Rote Fahne 03/2020

Rote Fahne 03/2020

Märzkämpfe 1920 – revolutionäre Tage in Deutschland – Lehren für heute

Im März jährt sich zum hundertsten Mal, dass die deutsche Arbeiterbewegung eine faschistische Militärdiktatur verhinderte. Wenn bürgerliche Medien und Politiker über die 1920er-Jahre sprechen, dann über eine „Gefahr für die Weimarer Republik von links und von rechts“. Damit geben sie Kommunisten mal eben gleichermaßen die Schuld für die Errichtung des Hitler-Faschismus, wie den faschistisch reaktionären Kräften. Eines der bedeutendsten Kapitel in der Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland diffamieren sie auf diese Weise, verzerren es oder schweigen es tot. Das Motiv dahinter ist klar: Mit der Gleichsetzung von links und rechts soll das schlechte Ansehen der Rechten aufpoliert und das wachsende Ansehen revolutionärer Kräfte in den Dreck gezogen werden. Der Arbeiterklasse soll jedes Vertrauen in die eigene Kraft ausgetrieben und die Fähigkeit abgesprochen werden, das Rad der Geschichte voranzutreiben. Nach dem Motto: „Jeder Kampf endet doch im Desaster ...“ Hier geht es also nicht nur um Geschichtsbetrachtung, sondern um die Zukunft der Menschheit.

Von wr / lg
Märzkämpfe 1920 – revolutionäre Tage in Deutschland – Lehren für heute
Sanitäterinnen und Sanitäter der Roten Ruhrarmee – hier in Dinslaken/Ruhrgebiet, Foto: gemeinfrei

Hört man auf US-Präsident Donald Trump in Davos, dann allerdings ist es ja gar nicht notwendig, sich für die Veränderung der Welt zu engagieren. Denn dies sei eine „Zeit des Optimismus“, schließlich seien die USA „zum jetzigen Zeitpunkt … die saubersten …, die es in den letzten 40 Jahren gegeben hat“. Und er werde „niemals zulassen, dass radikale Sozialisten“ sein „Land vernichten“. Mit Trump-Vertrauen scharf rechts in Richtung Abgrund? Nein danke.

 

Die „radikalen Sozialisten“ vom März 1920 speisten ihren Optimismus aus der Erkenntnis, dass das Ruder radikal, revolutionär und organisiert herumgerissen werden muss, um künftigen Generationen eine Welt ohne Krieg, Militarismus, Ausbeutung und Unterdrückung zu schaffen.

 

Was passierte im März 1920?

 

Damals, am 13. März, zogen unter der Führung von Generaldirektor Wolfgang Kapp und General Walther Freiherr von Lüttwitz faschistische Freikorps in Berlin ein und proklamierten ihre Diktatur. Ihre Geldgeber und Hintermänner waren führende Industrielle und Bankiers wie Stinnes, Thyssen oder Kapp als Vertreter der Deutschen Bank. Die SPD-geführte Regierung leistete keinen Widerstand und flüchtete nach Stuttgart. Zwölf Millionen Arbeiter und Angestellte hingegen folgten in ganz Deutschland dem Aufruf der Arbeiterparteien und Gewerkschaften zum bis heute einzigen politischen Generalstreik in der Geschichte Deutschlands. Trotz Androhung der Todesstrafe auf jeden Widerstand. Doch aufgrund bitterer Erfahrungen im Weltkrieg und in den Jahren danach wussten die Arbeiter: Ein friedlicher Streik wird die faschistischen Freikorps nicht an der Machtübernahme hindern. In ganz Deutschland wurden bewaffnete Arbeiterbataillone aufgestellt. Im Ruhrgebiet nannten sie sich „Rote Ruhrarmee“, die bis zu einer geschätzten Stärke von 100 000 Mann anwuchs. 

 

Nun wurde das alte Motto der Arbeiterbewegung wahr: „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“ Die Fabriken standen, nahezu kein Zug rollte, die Stromzufuhr war eingeschränkt. Vollzugsräte und Aktionsausschüsse aus Arbeiterdelegierten organisierten im ganzen Land binnen 48 Stunden Streiks, Arbeiterversammlungen, Massendemonstrationen, die bewaffnete Verteidigung der Städte vor den brutalen Freikorps und der Reichswehr. Sie übernahmen vielerorts die Rathäuser und die Organisierung des öffentlichen Lebens. Gegen die organisiert kämpfende, bewaffnete Arbeiterklasse kamen die Putschisten nicht an. Die SPD-Regierung getraute sich nun, aus dem Schwabenland in die Hauptstadt zurückzukehren, und gelangte wieder in Amt und Würden. Nun entfaltete sich unter der Arbeiterbewegung ein Richtungsstreit: Wie soll es weitergehen?

 

Verrat der SPD

 

Die faschistischen Freikorps kochten vor Wut über ihre Niederlage. Zeitgleich deutete sich bereits an, dass die Arbeiter und Bauern in Sowjetrussland unter Führung der Kommunisten den Bürgerkrieg gegen den reaktionären Angriffskrieg 14 imperialistischer Staaten gewinnen würden. Der Aufbau des ersten sozialistischen Staats der Welt versetzte Kapitalisten in aller Welt in Angst und Schrecken. Und zu allem Unheil drohte nun, dass auch der Kapp-Putsch in Deutschland das Gegenteil dessen bewirken würde, was er erreichen sollte. Desillusioniert und bitter enttäuscht durch anderthalb Jahre SPD-Regierung erschütterten die Kämpfe der Arbeiterklasse und der breiten Massen vom März 1920 den Masseneinfluss der verbürgerlichten SPD. Zuvor hatten sich zahlreiche Arbeiter der neu gegründeten USPD, einer zwischen SPD und KPD schwankenden Organisation, zugewendet. Doch in Zeiten der revolutionären Kämpfe erwies sich auch deren Führung als feige und opportunistisch. Die KPD hatte die Arbeiter bereits Monate vorher vor Putschversuchen gewarnt, und ihre Mitglieder standen nun in der ersten Reihe der heldenhaften Kämpfe gegen Kapp. Ein wachsender Teil der Arbeiter hatte die eigene Stärke im Sieg über Kapp erkannt und dachte nun: Haben wir unter solch großen Opfern gekämpft, um nun wieder in die alten Verhältnisse der Ausbeutung und Unterdrückung und des Betrugs durch die SPD-Regierung zu gelangen? Und so konträr sich SPD-Regierung und Kapp am 13. März 1920 gegenüberstanden – es einte sie doch eins: ihr verbissener Antikommunismus.

 

Und jetzt begann eines der am wenigsten bekannten, jedoch dunkelsten Kapitel des deutschen Antikommunismus: Die SPD-Regierung machte gemeinsame Sache mit den Freikorps und der Reichswehr gegen die Arbeiter. Mit dem verräterischen „Bielefelder Abkommen“ durch den SPD-Politiker Carl Wilhelm Severing wurde zunächst Desorganisation, Entwaffnung, Entwarnung und Chaos in die zuvor so gut organisierte Arbeiterschaft getragen. Als so die Arbeiterbewegung bereits geschwächt war,   fiel die Reichswehr im Auftrag der SPD-Regierung in das Ruhrgebiet ein. Eine Gewaltorgie setzte ein, der mindestens 2000 Menschen zum Opfer fielen.

 

Geschichtsfälschung

 

Laut der „Bundeszentrale für politische Bildung“ (BPB), dem öffentlichen Arm des Verfassungsschutzes, habe „zu den strukturellen Problemen“ der Weimarer Republik „die Neigung zur Gewalt“ durch „linksradikale Aufstandsversuche … sowie rechtsradikale Putschversuche“1 gehört. Eine Geschichtsbetrachtung, die wie ein Schlag ins Gesicht der damaligen Arbeiter ist. Immerhin bewirkten die, dass eine faschistische Militärdiktatur Deutschland nicht schon 1920 ins Elend stürzte. Aber weil sich unter den Kämpfenden zahlreiche Kommunisten befanden – gehören sie angeblich nicht zu den demokratischen Kräften? Mehr noch, sie werden mit den Reaktionären und späteren Faschisten in einen Topf geworfen! In einem Atemzug nennt die BPB „SA, Stahlhelm, Rotfrontkämpferbund“2. Es war immerhin die so angepriesene „demokratische Mitte“ – oder, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier es am Jahrestag der Novemberrevolution formulierte –  die „gemäßigte Arbeiterbewegung“ unter Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Gustav Noske, die mit den extrem rechten Kräften gegen die demokratisch gesinnte, sozialistische Arbeiterschaft paktierte. Diese antikommunistische Betrachtung setzt sich bis heute fort, wenn der Inlandsgeheimdienst „Verfassungsschutz“ die MLPD unter die „nicht demokratischen Parteien“ einstuft. Demokratisch seien dagegen die Monopolparteien, die die Diktatur der Monopole absichern und gegen den erklärten Willen der Mehrheit der Bevölkerung  Auslandseinsätze der Bundeswehr durchdrücken und gegen den aktiven Widerstand Bespitzelung und Polizeigesetze verschärft haben?

 

Einheitsfront durch Überwindung des Antikommunismus

 

Die große Einmütigkeit der Arbeiter gegen den Kapp-Putsch gehört bis heute zu den herausragenden Lehren für die Arbeiter- und Volksbewegung. Sie kam zustande, weil eine entscheidende Mehrheit der Arbeiter sich nicht mehr dem antikommunistischen Diktat der bürgerlichen Parteien unterordnete. Selbst nach der Machtübernahme von Kapp gab es noch einige SPD-Funktionäre im Ruhrgebiet, die ihren Mitgliedern die Mitarbeit in Aktionsausschüssen verboten, wenn dort auch KPD-Mitglieder waren. Aus demselben Grund kam reichsweit kein gemeinsamer Aufruf der drei damaligen Arbeiterparteien SPD, USPD und KPD zur Einheitsfront zustande. In der Mehrzahl der Städte verwarfen die Arbeiter an der Basis solcherlei Anweisungen. Paritätisch besetzte Aktionsausschüsse aus allen drei Parteien, verschiedenen Gewerkschaften, Christen und Parteilosen wurden gebildet. Polnische Kumpel kämpften an der Seite der deutschen Arbeiter. Der gemeinsame Nenner war der Sturz der Militärdiktatur und die Vertreibung der Putschisten. Es muss klar gesagt werden: Wäre man damals der Forderung nach antikommunistischer „Ausschließeritis“ und Spaltung nachgekommen, wie sie heute in allen sozialen Bewegungen geschürt wird, wäre Kapp an der Macht geblieben. Das 20. Jahrhundert sähe anders aus. Es würde manchem SPD-, Linken-  oder Grünen-Politiker, auch manchem Gewerkschafter, gut zu Gesicht stehen, sich diese Lehren zu Gemüte zu führen. Doch momentan scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Wir erleben heute täglich antikommunistische Störfeuer gegen die MLPD. Die Marxisten-Leninisten sollen aus Bewegungen ausgeschlossen werden, es wird versucht, ihre Fahnen und Symbole auf Umwelt- oder antifaschistischen Demonstrationen zu verbieten. Zugleich wird die Rechtsentwicklung der Bundesregierung, der bürgerlichen Parteien, in den bürgerlichen Medien, Kultur und so weiter aus der Schusslinie genommen – oder soll sogar verteidigt werden. Auf der Grundlage des Antikommunismus ist eine antifaschistische Einheitsfront nicht möglich!

 

Revolutionäre Gewalt – Geburtshelfer der Geschichte

 

Die große revolutionäre Einmütigkeit war der Trumpf für  den einzigen großen Generalstreik auf deutschem Boden. In der Geschichtsschreibung der SPD und der Gewerkschaft wird dieser bedeutende Generalstreik gegen den Kapp-Putsch als einzige Ursache für den Erfolg dargestellt. Damit leugnen sie aber die schärfste Waffe, die die Arbeiter damals einsetzten: den organisierten, bewaffneten Kampf! Mit dem Generalstreik alleine war die Militärdiktatur nicht zu bezwingen.

 

Die Arbeiter, die damals zu den Waffen griffen, waren sich dessen bewusst. „Ich musste es tun, für meine Frau und Kinder“, so einer der Rotgardisten damals zu einem Reporter auf die Frage, warum er das Risiko einging. Der Ruf „keine Gewalt“ schallt einem allerorts entgegen. Doch die Herrschenden wenden täglich Gewalt an. Der Kapitalismus ist heute auf einer Stufe, in der die reaktionäre Gewalt eine ungeheure, menschenverachtende Dimension angenommen hat. Man blicke nur in viele Regionen der Welt, wo im Auftrag der Rohstoff- und Energiekonzerne gemordet, vergewaltigt wird und Massaker begangen werden. Dagegen ist die revolutionäre Gewalt nötig, sie ist die Geburtshelferin der neuen, befreiten, sozialistischen Gesellschaft und stützt sich auf die Massen. Die vereinte revolutionäre Arbeiterklasse hat sich als entscheidende gesamtgesellschaftliche Kraft gegen Reaktion und Krieg und für Demokratie und Sozialismus erwiesen. Wären diese Lehren nur auch im Kampf gegen den Hitler-Faschismus angewandt worden! Dann wäre der Menschheit das unermessliches Leid dieser Form der faschistischen Barbarei vielleicht erspart geblieben. Die brutalsten Arbeiterfeinde von 1920 fanden sich 13 Jahre später in den höchsten Rängen der NSDAP wieder.

 

Einheitsfront gegen Imperialismus

 

Die Rote Ruhrarmee und bewaffnete Arbeiterkräfte in vielen Landesteilen wie Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern waren voneinander isoliert, aber sie standen nicht allein. Lenin zog aus der Situation nach dem I. Weltkrieg, als zahlreiche revolutionäre Bewegungen zersplittert waren und niedergeschlagen wurden, die Schlussfolgerung: Eine gemeinsame Organisation der Revolutionäre aller Länder ist nötig. Ein Jahr vor den Märzkämpfen 1920 wurde die Kommunistische Internationale gegründet. Lenin wurde Berater für die damals noch jungen kommunistischen Parteien aus vielen Ländern. Er hat mit großer Sympathie und Unterstützung den Kampf der deutschen Arbeiter verfolgt. Lenin sah in den Märzkämpfen 1920 eine große Unterstützung für die Sicherung der noch labilen politischen Lage Russlands. Sie haben verhindert, dass der deutsche Imperialismus Militärkräfte gegen das sozialistische Russland in Stellung bringen konnte. So eröffnete er den IX. Parteitag der KPR(B) am 29. März 1920 mit den Worten: „International gesehen aber war unsere Lage noch nie so günstig wie jetzt, und was uns besonders mit Freude und Kraft erfüllt, das sind die Nachrichten, die wir jeden Tag aus Deutschland bekommen … Nach diesem Kornilowputsch ist in Deutschland nicht nur bei den Arbeitermassen der Städte, sondern auch bei dem Landproletariat ein Umschwung zugunsten der Arbeitermacht eingetreten, und dieser Umschwung ist von weltgeschichtlicher Bedeutung.“3 Die KPD hat in den Märzkämpfen ihre erste große Feuertaufe bestanden. Und das, obwohl ihre fähigsten Führer ermordet waren und die Partei in vielen Teilen Deutschlands erst im Aufbau war. Ihre Rolle wurde von den Massen nach den Märzkämpfen 1920 dahingehend gewürdigt, dass sie innerhalb kurzer Zeit zur Massenpartei anwuchs – bis zu 300 000 Mitgliedern –, ganze Teile der USPD schlossen sich der KPD an.

 

Heute haben wir in Deutschland mit der MLPD eine marxistisch-leninistische Partei. Sie hat die Lehren der internationalen Arbeiterbewegung schöpferisch verarbeitet und die Chance genutzt, in einer langen Zeit der nicht revolutionären Situation zu reifen. Wir gehen Zeiten entgegen, wo man eine starke Kraft gegen Faschismus und Krieg braucht, und wo man wieder massenhaft über Revolution und den revolutio­nären Weg nachdenken und sprechen muss. Das hundertjährige Jubiläum der Niederschlagung des Kapp-Putsches durch revolutionäre Arbeiter ist dazu eine besondere Gelegenheit. Die MLPD beteiligt sich im Frühjahr an einem Ensemble von Aktivitäten4, die die Erinnerung lebendig werden lassen: Bildungsabende im Februar, Märzgedenken am 14. März und eine Revue am selben Abend. Am Sonntag darauf lädt das Internationalistische Bündnis ab 10 Uhr in Gelsenkirchen ein zu einer Podiumsdiskussion über die Lehren aus 1920 für heute.