Rote Fahne 03/2020

Rote Fahne 03/2020

Snowdens Appell und Erdogans Staatstrojaner

Vom 27. bis 30.12.2019 fand in Leipzig zum 36. Mal der „Chaos Communication Congress“ (C3) statt. Der Jahreskongress des Chaos Computer Club (CCC) ist mit Tausenden von ehrenamtlich Aktiven und 17 000 Teilnehmern eine der größten komplett selbst organisierten Veranstaltungen Europas

Von Köln (Korrespondenz)
Snowdens Appell und Erdogans Staatstrojaner
Organisierte Hacker bei der Arbeit, Fotos: Nate Grigg_CC BY 2.0

Als die 5000 Zuhörer aus einer der fünf Vortragshallen  strömen, sind viele von ihnen aufgewühlt und in lebhaften Diskussionen. Gerade hat Edward Snowden, für die meisten hier ein Held und Vorbild in Bezug auf Mut und Opferbereitschaft, aus seinem Moskauer Versteck per Video-Chat live zu ihnen gesprochen und Fragen beantwortet. Auch eine kurze Passage aus seinem aktuellen Buch „Permanent Record“ hat er vorgetragen. Mit Blick auf die internationalen Digital-Monopole wie Facebook und Google schreibt er dort: „Diese Konzerne fanden heraus, … wie sie sich selbst ins Zentrum all dieser gesellschaftlichen Beziehungen (und Kommunikation) setzen und sie in Profit verwandeln können. Das war der Beginn des Überwachungs-Kapitalismus und das Ende des Internet, wie wir es bis dahin kannten.“1 Er geht auf die staatliche Massenüberwachung ein, die er vor der Welt enthüllte, und wie sie der Furcht der Mächtigen vor gesellschaftlichen Veränderungen entspringt. Aber Resignation und Angst vor dieser Überwachung seien die falsche Reaktion, auch jeder Hacker müsse sich überlegen, wo er aktiv werden könne, wo er seine Fähigkeiten in den Dienst eines Kampfs für eine bessere Gesellschaft stellen könne.

 

Es wirkt jetzt fast wie ein vorweggenommenes konkretes Beispiel dafür, dass eine gute Stunde zuvor der CCC seine Analyse jenes Staatstrojaners vorstellte, den das Erdogan-Regime zur Überwachung und Unterdrückung der Opposition einsetzt. Ziel der Analyse war der Nachweis, dass es sich bei der Software tatsächlich um den Trojaner „FinSpy“ des Münchener Geheimdienst-Dienstleisters „FinFisher GmbH“ handelt. Denn da die Bundesregierung behauptet, keine Exportgenehmigung für eine solche digitale Angriffswaffe erteilt zu haben, wäre der Verkauf an die Türkei durch FinFisher illegal und müsste mit mehrjährigen Gefängnisstrafen für die Geschäftsführung geahndet werden. Die Analyse dient der Untermauerung einer entsprechenden Strafanzeige mehrerer Bürgerrechtsorganisationen gegen FinFisher.

 

Da solche Hersteller mit großem Aufwand versuchen, die Herkunft ihrer Software zu verschleiern, ist ein solcher Nachweis sehr kompliziert. Möglich wurde er überhaupt erst, weil es im Jahr 2014 Aktivisten gelungen war, die Systeme von FinFisher zu hacken. Dabei gelangten sie unter anderem an die Baupläne und mehrere Versionen der Software sowie detaillierte Kundenlisten. Diese veröffentlichten sie im Internet. So standen jetzt insgesamt 28 Vergleichsproben zur Verfügung, die eindeutig diesem Hersteller zuzuordnen sind. Der IT-Sicherheitsforscher Thorsten Schröder, der die forensische Analyse der Schadsoftware durch den CCC geleitet hat, will dies ausdrücklich als Unterstützung des Kampfs gegen das faschistische Erdogan-Regime verstanden wissen.

 

Dieses Jahr setzt das Kongress-Motto „Ressource Exhaustion“ den Schwerpunkt auf den Kampf gegen die beschleunigte Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Bei aller Technikbegeisterung zeigen zahlreiche Vorträge auf, welchen Anteil digitale Geräte und Dienste im Internet am weltweiten CO2-Ausstoß und Ressourcenverbrauch haben. Dabei sind nicht Digitalisierung oder das Internet an sich das Problem, sondern die von Profitgier getriebenen „Geschäftsmodelle“ vieler Konzerne, die den sprunghaft ansteigenden Ressourcenverbrauch für Speicherung, Verarbeitung und Transport immer größerer Datenmengen verursachen.

 

Allein das Bitcoin-Schürfen verbraucht so viel Energie wie ganz Österreich. Web-Inhalte wie unnötig hochauflösendes Video werden immer daten- und damit energieintensiver. Die großen Video-Plattformen wie Netflix, Youtube und die großen Pornovideo-Anbieter machen über die Hälfte des weltweiten Energieverbrauchs durch das Internet aus. Ganz zu schweigen davon, wie weltweit Ressourcen und Energie massiv dadurch verschwendet werden, dass eigentlich noch funktionstüchtige Hardware binnen kurzer Zeit ausgemustert wird. Es werden viele technische Lösungen für ein ressourcenschonenderes Internet diskutiert. Zugleich beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass nicht Technologie an sich die globale Umweltkatastrophe verhindern kann, sondern nur ein aktiver Widerstand mit gesellschaftsverändernder Perspektive.

 

Generell beinhaltet die große Technikbegeisterung meist auch kritisches Hinterfragen. So auch, wenn die beiden Datenwissenschaftler Nadja Geisler und Benjamin Hättasch von der Technischen Universität Darmstadt über ihr Fachgebiet Deep Learning sprechen. Sie zeigen dafür durchaus wichtige Aufgabengebiete auf.

 

Sie kritisieren aber auch zunehmende Unwissenschaftlichkeit: Es werde immer mehr auf der Basis von Versuch und Irrtum herumprobiert, KNNs aufgrund eines übertriebenen Hypes um die Technologie auch in Feldern angewendet, wo sie schlichtweg nicht sinnvoll seien, sogar negative gesellschaftliche Effekte wie Diskriminierung erzeugen.

 

Im Gespräch nach dem Vortrag werden wir uns schnell einig, dass die tiefere Ursache in der Perspektivlosigkeit der kapitalistischen Profitwirtschaft liegt: Im Zwang zum immer schnelleren Umschlag des Kapitals und der unmittelbaren Eindämmung von immer neuen aufflammenden Krisen. Wie eine von diesen Zerstörungskräften befreite Gesellschaft aussehen kann, darüber werden noch viele spannende Diskussionen zu führen sein.