Rote Fahne 10/2020

Rote Fahne 10/2020

Denkmalpflege an ungewöhnlichen Orten

Wie die Menschen von nah und fern das Gedenken an Lenin und Stalin bewahren

Von Erfurt (Korrespondenz)
Denkmalpflege an ungewöhnlichen Orten
Die Erinnerung an die Revolutionäre ist lebendig und wird gepflegt. Fotos: RF

Bis 1992 befand sich in dem kleinen Örtchen Nohra zwischen Erfurt und Weimar das Hauptquartier der 8. sowjetischen Garde-Armee. Nach dem Ende des II. Weltkriegs setzten dort die Befreier Lenin, dem Begründer der Sowjetmacht in ihrer Heimat, ein Denkmal. Die Soldaten gingen nach Hause, doch Lenin ist geblieben – überlebensgroß, aber dennoch gut versteckt in einem Waldstück außerhalb des Ortes. Mittlerweile hat sich die Natur große Teile des ehemaligen Militärgeländes zurückerobert.

 

Darum beschloss unsere MLPD-Gruppe letztes Jahr einen Arbeitseinsatz zur Denkmalpflege. Unnötig, denn zu unserer großen Überraschung war das Denkmal in hervorragendem Zustand. Ein mächtiges Rotes Banner aus Beton im Rücken der Statue war frisch gestrichen, ihr Sockel aus fabrikneuen Ziegeln. Das gröbste Gebüsch und Gestrüpp war zurückgeschlagen. Jemand war mächtig hinterher, um Lenin in diesem Wäldchen bei seinem Kampf gegen Wind und Wetter zu unterstützen.

 

Am anderen Ende der Welt

 

Ähnliches erlebte ich am anderen Ende der Welt. Bei meinem Urlaub in Wladiwostok war ich auf der Suche nach einem Stalin-Denkmal. Vergeblich sucht man heute den Verteidiger der sozialis­tischen Sowjetunion und Sieger über den Hitler-Faschismus auf großen Plätzen russischer Städte. Doch tatsächlich hatte eine Büste die revisionistische Bilderstürmerei seit 1956 überlebt. In einem kleinen Gewerbegebiet für Autoreparaturen am Stadtrand fand ich sie. Während heute am historischen Bahnhofsgebäude von Wladiwostok eine Gedenkplakette für den weißgardistischen Verbrecher Admiral Koltschak prangt, ist Stalin in den verwinkelten Hinterhof einiger staubiger Werkshallen verbannt. Doch genauso wie Lenin im Wäldchen, wird Stalin in der Autowerkstatt nicht vergessen. Jemand hatte Blumenschmuck arrangiert und ein Georgsbändchen (Symbol für militärische Verdienste) sowie eine kleine Sowjetfahne angebracht. Der Schriftzug mit dem Namen Stalins war erneuert und poliert. Mit viel Liebe wird das Denkmal in Schuss gehalten.

 

Nicht Kaiser oder Könige

 

Noch heute fürchtet sich die herrschende Klasse vor dem Lebenswerk der beiden Männer, unter deren Führung sich Millionen ein besseres Leben erkämpften. Darum wurden Lenin und Stalin fast überall aus dem öffentlichen Blickfeld entfernt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Doch diese Taktik geht nicht auf. Selbst abseits kleiner Dörfer Thüringens oder im Dickicht russischer Gewerbegebiete finden die Leute zu ihren Vorbildern und gedenken ihnen. Das sind nicht Kaiser oder Könige. Zwar beherrschen deren protzige Monumente die öffentlichen Plätze wie sie einst ihre Untertanen. Aber kaum einer nimmt noch Notiz von ihnen. Und niemand legt für sie Blumen nieder.