Rote Fahne 11/2020

Rote Fahne 11/2020

Zoonosen fallen nicht vom Himmel

Ein Gastkommentar von Herbert Buchta, Diplombiologe und praktischer Tierarzt aus Birken-Honigessen

Zoonosen fallen nicht vom Himmel
Industrielle Massentierhaltung mit Fütterungsantibiotika: eine Quelle gefährlicher Keime für den Menschen, Foto: Stefan Bröckling / CC BY-NC-SA 2.0

Ungeachtet der aktuell heiß geführten Diskussion über den (noch ungeklärten) Ursprung des Corona-Virus SARS-CoV-2 gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass Zoonosen und Pandemien, also die Übertragung von infektiösen Keimen von Tieren auf den Menschen und ihre weltweite Verbreitung, zukünftig eine immer größere Bedeutung für die menschliche Gesellschaft haben werden. Warum ist das so?

 

Manipulation des Erbgutes

 

Infektiöse Keime, das können nicht nur Viren sein, sondern auch Bakterien, Pilze oder Einzeller. Aber zweifellos gehören die Viren zu den gefährlichsten Vertretern. Weil sie keinen eigenen Stoffwechsel haben, manipulieren sie das Erbgut eines Wirtsorganismus, um sich zu vermehren. Dessen Zellen gehen dabei zugrunde, der betroffene Organismus (Pflanze/Tier/Mensch) kann dabei schwer erkranken oder sterben.

 

Über 70 Prozent aller neuen Infektionskrankheiten haben ihren Ursprung in wilden oder domestizierten Tierpopulationen. Nach Schätzungen verursachen solche Tier-zu-Mensch-Krankheiten heute schon jährlich etwa 700 000 Todesfälle. Das natürliche Reservoir potenzieller Krankheitskeime aber ist riesig. Allein die Anzahl noch unentdeckter Viren in Säugetieren und Wasservögeln wird auf 1,7 Millionen geschätzt.

 

Wissenschaftler sind deshalb alarmiert: „Jedes von ihnen könnte die nächste ,Krankheit X‘ auslösen – möglicherweise sogar noch gefährlicher und tödlicher als COVID-19. Pandemien werden mit hoher Wahrscheinlichkeit künftig häufiger auftreten, sich schneller ausbreiten, größere wirtschaftliche Auswirkungen haben und mehr Menschen töten …“ 1

 

Sind Pandemien vorhersehbar?

 

Über das Auftreten, den Zeitpunkt, Umfang und die Schwere neuer Pandemien lassen sich keine exakten Vorhersagen machen. Einigkeit herrscht unter den Wissenschaftlern aber weitgehend darüber, dass solche von Tieren ausgehenden weltweiten Seuchenzüge nicht vom Himmel fallen. Immer deutlicher zeigt sich ein ursächlicher Zusammenhang zur fortschreitenden globalen Umwelt- und Klimakrise.

 

Ein führender Umweltforscher, J. Spangenberg, formuliert diesen Zusammenhang so: „Die Wahrscheinlichkeit von Pandemien steigt mit zunehmender Vernichtung von Ökosystemen und Biodiversität.“ 2 Damit kann die Zunahme zoonotischer Pandemien aufgefasst werden als Merkmal eines verschärften Übergangs in die globale Umweltkatastrophe.

 

Die Bedeutung der natürlichen Umwelt

 

Die ungebremste Vernichtung natürlicher Lebensräume, eine raubbaumäßige Landnutzung (Landwirtschaft, Bergbau), eine unkontrollierte Siedlungspolitik (Megacities, Slums), die ungezügelte Ausbeutung und Vernichtung von Wildtierarten usw. führen zu einer immer intensiveren Verflechtung von zivilisatorischen und naturwüchsigen Lebensbereichen. Die Ulmer Ökologin S. Sommer hat diesen Zusammenhang erforscht:

 

„Ursprünglich haben Menschen und Tiere friedlich mit einer ganzen Reihe von Erregern zusammengelebt, an die sie sich im Laufe ihrer Evolution angepasst hatten. Doch nun eröffnen gestörte Umweltbedingungen Viren und Co. neue Übertragungsmöglichkeiten: Artengemeinschaften verändern sich, sensitive Arten verschwinden und die Vielfalt reduziert sich. Gleichzeitig besetzen sogenannte Generalisten die freiwerdenden ökologischen Nischen und vermehren sich stark. Das gilt leider auch für ihre Krankheitserreger: Da sich insbesondere das Erbgut von Viren schnell verändert, können diese Erreger womöglich irgendwann die Zellen einer neuen Wirtsart befallen. Schließlich kommen durch die vom Menschen geänderte Landnutzung Arten in Kontakt, die sich unter natürlichen Bedingungen niemals begegnet wären.“ 3

 

In diesem Sinn also kann eine intakte natürliche Umwelt durchaus „systemrelevant“ für das Funktionieren einer menschlichen Gemeinschaft sein – oder eben auch nicht …

 

Kriminelle Wilderei, Aberglauben, Hunger, Massentierhaltung  ...

 

Ein zugespitzter Ausdruck dieser Entwicklung sind auch die sogenannten „wet markets“ wie in Wuhan, auf denen lebende Wildtiere oder deren Fleisch (bushmeat) unter oft unzureichenden hygienischen Bedingungen gehandelt werden. Neben krimineller Wilderei, überkommener Tradition und irrwitzigem Aberglauben sind hier aber allzu oft auch nackte Armut und purer Hunger die Triebkräfte, sodass sich ein vorschnelles Heben des moralischen Zeigefingers verbietet.

 

Eine ganz andere Art von zoonotischer Pandemie, die hier erwähnt werden muss, findet weltweit in den industriellen Massentierhaltungen statt. Durch den massiven Einsatz von Fütterungsantibiotika wird die Entstehung von resistenten, also Antibiotika-unempfindlichen Bakterien gefördert, die auch dem Menschen gefährlich werden können. Der berüchtigte Krankenhauskeim MRSA (Multiresistenter Staphylococcus aureus) ist hierfür das bekannteste Beispiel.