Rote Fahne 21/2020
„Was die Welt bewegt, das ist der Widerspruch“
Der große Dialektiker Georg Wilhelm Friedrich Hegel wurde vor 250 Jahren – am 27. August 1770 – in Stuttgart geboren
Hegels Philosophie erhebt den Anspruch, die gesamte Wirklichkeit einschließlich ihrer Geschichte zusammenhängend und systematisch zu deuten. Sie ist das letzte zusammenhängende wissenschaftliche Werk der klassischen bürgerlichen Philosophie. Hegel selbst war politisch zwiespältig. In der Jugend glühender Anhänger der französischen Revolution, passte er sich später als Universitätsprofessor in Berlin dem reaktionären feudalen Regime an und delegierte die Forderung nach Freiheit an den „Weltgeist“.
Dieser Wandel schlug sich auch in seiner Philosophie nieder: Hegel entwicklte sich zu einem konservativen Idealisten, der den Vorrang der Idee vor der objektiven Realität behauptet: „Die Idee ist der Begriff schlechthin, aus dem sich die objektiven, ewigen Grundstrukturen der Wirklichkeit ableiten lassen.“1 Allerdings untersucht Hegel diese Ideen auf eine dialektische Weise. Er nimmt nichts so, wie es im Moment scheint, betrachtet alles in der Wechselbeziehung zum anderen, in seiner Negation und stetigen Veränderung. Hegel kennt schon den inneren Widerspruch in jedem Ding: „Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend“2, „Was die Welt bewegt, das ist der Widerspruch“3. Er anerkennt auch qualitative Sprünge in der Entwicklung sowie die Negation der Negation. Hier verwendet er das Beispiel vom Samenkorn der Pflanze: das Samenkorn negiert die Pflanze und wird wiederum negiert (doppelte Negation) durch die neue aus ihm entstandene Pflanze. Friedrich Engels folgt ihm hier in seinem Werk „Anti-Dührung“. Während Hegel allerdings von einer kreisförmigen Rückkehr in den Urzustand ausgeht, erkennt Engels die Gesetzmäßigkeit von der spiralförmigen Höherentwicklung.
Hegel hat mehrfach hervorgehoben, dass die Dialektik auch das Gesetz der materiellen Dinge ist: „Das Dialektische zu erkennen, ist von der höchsten Bedeutung. Es ist dasselbe überhaupt das Prinzip aller Bewegung, alles Lebens und aller Betätigung in der Wirklichkeit.“4 Seine Dialektik erschöpft sich allerdings in der Bewegung der Begriffe selbst, in der Selbstentfaltung der logischen und realen Kategorien. Hegels idealistische Dialektik wurde schöpferisch negiert von Marx und Engels – indem sie sie von ihren idealistischen Hüllen befreiten, „vom Kopf auf die Füße stellten“ und zur materialistischen Dialektik ungestalteten.
Das war der qualitative Sprung zu einer revolutionären Philosophie der Arbeiterklasse: offen parteiisch und dabei streng objektiv. Vor allem war sie nun Mittel des Klassenkampfs, wie Marx sagte: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“5
Wer heute die revolutionäre, dialektische Methode erlernen und beherrschen will, sollte sich auch mit Hegel beschäftigen. Der Vordenker und Mitbegründer der MLPD, Willi Dickhut, verfasste zu dazu eine äußerst aktuelle Streitschrift 6. Sie ist abgedruckt in der Roten Fahne 18/2020 (Seite 43) und auf der MLPD-Webseite nachlesbar.