Rote Fahne 18/2020
Jung und Alt gemeinsam: Mehr Ausbildungsplätze, unbefristete Übernahme und eine Zukunft für die Jugend!
Hunderttausende Jugendliche beginnen in diesen Tagen ...
... mit ihrer Berufsausbildung und damit auch einen neuen Lebensabschnitt. Sieben oder mehr Stunden täglich körperlich arbeiten, immer pünktlich da sein, mit Ausbildern und älteren Kolleginnen und Kollegen klarkommen – das sind ungewohnte Anforderungen, an denen man aber auch wächst und dadurch selbstbewusster wird. Allerdings: Die Weltwirtschafts- und Finanzkrise, verschärft durch die Corona-Krise, trifft die Arbeiterjugend besonders hart. Von einem Abbau der Ausbildungsplätze um 20 Prozent im Jahr 2020 – das sind rund 100 000 – gehen die Industrie- und Handwerkskammern Ende Juli aus.1 40 Prozent aller Betriebe Niedersachsens erklärten, dass sie keine oder nur einen Teil ihrer Azubis übernehmen.2
182 000 Jugendliche suchen laut Bundesagentur für Arbeit derzeit noch einen Ausbildungsplatz.3 Es sind vor allem Großkonzerne, die seit Jahren Ausbildungsplätze vernichten. Laut einer Bertelsmann-Studie von 2017 bilden „Großbetriebe mit mehr als 500 Beschäftigten … im Verhältnis zu ihrer Mitarbeiterzahl am wenigsten aus“. Das verschärft sich sprunghaft: 2019 vernichtete Ford 35 Prozent der Ausbildungsplätze im Vergleich zum Vorjahr, VW 15 Prozent und Opel in den letzten beiden Jahren 60 Prozent. Die RAG hat bis zur Schließung des Steinkohlebergbaus Tausende Ausbildungsplätze vernichtet. Fast 13 000 Bergbau-Azubis gab es noch zum Jahresende 1980.4
Und diese Entwicklung wird sich verstärken – unter anderem durch die erwartete Pleitewelle nach dem Auslaufen staatlicher Krisensubventionen für Klein- und Mittelbetriebe im September. Wenn Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) jetzt erklärt, „ich kämpfe um jeden Ausbildungsplatz“, dann muss man ihn fragen, wieso er das nicht die ganzen Jahre schon gemacht hat …
Nicht alle Betriebe streichen Ausbildungsplätze. Kleine, mittlere und Handwerksbetriebe bieten teilweise mehr Lehrstellen an, als sie Bewerber finden. Nicht selten machen sie das aus ehrlich gemeinter Verpflichtung für die Jugend. Teils sind sie zu einer hochwertigen Ausbildung aber kaum in der Lage. Oft sind Auszubildende dort allerdings auch vor allem billige Arbeitskräfte. Auf ein Drittel aller unbesetzten Stellen hatte sich im letzten Jahr kein einziger Jugendlicher beworben. Besonders häufig in Branchen mit ungünstigen Arbeitszeiten wie dem Lebensmittelhandwerk oder der Gastronomie.5 Man sollte sich aber auch nicht für harte, gesellschaftlich notwendige Arbeiten zu „fein“ sein.
Begehrt ist dagegen zu Recht die hochqualifizierte Ausbildung in der Großindustrie. Bei Daimler bewirbt sich regelmäßig ein Vielfaches an Interessenten im Vergleich zu den angebotenen Plätzen. Die Ausbildung in solchen Betrieben ist meist gründlicher und auf höchstem technischen Niveau. Deshalb ist es im Interesse der Zukunft der Jugend notwendig, vor allem dort für mehr Ausbildungsplätze einzutreten.
Typisch für bürgerliche Politiker wie Heil ist es, die Vernichtung von Ausbildungsplätzen weder zu kritisieren noch irgendwelche wirksamen Gegenmaßnahmen vorzuschlagen. Denn das ginge an den Profit der Monopole. Das einzige, was die Regierung gestartet hat, sind unzureichende Unterstützungsprogramme für die Ausbildung in Klein- und Mittelbetrieben. Später können sich auch die Konzerne aus dem „Pool“ ausgebildeter Jugendlicher bedienen, ohne vorher Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. MLPD und REBELL setzen auf die Mobilisierung der werktätigen Jugend, der Azubis selbst, gemeinsam mit den älteren Arbeiterinnen und Arbeitern:
Für eine Ausbildungsquote von 10 Prozent in der Großindustrie!
* Für die unbefristete Übernahme aller Azubis entsprechend der Ausbildung!
* Kampf um jeden Arbeitsplatz! Für die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich! Das schafft beziehungsweise erhält Millionen Arbeitsplätze.
* Für diesen Kampf brauchen wir auch mehr demokratische Rechte – vor allem ein vollständiges und allseitiges gesetzliches Streikrecht!
* Gemeinsam gegen die Abwälzung der Krisenlasten auf die Arbeiterklasse und die Massen!
Um jeden Preis studieren?
Bei einem wachsenden Teil von Jugendlichen steht die betriebliche, praxisnahe Ausbildung nicht mehr hoch im Kurs. Viele schlagen den Weg der akademischen Ausbildung ein, auch weil Lehrer, Ärzte und Wissenschaftler gesellschaftlich gebraucht werden. Seit 2015 entscheiden sich jährlich mehr für ein Studium als für eine duale Berufsausbildung in Betrieb und Berufsschule. Die Orientierung auf Karriere und individuellen Aufstieg ist mittlerweile zum festen Bestandteil der bürgerlichen Jugendkultur geworden. Viele Eltern, durchaus auch in Arbeiterfamilien, lassen sich – teilweise aufgrund der harten Erfahrungen der betrieblichen Ausbeutung – ebenfalls davon leiten: „Mein Kind soll es mal besser haben!“
Natürlich verdient man in akademischen Berufen oft mehr Geld, hat meist angenehmere Arbeitsbedingungen. Verschwiegen wird in den bürgerlichen Medien gerne, dass bis zu 50 Prozent der Studienanfänger nach Jahren des Studiums keinen adäquaten Abschluss in der Tasche haben, weil sie es zum Beispiel abbrechen müssen. Aktuell haben 40 Prozent der Studierenden ihre Studentenjobs verloren und damit einen wesentlichen Teil ihrer finanziellen Existenzgrundlage.
MLPD und ihr Jugendverband REBELL setzen sich engagiert für die berechtigten Forderungen der Masse der Studierenden ein. Sie wenden sich insbesondere gegen soziale und politische Auslese. Sie kritisieren aber auch den Hype um akademische Berufe. Wieso soll die individuelle Karriere im Rahmen des kapitalistischen Gesellschaftssystems das Erstrebenswerteste im Leben junger Menschen sein? Körperliche Arbeit wird in den Medien oft diffamiert. Sieht man sich die TV-Vorabendserien an, so findet man darin fast keine Arbeiter, sondern vorwiegend Anwälte, Ärzte, Werbedesigner und Ähnliches. Ein völlig irreales Bild!
Eine betriebliche Berufsausbildung ist alles andere als „zweite Wahl“. Wer baut denn die Häuser, in denen wir wohnen? Wer produziert die Lebensmittel, die wir essen? Wer versorgt uns mit Wasser, Energie, mit Kleidern, Fahrzeugen oder pflegt die Patienten in den Krankenhäusern? Ohne körperliche Arbeit hätte sich der Mensch nie aus dem Affen heraus entwickeln können. Ohne körperliche Arbeit gibt es kein gesellschaftliches Leben, keinen gesellschaftlichen Fortschritt.
Die Arbeit in den Industriebetrieben erfordert heute ein hohes geistiges Niveau und eine hochwertige Ausbildung. An Standorten in aller Welt produzieren Industriearbeiter Zehntausende von Teilen, die sie zum Beispiel in einer Lokomotive zusammensetzen – die dann wieder weltweit eingesetzt werden kann. Die Produktion ist gesellschaftlich und international organisiert. Das gelingt nur mit äußerster Disziplin, höchster Effizienz und Planmäßigkeit. Zum internationalen Industrieproletariat in den Produktionsverbünden der internationalen Monopole zu gehören – darauf kann man mit Recht stolz sein!
Selbständig werden statt „Hotel Mama“
Die aktuelle Shell-Studie stellt fest, dass junge Männer heute im Schnitt bis zum Alter von 24,7 Jahren zuhause wohnen. Junge Frauen machen sich schneller selbständig. Diese Tendenz trifft auch für Auszubildende zu. Es ist unfair, als Erwachsener ohne Not den werktätigen Eltern weiter auf der Tasche zu liegen und das verdiente Geld nur in der Freizeit auszugeben. Das fördert Bequemlichkeit und Egoismus.
Allerdings sind die Ausbildungsvergütungen für die Finanzierung eines eigenen Haushalts nach wie vor zu niedrig. MLPD und REBELL treten dafür ein, dass sie erhöht und an den Facharbeiterlohn angebunden werden, damit eine selbständige Lebensführung möglich wird.
Hochwertige Ausbildung – „das große Los gezogen“?
Dafür kann man in der Ausbildung viel lernen: Exaktes, industrielles Arbeiten, Disziplin, sich von der Erfahrung der älteren Kollegen eine Scheibe abschneiden und vor allem – wie man gemeinsam kämpft. Den Auszubildenden in Konzernbetrieben wird heute vom ersten Tag an eingeredet, sie hätten „das große Los gezogen“ im Vergleich zu Lehrlingen in anderen Betrieben. Da gibt es dann schon mal direkt zu Beginn des Lehrjahres Segeltörns und das Versprechen, man könne ja Teamcoach oder Meister werden, wenn man besonders gut ist. Doch die vergleichsweise gründliche Ausbildung dient vor allem der Vorbereitung auf eine möglichst lukrative Ausbeutung der Arbeitskraft. Nach der Ausbildung geht – sofern man übernommen wird – die Tretmühle los, mit wachsendem Arbeitsstress, gesundheitsschädlicher Schichtarbeit und zunehmender Arbeit auch am Wochenende – auf Kosten des Familienlebens. Teamcoach und Meister werden letztlich nur wenige – und die müssen sich dafür hergeben, den reibungslosen Produktionsablauf im Interesse der kapitalistischen Ausbeutung abzusichern. Man muss sich also bewusst entscheiden, den Weg des gemeinsamen Kampfs für die Arbeiterinteressen einzuschlagen.
Dazu gehört jede(r) Auszubildende vom ersten Tag an in die Gewerkschaft – als Kampforganisation der Masse der Arbeiter und Angestellten. Es reicht aber nicht, selbst Mitglied zu werden. Es geht auch darum, andere dafür zu werben und aktive Gewerkschaftsarbeit zu machen.
Mitwirken an einem „großen Werk“
Karl Marx beschrieb die Rolle der industriellen Tätigkeit so: „Wir betrachten die Tendenz der modernen Industrie, Kinder und Jugendliche beiderlei Geschlechts zur Mitwirkung an dem großen Werk der gesellschaftlichen Produktion heranzuziehen, als eine fortschrittliche, gesunde und berechtigte Tendenz, obgleich die Art und Weise, auf welche diese Tendenz unter der Kapitalherrschaft verwirklicht wird, eine abscheuliche ist.“6
Natürlich sind die MLPD und ihr Jugendverband REBELL gegen gesundheitsgefährdende und ausbeuterische Kinderarbeit. Aber es ist nicht richtig, dass im bürgerlichen Schulbetrieb die Trennung von Theorie und Praxis auf die Spitze getrieben wird. Deshalb organisieren die MLPD und ihr Jugendverband REBELL schon in der Kinderorganisation ROTFÜCHSE die Achtung vor körperlicher Arbeit.
In Russland wurde kurz nach der sozialistischen Oktoberrevolution auf Vorschlag Lenins beschlossen: „Gewährleistung einer unentgeltlichen und obligatorischen allgemeinen und polytechnischen (theoretisch und praktisch die Grundlagen aller Hauptzweige der Produktion vermittelnden) Bildung für alle Kinder beiderlei Geschlechts bis zum 16. Lebensjahr; Herstellung einer engen Verbindung zwischen Unterricht und gesellschaftlich-produktiver Arbeit der Kinder; Versorgung aller Schüler mit Nahrung, Kleidung und Lernmittel auf Staatskosten.“ (Lenin, Werke, Bd. 29, Seite 116)
Das waren zukunftsweisende Schritte, die Jugend zur Mitwirkung an dem großen Werk der gesellschaftlichen Produktion heranzuziehen. Für einen neuen Anlauf im Kampf um den Sozialismus können und werden daraus schöpferische Schlussfolgerungen gezogen werden.
Fit machen für den gesellschaftsverändernden Kampf
Kämpferische Auszubildende sind heute keineswegs nur im Betrieb und in der Gewerkschaft aktiv. Viele engagieren sich auch für Umweltschutz, gegen ungerechte Kriege, gegen Rassismus oder gegen die reaktionären Polizeigesetze. Die Masse der Arbeiterjugend ist links. Den Arbeiterjugendlichen kommt auch die Verantwortung zu, sich selbst dafür fit zu machen, revolutionäre Kämpfer und künftige Erbauer der sozialistischen Gesellschaft zu werden – und sich dafür heute im REBELL und der MLPD zu organisieren.
Sie müssen sich bewusst werden, Teil des internationalen Industrieproletariats zu sein, das sich immer besser zusammenschließt – sei es in der Internationalen Automobilarbeiterkoordination oder der Internationalen Bergarbeiterkoordination.
Kämpferische Initiativen entfalten sich
Aktuell beleben sich kämpferische Aktivitäten von Azubis – teilweise aktiv unterstützt von MLPD und Jugendverband REBELL. Bei der international tätigen Lackfirma Axalta in Wuppertal protestierten 70 Azubis am 23. Juni mit einer Menschenkette gegen die Verringerung der Ausbildungsplätze. In den letzten Wochen gab es bei Bosch aus dem gleichen Anlass eine „Kette der Solidarität“. Bei Opel Rüsselsheim wurde nach Protesten darauf verzichtet, Azubis am Band einzusetzen, solange die Lehrwerkstatt wegen Corona geschlossen war. Bei Siemens Krefeld setzten ältere und junge Kolleginnen und Kollegen gemeinsam durch, dass zehn Azubis fest und weitere 19 für ein Jahr befristet übernommen wurden.
Diese Aktionen und Erfolge sind das Ergebnis von oft geduldigen Auseinandersetzungen. Ein REBELL-Mitglied aus einem Automobilbetrieb, in dem es schon öfter kämpferische und selbständige Aktionen von jungen Arbeitern gab, berichtet: „Der Ton in der Lehrwerkstatt ist teils sehr scharf, die Lehrlinge werden ständig überwacht und unter Druck gesetzt, sich nicht mit anderen zu unterhalten – unter dem Vorwand des ‚Gesundheitsschutzes‘. ... Aber die Diskussion unter den Kolleginnen und Kollegen belebt sich in dieser Zeit regelrecht. Es beteiligen sich mehr als zuvor!“
Solche Kämpfe sind wichtig als Schule für den Klassenkampf. Jede aktuelle Auseinandersetzung muss dazu führen, sich besser zu organisieren, sich international enger zusammenzuschließen und mit der reformistischen Klassenzusammenarbeitspolitik immer besser fertigzuwerden. In diesem Sinn sollte die bundesweite Kampagne des REBELL „Für Ausbildungsplätze & unbefristete Übernahme müssen wir kämpfen! Macht mit im REBELL!“ von Jung und Alt noch viel breiter bekanntgemacht und entfaltet werden!