Rote Fahne 10/2020
Dann lieber das Original
Die „Thüringer Erklärung“ und der Schwur von Buchenwald
Zum 75. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager (KZ) Buchenwald und Mittelbau Dora wurde der Öffentlichkeit eine Thüringer Erklärung präsentiert. Initiatoren sind Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linkspartei), sowie weitere Persönlichkeiten, wie Volkhard Knigge als Leiter der Gedenkstätte Buchenwald. Auch drei Überlebende vom KZ Buchenwald haben die Erklärung gezeichnet.
Diese Erklärung soll sich laut Ramelow auf den Schwur von Buchenwald beziehen. Er wurde von den 21.000 Überlebenden nach der Befreiung 1945 auf dem Appellplatz im KZ verabschiedet und forderte unmissverständlich: „Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“
Dass 21.000 Insassen das KZ überleben konnten, verdankten sie vor allem den politisch organisierten Antifaschisten, die unter Führung der Kommunisten eine illegale, internationale Widerstandsorganisation aufbauten. Dieser Widerstand endete in der bewaffneten Selbstbefreiung des Lagers, kurz bevor die Amerikaner eintrafen. Dennoch kamen im Lager 56.000 Menschen um. Sie wurden ermordet, zu Tode gefoltert oder sind verhungert.
Die Thüringer Erklärung blendet gerade diesen hochorganisierten antifaschistischen Kampf und die Selbstbefreiung aus, wenn es lapidar heißt: „Wir ehren all jene, die sich widersetzten.“ Man nehme Anteil „… an der Geschichte und dem Leid der Millionen Menschen, die von den Nationalsozialisten … entrechtet, entwürdigt, ausgegrenzt, ausgeplündert und ermordet worden sind: allen voran die deutschen und europäischen Juden, aber auch Sinti und Roma, Kranke und Behinderte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, sozial Diskriminierte und alle, die im besetzten Europa oder als Deportierte im Reichsgebiet Zwangsarbeit leisten mussten oder Opfer von Besatzungs- und Kriegsverbrechen wurden.“ Die Anteilnahme gegenüber diesen Gruppen ist berechtigt. Doch warum werden die Kommunisten und sogar die mit ihnen verbündeten Sozialdemokraten ausgeklammert?
Der Faschismus zeichnete sich damals wie auch heute nicht nur in Antisemitismus oder Rassismus aus. Er beinhaltet vor allem extremen und aggressiven Antikommunismus. Gerade die Kommunisten stellten sich uneigennützig in den Dienst des antifaschistischen Kampfes. Benedikt Kautsky betont in seinem Buch „Teufel und Verdammte“: „Ich als Sozialdemokrat lege auf diese Feststellung umso größeren Wert, als es sich in den verantwortlichen Stellen fast ausschließlich um Kommunisten handelte, die in vorbildlicher internationaler Solidarität allen Antifaschisten ohne Unterschied der Partei, Nation oder Konfession halfen.“
Selbst Ivan Ivanji, Mitunterzeichner der Thüringer Erklärung und Überlebender des KZ, bedankte sich in seiner für den Festakt vorgesehenen Rede ausdrücklich bei der Widerstandsorganisation, die 900 Kindern das Überleben gesichert hat. Das Motiv für die Herren Ramelow und Knigge in ihrer Thüringer Erklärung bleibt die antikommunistische Ausgrenzung. Eine antifaschistische Einheitsfront muss sich deshalb am Original orientieren.