Rote Fahne 25/2020

Rote Fahne 25/2020

Friedrich Engels – „Bulldogge von Marx“?

Friedrich Engels war ein Meister der wissenschaftlichen Polemik. Bürgerliche „Würdigungen“ zu seinem 200. Geburtstag diskreditieren seine Polemik als „skrupellose Bekämpfung missliebiger Konkurrenten“

Von (ms)
Friedrich Engels – „Bulldogge von Marx“?
Friedrich Engels: gemeinsam mit Marx ein Meister der wissenschaftlichen Polemik, Abbildung: iconART.Gallery

In einem Engels-Porträt bei SWR2 lässt Autor Rolf Cantzen die Erzählerin sagen: „Engels war … ein blendender Polemiker und geschickter Agitator, der als ‚Bulldogge von Marx‘ und als dessen ‚Großinquisitor‘ … politische Konkurrenten auf Seiten der Linken skrupellos niedermachte.“ Olaf Briese, Privatdozent an der Berliner Humboldt-Universität, geht in der Sendung noch weiter: „Stichwort Proudhon und Stichwort Bakunin – hier trat Engels polemisch auf mit Schmähschriften, aber auch mit Arbeit hinter dem Rücken – er machte also in großen Teilen das politische Tagesgeschäft, aus dem sich Marx, der große Theoretiker, heraushalten wollte.“

 

Eine solche aus der Luft gegriffene Arbeitsteilung zwischen Marx und Engels gab es nie. Vielmehr beherrschte auch Karl Marx die wissenschaftliche Polemik hervorragend. Hier eine kleine Kostprobe aus der angeblichen „Schmähschrift“ gegen den Vordenker des Anarchismus, Pierre-Joseph Proudhon – die tatsächlich aus der Feder von Marx stammt:

 

„Herr Proudhon genießt das Unglück, auf eigentümliche Art verkannt zu werden. In Frankreich hat er das Recht, ein schlechter Ökonom zu sein, weil man ihn da für einen tüchtigen Philosophen hält; in Deutschland dagegen darf er ein schlechter Philosoph sein, weil er für einen der stärksten französischen Ökonomen gilt. In unserer Doppeleigenschaft als Deutscher und Ökonom sehen wir uns veranlasst, gegen diesen doppelten Irrtum Protest einzulegen.“1

 

Polemik als schöpferische Methode

 

Weder für Marx noch für Engels waren die Entwicklung der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus und die Polemik zwei voneinander getrennte Dinge. So verfasste Marx die Polemik gegen Proudhon mit dem Ziel, „den Weg zum kritischen und materialistischen Sozialismus zu bahnen, der die reale, historische Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion verständlich machen will, mit jener Ideologie in der Ökonomie brüsk zu brechen, deren letzte Verkörperung unwissentlich Proudhon war“.2

 

Genauso absurd ist die Behauptung, Engels wäre im Unterschied zu Marx in erster Linie fürs „politische Tagesgeschäft“ zuständig gewesen. Engels‘ Beitrag zur Entwicklung der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus stand nicht hinter dem von Marx zurück. Anders als es Olaf Briese für möglich hält, nutzte Engels gerade auch das „politische Tagesgeschäft“ – wie zahlreiche Briefwechsel, Zeitungsartikel und Aufsätze zeigen – zur Entwicklung der Theorie. Nichts von alldem geschah „hinter dem Rücken“ von Karl Marx. Engels und Marx verständigten sich intensiv über ihre Publikationen, beurteilten und verbesserten sie gegenseitig.

 

Wenn Rolf Cantzen in seinem SWR2-Beitrag Engels‘ Polemik mit „Konkurrenz“ oder gar der „Inquisition“ gegnerischer Auffassungen gleichsetzt, ist das nur der Versuch, ihm die niedrigen Motive seiner eigenen antikommunistischen Streitkultur zu unterschieben. Zur wissenschaftlichen Polemik bei Friedrich Engels führt der neu erschienene Film „Friedrich Engels – der meist unterschätzte Klassiker“ aus: „Er hat sie als wissenschaftliche Methode ebenso prinzipiell wie amüsant weiterentwickelt. … Dabei ist Engels' Polemik stets schöpferisch, nutzt die kritische Auseinandersetzung zur Entwicklung des Marxismus.“

 

Was von Eugen Dühring blieb ...

 

Ein hervorragendes Beispiel dafür ist Engels‘ Schrift „Herrn Eugen Dührungs Umwälzung der Wissenschaft“, bekannt als „Anti-Dühring“. Im Vorwort zur zweiten Auflage schreibt er 1885: „Das hier kritisierte ‚System‘ des Herrn Dühring verbreitet sich über ein sehr ausgedehntes theoretisches Gebiet; ich war genötigt, ihm überallhin zu folgen und seinen Auffassungen die meinigen entgegenzusetzen. Die negative Kritik wurde damit positiv; die Polemik schlug um in eine mehr oder minder zusammenhängende Darstellung der von Marx und mir vertretnen dialektischen Methode und kommunistischen Weltanschauung, und dies auf einer ziemlich umfassenden Reihe von Gebieten.“

 

Dührings idealistische Konstrukte warfen den gesamten Erkenntnisfortschritt der Arbeiterbewegung und der Naturwissenschaft wieder über Bord. Sie waren Teil einer schon damals aufkommenden Strömung, unter dem Mantel der „Modernisierung“ dem Marxismus seinen revolutionären Gehalt zu nehmen. Engels ließ von Dührings Gedankengebäuden keinen Stein auf den anderen. Das Ergebnis fasst der neue Film so zusammen: „Diese Polemik war so überzeugend, so wirksam, dass von Eugen Dühring in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute nicht mehr bleibt als der ‚Anti-Dühring‘.“