Rote Fahne 17/2020
Sind Sexualstraftäter immer psychisch krank?
Sie vergewaltigen vor laufender Kamera Kinder, verkaufen die Filme, stellen sie ins Netz, ergötzen sich an ihren Schreien. Was sind das bloß für Menschen, fragen sich viele
Sexualstraftäter müssen „psychisch gestört“ sein, ist man geneigt zu sagen. Dieser „fatale Irrtum“ hätte zur Konsequenz, sich weder mit der menschenverachtenden und reaktionären Denkweise zu beschäftigen, die solche Verbrechen hervorbringt, noch mit deren gesellschaftlicher Grundlage.
Lediglich drei Prozent der für sexuelle Gewalt Verurteilten landen im für psychisch kranke Straftäter vorgesehenen Maßregelvollzug. Prof. Dr. Wolfgang Retz, Leiter des Instituts für Psychiatrie und Psychologie an der Universität des Saarlands, warnt: „Es wäre ein fataler Irrtum, von der Unfassbarkeit einer Tat darauf zu schließen, dass es sich … um einen psychisch kranken Menschen (handeln muss), der so etwas macht.“1
Unterdrückung der Sexualität war in allen Klassengesellschaften eine Herrschaftsmethode. Die Frau wurde zum Produktionsinstrument und die Sexualität zur Ware. Die Verbindung von Sexualität und Macht über andere, die bei der sexuellen Gewalt an Kindern so grausam zutage tritt, ist bei diesen Tätern tief verankert. Fortschritte der Produktivkräfte – wie die Möglichkeit zur Empfängnisverhütung – verändern das nicht grundlegend, im Gegenteil: „Unter den Bedingungen der Allgemeinen Krise des Kapitalismus werden aus diesen Produktivkräften Destruktivkräfte zur Ausbeutung von Frauen und Mädchen bis zu ihrer psychischen und physischen Zerstörung in Massenumfang.“2
Waren die erzwungene Monogamie (für die Frau) und die Prostitution (für den Mann) schon immer Zwillinge und die damit verbundene Gewalt und Geschäftemacherei Bestandteil aller Klassengesellschaften, so ist diese Abartigkeit heute geradezu explodiert: In diesem Gewerbe werden in Deutschland jährlich etwa 14,6 Milliarden Euro umgesetzt. Beim weltweiten Menschenhandel, wo auch Kinder verkauft werden, sind es 91 Milliarden Euro. Jeden Tag werden in Deutschland etwa 400 000 Prostituierte von 1,2 Millionen Männern aufgesucht. Die Freier haben dabei bezeichnende Einstellungen: 55,5 Prozent aller Freier präferieren als Partei die AfD, 13 Prozent die CDU/CSU. Sie sind auch überdurchschnittlich starke Porno-Konsumenten, glauben öfter an Vergewaltigungs-Mythen („Die Frau wollte das …“) und sind auch gegenüber Nicht-Prostituierten häufiger gewalttätig.3 Wen wundert es, wenn diese extreme sexuelle Ausbeutung, verbunden mit einem ganzen System an reaktionären, menschenverachtenden Denkweisen, auch jene grausamen kriminellen Taten an Kindern hervorbringt.
Wo immer Frauen und Kinder auf diese Weise gequält und erniedrigt werden, brauchen sie unsere Solidarität, muss das bekämpft werden. Schuldfähige Täter müssen entsprechend dem verbrecherischen Charakter ihrer Taten konsequent bestraft werden.