Rote Fahne 12/2020

Rote Fahne 12/2020

„Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“

Ferhat Unvar war einer der zehn Menschen, die am Abend des 19. Februar bei dem von Tobias Rathjen verübten faschistischen Mordanschlag in Hanau starben. Die Rote Fahne konnte mit seinem Vater Metin Unvar sprechen

„Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“
Ferhat Unvar war ein junger, kreativer Mensch, der sein Leben noch vor sich hatte, Foto: privat

Rote Fahne: Wir sind über den brutalen Anschlag entsetzt und sprechen euch unser tiefes Mitgefühl aus. Was für ein Mensch war dein Sohn?

 

Metin Unvar: Mein Sohn Ferhat hat sich in der Familie für vieles verantwortlich gefühlt, obwohl er noch jung war – 22 Jahre alt. Er hat sich eng und liebevoll um seine Geschwister gekümmert und wurde wie ein zweiter Vater für sie. Als ihn die Kugeln des Mörders trafen, hatte er gerade die Ausbildung zum Heizungsinstallateur beendet. Ferhat war allseitig am Leben interessiert, war für das Neue aufgeschlossen. Er war ein junger kreativer Mann, ein ungemein aktiver Junge. Fast täglich arbeitete er an Poesie, Gedichten, Reimen und Sprüchen. Seine Vorstellungen und Werke stellte er auf seiner Webseite ins Internet und war an Auseinandersetzungen darüber sehr interessiert. Nicht selten beschäftigte er sich mit Grundfragen des Lebens. Fast wie eine Mahnung an uns schrieb er: „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst.“


Was sind deine Gedanken zu diesem faschistischen Mordanschlag?

 

Bis heute habe ich Angst zu schlafen, ich träume jede Nacht von den Vorfällen, dem brutalen Angriff des Täters, vom Einsatz der Polizei, den Hubschraubern über dem Wohngebiet. Die Ungewissheit an diesem Tag war unerträglich. Mindestens viermal rief ich bei der Polizei an. Sie meinten, wir sollten auf die Infos der Polizeistelle vor Ort warten, aber sie kümmerten sich nicht um unsere Fragen. Ich rief in den Krankenhäusern an, ob mein Sohn dort liegt, aber Auskünfte an Angehörige waren untersagt. Viel später erfuhr ich, dass mein Sohn kurz nach den Schüssen gestorben war. Der Täter wohnte in meinem Wohngebiet, ich kannte ihn nicht, er lebte zurückgezogen. Wie kann ein Mensch nur auf so eine Idee kommen, wahllos Menschen zu ermorden, nur weil sie Migranten sind und sich dann mit Selbstmord der Verantwortung entziehen?

 

Worin siehst du Hintergründe der Tat?

 

Ich denke oft, es ist nicht richtig, dass ein Mensch mit solchen nationalistischen Ansichten privat an solche Waffen kommen darf. Er trainierte im Sportverein, wieso kann er eine Waffe mit nach Hause nehmen? Ich habe einfach Angst, dass so was nochmal passieren kann und andere Kinder betroffen sind. Die Theorie, er wäre psychisch krank, ist mir nicht einsichtig. Tobias Rathjen hat jahrelang, ohne auffällig zu werden, in einer Bank als Bankkaufmann gearbeitet. Wieso kann er jetzt auf einmal psychisch krank sein? Er hat ein Manifest im Internet verbreitet, in dem er seine faschistische Gesinnung preisgab. Er meinte, ganze Volksgruppen sind auszuweisen, da ihre Existenz „an sich ein grundsätzlicher Fehler“ sei und andere Völker müssten „komplett vernichtet“ werden. Solche faschistischen Ansichten zu verbreiten, müsste verboten sein und auch die Organisierung und Vernetzung solcher Leute. Dafür setze ich mich ein.


Was denkst du, kann getan werden?

 

Ich möchte nicht, dass irgendeinem anderen Menschen das passiert, was meinem Sohn passiert ist. Ich möchte, dass Rassismus und Faschismus aufhören. Wir müssen auf der Seite der Migranten, Flüchtlinge und der von Rassismus betroffenen Menschen sein. Bekämpft die Rassisten, überall, wo ihr sie vorfindet! Kein Fußbreit den Faschisten!


Vielen Dank für das Gespräch!