Rote Fahne 11/2020
Was passierte mit den Lenin-Denkmälern nach der Wende?
Der Berliner Philologe und Soziologe Carlos Gomes fragte sich: Was ist eigentlich mit den Lenin-Denkmälern der DDR nach der Wende 1989 passiert? Immerhin hatte der „Einigungsvertrag“ den „Schutz der kulturellen Substanz“ garantiert. Er ging der Sache auf den Grund. Nach einigen Jahren des oft abenteuerlichen Forschens entstand sein Buch „Lenin lebt“
Rote Fahne: Wie kommt man auf die Idee zu einem solchen Projekt?
Carlos Gomes: Das Projekt entstand 2014 nach einem Besuch in der ehemaligen sowjetischen Kaserne in Wünsdorf (Brandenburg). Dort steht eine imposante Lenin-Statue, die mein Interesse weckte.
Nach einer ersten Recherche stellte ich fest, dass es keine aktualisierte Liste der deutschen Lenin-Denkmäler gab. Ich beschloss, selber diese Liste zu erstellen, und begann mit diesem Forschungsprojekt.
Was waren die wesentlichen Ergebnisse und das Echo bisher darauf?
Ich konnte 24 Lenin-Denkmäler finden, die sich noch an ihrem einstigen Standort oder an einem anderen öffentlichen Platz befinden. Alle stehen in Ostdeutschland. Es gibt eine große Vielfalt an Denkmälern: Statuen, Büsten, Reliefs, Bleiglasfenster, Gedenktafeln und Wandbilder. Die große Mehrheit der Lenin-Denkmäler wurde allerdings nach 1990 geschleift.
In Deutschland dürfen nationalsozialistische, kaiserliche und kolonialistische Monumente wegen ihres historischen Werts erhalten bleiben, aber die Figur Lenins wollte man komplett aus der Öffentlichkeit verbannen. Nur dank engagierter Kunsthistoriker, Denkmalpfleger oder Anwohner und einiger glücklicher Zufälle konnten die bestehenden Exemplare gerettet werden.
Aber allmählich begreifen mehr Leute, dass man verantwortlich mit historischen Zeugnissen und Symbolen umgehen muss.
Ich habe im Laufe meines Projekts viel positives Feedback und wertvolle Unterstützung von Einzelpersonen, Vereinen und Behörden bekommen. Einige Personen haben erst dank meines Projekts von diesen Denkmälern erfahren und haben mir dann Nachrichten und Fotos von ihren Besuchen vor Ort geschickt. Das hat mich sehr gefreut. Auch mein Buch „Lenin lebt“, das im März erschienen ist, wurde gut aufgenommen.
Was halten Sie von der Aufstellung einer Lenin-Statue in Gelsenkirchen?
Ein Lenin-Denkmal in Westdeutschland ist längst fällig. In München hat man 1968 eine Gedenktafel an dem Gebäude angebracht, in dem Lenin einige Monate zwischen 1900 und 1902 gewohnt hatte. Sie wurde 1970 bei einem Anschlag mit Sprengstoff von einer rechtsextremen Gruppe zerstört. Terror sollte aber nicht die Denkmallandschaft eines Landes bestimmen.
Dementsprechend ist es zu begrüßen, dass trotz des politischen Widerstands genau 50 Jahre nach der Zerstörung der einzigen westdeutschen Lenin-Gedenkstätte ein neues Denkmal errichtet wird. Und der Standort inmitten des Ruhrgebiets ist für Lenin als Symbol der internationalen Arbeiterbewegung auf jeden Fall geeignet.
Vielen Dank für das Interview.