Rote Fahne 10/2020

Rote Fahne 10/2020

War die Rote Armee Befreier oder Besatzer?

Die Herrschenden im heutigen Polen definieren 1945 nicht als Befreiung, sondern als eine Zeit der Unterwerfung unter die Sowjets, die ihnen den Sozialismus aufgezwungen hätten. Sie versuchen damit ihren aggressiven Antikommunismus zu legitimieren. „Seit 2017 hat die polnische Regierung Hunderte von Denkmälern für sowjetische Soldaten abreißen lassen“, berichtet die Neue Zürcher Zeitung vom 20. April 2020. Aber was geschah damals wirklich?

Von Kassel (Gastbeitrag)
War die Rote Armee Befreier oder Besatzer?
Enge Verbundenheit: Rotarmisten besuchten Fabrikarbeiter, und Arbeiterdelegationen besuchten Soldaten an der Front Foto: gemeinfrei

Nach Ansicht der Kommunisten ist eine Revolution eine Sache der betroffenen Bevölkerung selbst und kann nicht exportiert werden. Die Befreiung der osteuropäischen Länder durch die Rote Armee hat aber die Möglichkeiten der demokratischen und kommunistischen Kräfte in diesen Ländern verbessert. So sind als eine neue Staatsform Volksdemokratien entstanden.1

 

Am Beispiel Polens lässt sich dokumentieren, wie Stalin die Rolle der Sowjetunion gesehen hat. In einer Radioansprache am 3. Juli 1941 sagte er: „Dieser Vaterländische Volkskrieg … hat nicht nur zum Ziel, die über unser Land heraufgezogene Gefahr zu beseitigen, sondern auch allen Völkern Europas zu helfen. …“ 2 Am 7. November 1941, zum 24. Jahrestag der Oktoberrevolution, sagte er: „Genossen Rotarmisten und Matrosen der Roten Flotte, Kommandeure und politische Funktionäre, Partisanen und Partisaninnen. Auf euch blickt die ganze Welt als auf die Macht, die fähig ist, die räuberischen Heerhaufen der deutschen Eindringlinge zu vernichten. Auf euch blicken die geknechteten Völker Europas, die unter das Joch der deutschen Räuber geraten sind, als auf ihre Befreier.“ 3

 

Im Juli 1941 wurden zwischen der polnischen Exilregierung in London und der Sowjetunion di­plomatische Beziehungen aufgenommen. Diese Beziehungen waren immer schwierig, weil die Exilregierung extrem antikommunistisch und russenfeindlich war. Sie wollte Polen in den Grenzen von 1939 wieder herstellen und verhindern, dass die Rote Armee Polen befreit. Die Sowjetunion hat als ihre Westgrenze die Curzonlinie genannte Grenzziehung gesehen.         

 

Wie verhielt sich die Sowjetunion, als sie Polen befreit hat? Stalin schrieb am 23. Juli 1944 an Winston Churchill und Präsident Roosevelt. „Lublin, eine der großen Städte Polens, ist heute von unseren Truppen … eingenommen worden. Unter diesen Umständen erhob sich für uns die Frage der Verwaltung auf dem polnischen Territorium. Wir wollen und werden nicht unsere eigene Verwaltung auf polnischem Boden einrichten, denn wir wollen uns nicht in die inneren Angelegenheiten Polens einmischen. Das ist Sache der Polen selbst. Wir hielten es deshalb für notwendig, Verbindung zu dem Polnischen Komitee der Nationalen Befreiung aufzunehmen, das kürzlich vom Nationalrat Polens geschaffen wurde. … Wir haben in Polen keine anderen Kräfte gefunden, die eine polnische Verwaltung schaffen könnten.“ 4

 

General Krainjukow, Mitglied des Kriegsrates der 40. Armee, berichtet in seinen Memoiren, dass im Mai 1944 ein Treffen des ZK der KPdSU (B) mit den Kriegsratsmitgliedern aller Fronten stattfand, bei dem über die Aufgaben der Roten Armee in den befreiten Ländern beraten wurde. Am 17. und 19. Juli 1944 betrat die Rote Armee polnischen Boden.

 

„Trotz faschistischer Verleumdung und reaktionärem Ränkespiel begrüßten die polnischen Werktätigen die sowjetischen Soldaten freudig“, schreibt General Krainjukow.5

 

Er und andere Kriegsräte nahmen Ende Juli an einer Beratung mit Stalin in Moskau teil. „Stalin schlug den Anwesenden vor, für das Staatliche Verteidigungskomitee einen Beschlussentwurf über Verhaltensregeln auszuarbeiten, die von der Roten Armee im Ausland zu beachten sind; denn dort sei jeder Kämpfer berufen, Ehre und Ansehen des Sowjetlandes hochzuhalten sowie die Souveränität und nationale Würde der befreiten Völker zu achten.“ 6

 

„Wir Bolschewiki“, fuhr Stalin fort, „haben vom ersten Tag des Großen Vaterländischen Krieges an auf die historische Befreiungsmission der Roten Armee verwiesen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Völker Europas aus der faschistischen Knechtschaft zu befreien. Es ist unsere internationalistische Pflicht, dem polnischen Volk bei der Wiedergeburt eines starken, unabhängigen, demokratischen Polens beizustehen. … Es habe sich das Polnische Komitee der Nationalen Befreiung gebildet, und das werde auch seine eigene Verwaltung aufbauen.“7

 

Wie in Polen haben sich die sowjetische Regierung und die Rote Armee auch in und gegenüber den anderen befreiten Ländern verhalten. Stalin hat sich bei den alliierten Konferenzen für einen polnischen Staat eingesetzt, dessen Westgrenze an der Oder und der Westlichen Neiße verläuft und die Ostgrenze entlang der Curzonlinie. Die Anerkennung der polnischen Westgrenze sollte durch einen Friedensvertrag geschehen, der aber nicht zustande kam. Die DDR hat 1950 die polnische Westgrenze anerkannt.

 

Die Faschisten wollten Polen und das polnische Volk auslöschen. Die Sowjetunion hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wieder ein polnischer Staat entstanden ist. Die Rote Armee hat beim Kampf um die Befreiung Polens 600.000 Soldaten verloren.