentrum gesteuert sein sollen: die Massenproteste in vielen Ländern Lateinamerikas, die Volksabstimmung in Chile für eine neue Verfassung, der Wahlsieg der MAS2 in Bolivien, bis zu Regierungen in Venezuela, Kuba und so weiter. Der frühere kolumbianische Präsident Alvaro Uribe, der genauso faschistoid ist wie der jetzige Präsident Iván Duque, erklärte die Proteste als „eine Strategie des Forum von Sao Paolo, um die Demokratien Lateinamerikas zu destabilisieren“.3 Das „Forum von Sao Paolo“ (siehe Kasten) wird von der Ultrarechten in Amerika zu einer „Art neuen Kommunistischen Internationale“ hochstilisiert. Das ist wahrhaft zu viel der Ehre – mit einer revolutionären Weltorganisation hat das reformistisch orientierte Forum nichts am Hut.
„Sozialismus“ gescheitert?
Die Angst, die aus solch absurden Konstruktionen spricht, ist die vor dem tatsächlich wachsenden revolutionären Potenzial in der beschleunigten Tendenz zu einer gesamtgesellschaftlichen Krise des imperialistischen Weltsystems. Immer mehr Menschen stellen das kapitalistische System infrage, das nur noch in Krisen existiert. Der Einfluss der in der ICOR4 organisierten Parteien und Organisationen wächst.
Die Herrschenden vom Schlage Ivan Duques stellen deshalb Venezuela als Beleg für ein angebliches Scheitern des Sozialismus hin. Alvaro Uribe erfand das Schreckgespenst des „Castro-Chavismo“.5 Trump griff das im US-Wahlkampf auf, um damit unter Latinos Einfluss zu nehmen. Das zeigt den aggressiven Kurs gegen Länder, die sich nicht der US-Vorherrschaft unterwerfen. Es zeigt aber auch, wie wichtig die Klarheit über die Untauglichkeit der Illusion vom „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ ist. Diese gibt vor, man könne über soziale Reformen und das Parlament – ohne revolutionäre Überwindung der imperialistischen Vorherrschaft und Eroberung der Macht unter Führung der Arbeiterklasse – zum Sozialismus gelangen. Die MLPD hat 2011 diese Illusion des 2013 verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez in dem Buch „Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution“ gründlich widerlegt.6 In Venezuela sind neokoloniale Abhängigkeit, imperialistische Aggression und Blockadepolitik – auch der EU – hauptverantwortlich für die verheerende Lage der Massen. Gescheitert ist dort nicht der Sozialismus – den es gar nicht gab – sondern die revisionistische Konzeption vom „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Damit wurde die Abhängigkeit von imperialistischen Mächten vertieft. Einheimische Kapitalisten und Bürokraten bereichern sich auf Kosten des Volkes.
Interesse an Filmreihe zum Antikommunismus
Alejandro Tapia berichtet, dass das Resultat der antikommunistischen Hetze zweischneidig ist. Einerseits werden Angst und Vorbehalte gegen den Sozialismus unter den Massen geschürt. Andererseits denken aber viele Menschen in den Protesten und Kämpfen: „Es muss ja was dran sein, wenn alles, was gegen kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung protestiert, Kommunismus sein soll.“ So wachsen in Verbindung mit dem gemeinsamen Kampf die Möglichkeiten, Menschen für eine grundlegende gesellschaftliche Alternative und die Diskussion über Sozialismus und Kommunismus zu gewinnen.
Es sind viele Fragen zu klären. Das verlangt gerade in Corona-Zeiten eine systematische Verankerung der wissenschaftlichen Lehren des Marxismus-Leninismus, wofür auch das Internet wichtig ist. Auch die Übersetzungen der Filmreihe der MLPD „Dem Antikommunismus keine Chance!“ ins Spanische werden von den kolumbianischen Revolutionären dafür gerne genutzt, wie zuletzt der Film zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels. Alejandro Tapia betont, dass diese Arbeit verbunden sein muss mit gemeinsamen praktischen Erfahrungen und Vertrauensbildung, um den Aufbau von revolutionären marxistisch-leninistischen Parteien zu stärken. Nur so wird der Sozialismus-Kommunismus, der für die Herrschenden ein Schreckgespenst ist, für die Massen und vor allem für die Jugend eine lebendige Zukunftsperspektive.