Rote Fahne 10/2020

Rote Fahne 10/2020

Kinder in Corona-Zeiten

Viele Kinder und Eltern freuen sich, wenn nach wochenlangen Corona-Zwangsferien Schulen und Kitas wieder geöffnet werden können. Aber die Art und Weise, wie das vonstatten gehen soll, wird zum Spiel mit dem Feuer einer neuen Ansteckungswelle

Von Anna Bartholomé
Kinder in Corona-Zeiten
Solidarität mit den gefährdeten Flüchtlingen in griechischen Lagern auf die Straße. Foto: RF

Nicht umsonst zog NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) mit arroganten und leichtfer­tigen Äußerungen zu den Schulöffnungen einen Sturm der Entrüstung von Bürgermeistern, Schulen, Lehrerinnen und Lehrer auf sich. „Das sei doch alles prima gelaufen“, verkündete er – obwohl frühestens in zwei Wochen erkennbar wird, ob es einen neuen Ansteckungsschub gibt. Und wo es Probleme gibt, da schob Laschet den Schwarzen Peter auf eine „mangelhafte Vorbereitung“ der Gemeinden und Schulen! Bundes- und Landesregierungen sind bis heute nicht in der Lage, genügend Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmittel bereitzustellen. Bis heute fehlt ein einheitliches Hygienekonzept. Aber die Schulen sollen es richten.

 

Riesenbelastung für Kinder und Familien

 

Für Kinder und Familien war und ist die Schließung von Schulen und Kitas eine Riesenbelastung. Eltern, die die Kinder ganztags versorgen und bei Laune halten sollen, die teilweise zu Hause arbeiten und als Ersatzlehrer einspringen müssen. Besonders für Alleinerziehende mit kleinen Kindern in engen Wohnungen ist das kaum lösbar.

 

Viele Lehrerinnen und Lehrer versorgen ihre Schülerinnen und Schüler mit Hausaufgaben – und entwickeln dabei Phantasie und großes Engagement. Aber vom viel gepriesenen ­digitalen Unterricht profitieren längst nicht alle. Abgeschnitten sind davon gerade die Kinder, die ohnehin in unserem Schulsystem besonders benachteiligt sind: Kinder aus armen Familien, aus Flüchtlings- oder Migrationsfamilien. Selbst bei den 14-Jährigen aus Hartz-IV-Familien haben nur 27 Prozent einen Computer oder gar einen Drucker zu Hause.1 Kitas und Schulen sind viel mehr als das Erlernen von Rechnen, Lesen, Schreiben. Mit Freundschaften, sozialen Kontakten, bis zum täglichen Mittagessen sind sie unverzichtbar.

 

Selbst wenn ein regulärer Unterricht auch für die Kleineren in den nächsten Wochen noch nicht möglich ist: Manche Schulen holen die Kinder in kleinen Gruppen zwei-, dreimal für ein paar Stunden in die Schule. Da können nicht nur Lernfortschritte erfasst werden, sondern auch nachgefragt werden, wie es den Kindern zu Hause geht, wo besonderer Unterstützungsbedarf besteht.

 

Diskriminierung  und Benachteiligung

 

Statt systematisch die flächendeckende Testung für Kinder, Jugendliche und ihre Familien umzusetzen, propagiert Armin Laschet in vollem Ernst die Reaktivierung der Bundesliga – mit ständigen, massenhaften Tests für die Spieler.

 

Die Kluft zwischen Kindern benachteiligter Familien gegenüber Kindern mit besseren Startbedingung­en wird im kapitalistischen Schulsystem mit Konkurrenz und Auslese durch die Corona-Krise vertieft. Das ist eine Herausforderung, derartiger Diskriminierung und Benachteiligung besonders in der Wohngebiets- und Jugendarbeit den Kampf anzusagen.

 

Eine sozialistische Perspektive ist notwendig

 

Das sollte uns aber auch anregen, darüber nachzudenken und zu diskutieren, wie ein sozialistisches Schulsystem aussehen kann, das tatsächlich allen Kindern die gleichen Chancen zur aktiven Beteiligung an den gesellschaftlichen Möglichkeiten öffnet.