Rote Fahne 19/2020

Rote Fahne 19/2020

„Querfront“ – faschistische Taktik in neuem Gewand

Am 29. August riefen „Querdenken 711“ und „Demokratischer Widerstand“ erneut zu einer Demonstration nach Berlin auf, diesmal unter dem Motto „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“. Die große Mehrheit der Bevölkerung lehnt die sogenannten „Corona-Proteste“ ab und kritisiert die provokante, rücksichtslose Missachtung notwendiger Hygienemaßnahmen

Von (fh/us)
„Querfront“ – faschistische Taktik in neuem Gewand
Eindeutig: MLPD auf einer Protestaktion gegen Corona-Leugner in Hannover, Foto: RF

Verbreitet ist, die Demonstranten als einen Haufen Spinner oder schräge Regierungsgegner abzutun. Das geht aber am Kern des Problems vorbei. Ein Teil der Teilnehmer dieser Demonstrationen sind keine Faschisten. Sie treibt Existenzangst und Misstrauen in die bürgerliche Gesundheitspolitik an. Gefordert wird die Freiheit, sich an keine Hygie­nemaßnahme halten zu müssen. Vom tatsächlich notwendigen Kampf um Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung durch die Großkonzerne sieht und hört man dagegen auf den Demos nichts. Die Teilnehmer ziehen keinen klaren Trennungsstrich gegenüber Faschisten und gehen damit den Veranstaltern und ihrer Taktik auf den Leim. In seiner Rede in Berlin verkündete „Querdenken“-Initiator Michael Ballweg, in seiner Bewegung sei kein Platz für links- und rechtsextremistische Positionen. Das war reine Demagogie angesichts vieler faschistischer Flaggen und Symbolen.

 

Es war auch kein Zufall, dass der Aufschrei gegen das anfängliche und völlig berechtigte Verbot der Demonstration von der gesamten neofaschistischen Szene ausging – von NPD über den „III.Weg“ über den AfD-„Flügel“ um Björn Höcke bis zur „Identitären Bewegung“, die alle auch zur Demonstration mobilisierten.

 

Kein Mittelding zwischen rechts und links

 

Gabi Fechtner führt im Interview mit der Roten Fahne 17/2020 aus: „Die faschistischen Drahtzieher solcher Aktionen versuchen gezielt mit der sogenannten Querfront-Politik, die Grenzen zwischen links und rechts scheinbar verschwimmen zu lassen. Das ist ein Grund, warum sie zu Einzelaktionen wie am 1. 8. 2020 in Berlin immer noch mehrere tausend Leute mobilisieren können. Eine ‚Querfront‘ ist aber kein Mittelding zwischen rechts und links – sie ist selbst neofaschistisch.“

 

In Deutschland vermeidet ein großer Teil der Drahtzieher, den Begriff „Querfront“ wegen seiner geschichtlichen Diskreditierung offen in den Mund zu nehmen. Allerdings lehnen sich die „Querdenken“-Initiatoren deutlich daran an. Und in Österreich gibt es bereits eine sogenannte„Corona-Querfront“.

 

Reaktionäre Antwort auf die Novemberrevolution

 

Die Taktik der angeblichen „Querfront“ gab es schon vor über 100 Jahren. Der Begriff soll vermitteln, dass es angeblich eine gemeinsame Front von ganz rechts und ganz links gäbe. Die „Querfront“ war auch in der Vergangenheit schon eine Taktik der Faschisten, sich unter Missbrauch fortschrittlicher Forderungen, Losungen oder Symbole Zugang zu den Massen zu erschleichen.

 

Sie entstand als ultrareaktionäre Antwort auf die deutsche Novemberrevolution 1918. Wegbereiter war der Leitphilosoph des Hitler-Faschismus, Oswald Spengler, der vom drohenden „Untergang des Abendlandes“ schwadronierte und nationalistische Konzepte einer „konservativen oder nationalen Revolution“ verbreitete. Spengler gab sich antiimperialistisch, aber nur gegen den Imperialismus anderer Nationen. Dem deutschen Imperialismus, für den er zumeist den Begriff „Preußentum“ verwendete, wollte er dagegen zu großen Ruhm verhelfen. Er verbrämte den Sozialismus nationalistisch, leugnete die unversöhnlichen Klassengegensätze zwischen Bourgeoisie und Proletariat und attackierte dazu Karl Marx, der gemeinsam mit Friedrich Engels den Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft entwickelt hat. In „Preußentum und Sozialismus“ schreibt Spengler 1919: „Und damit ist die Aufgabe gestellt: es gilt, den deutschen Sozialismus von Marx zu befreien. Den deutschen, denn es gibt keinen anderen.“1 Sozialismus ohne Marx oder Lenin ist aber kein Sozialismus, sondern der Missbrauch des Ansehens des Sozialismus für nationalistische Propaganda.

 

Hitler nannte aufbauend auf Spenglers Leitlinien seine faschistische Partei „nationalsozialistisch“ und seine Machtergreifung eine „nationale Revolution“. Der kommunistische Theoretiker Georgi Dimitroff brachte diese Taktik 1935 auf den Punkt: „Der Faschismus fängt im Interesse der reaktionärsten Kreise der Bourgeoisie die enttäuschten Massen auf, die die alten bürgerlichen Parteien verlassen. Aber er imponiert diesen Massen durch die Heftigkeit seiner Angriffe gegen die bürgerlichen Regierungen, durch seine Unversöhnlichkeit gegenüber den alten Parteien der Bourgeoisie.“2

 

Eine „Querfront“ zwischen Sozialismus und Faschismus gab es damals nicht und gibt es heute nicht. Die Freiheitsideologie des Kommunismus ist unversöhnlich mit dem Faschismus, der brutalsten Herrschaftsform des Imperialismus.

 

Klarer Trennungsstrich notwendig

 

Für die MLPD, für alle demokratischen, fortschrittlichen und revolutionären Kräfte kann es keine Zusammenarbeit mit Bewegungen, Bündnissen und Initiativen geben, die sich nicht in Wort und Tat entschieden von Faschisten abgrenzen. Die Bewegung „Gib Faschismus, Rassismus, Antikommunismus und Antisemitismus keine Chance!“ ist der richtige Kompass, um im Gewoge der gegenwärtigen Proteste einen klaren Standpunkt einzunehmen.