Rote Fahne 03/2020
Die Putschisten haben nicht mit den Arbeitern gerechnet...
Die bürgerliche Geschichtsschreibung diffamiert die mutigen Kämpfe der Arbeiter in Deutschland von 1920 oder behandelt sie allenfalls als Randnotiz. Es gibt jedoch auch Historiker und Kulturschaffende, die diese Erfahrungen lebendig halten
Professor Roland Günter, Kunst- und Kulturhistoriker aus Oberhausen:
Die Rechten um Kapp und Lüttwitz wollten die Monarchie wieder zurück, wollten Unterwerfung und Versklavung wiederhaben. Doch sie hatten nicht mit den Arbeitern gerechnet. Das Ruhrgebiet damals war die höchstentwickeltste Region in Europa mit einer starken Arbeiterschaft. Und die Arbeiter wollten die Errungenschaften, die sie sich infolge der Revolution von 1918 erkämpft hatten, nicht wieder nehmen lassen. Deshalb nahmen sie den Kampf auf. Die Aufgabe des Historikers besteht darin, so etwas lebendig zu halten. Denn welche Dummheit wird einen regieren, wenn man aufgefordert wird, das Gedächtnis zu verlieren. Jeder Mensch hat und ist Geschichte.
Günter Gleising beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den Märzkämpfen. Er ist für die Soziale Liste im Rat der Stadt Bochum und Mitglied der VVN1:
Viele Menschen haben erkannt, dass sich der Kapp-Putsch gegen die Republik, ihre Institutionen und ihre tragenden Kräfte wandte. Die Antwort der Arbeiterbewegung: Generalstreik! Mit der Bildung von Arbeiterwehren, die im Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet in die Bildung der Roten Armee mündete, war man in der Lage, dem Militär Paroli zu bieten. Es gelang, in einigen Gebieten „vom Militär und der Sicherheitspolizei befreite Gebiete“ zu schaffen und eine Selbstverwaltung aufzubauen. Im großen Ausmaß waren Frauen aktiv. In den Betrieben und Rathäusern wurden rote Fahnen gehisst.
Kaum waren die Putschisten verjagt, verlangte die nach Berlin zurückgekehrte Regierung die Abgabe der Waffen und sperrte die Lebensmittelversorgung in die aufständischen Gebiete. Der größte bewaffnete Arbeiteraufstand in der deutschen Geschichte wurde blutig niedergeschlagen, die Arbeiterschaft der Hoffnung auf die Sozialisierung der Betriebe und ein besseres Leben beraubt.
1920 haben die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten die Kraft gezeigt, die 1933 nicht mehr erreicht werden konnte, um den erneuten Angriff auf die Republik in Form des Faschismus zu verhindern. Auch das ist ein Grund, sich mit den Ereignissen und Kämpfen von 1920 zu beschäftigen und Lehren für unsere heutige Zeit zu ziehen. Denn frei nach Brecht: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies Böse kroch.
Süleyman Gürcan von der ATIK2:
Die Märzkämpfe 1920 haben gezeigt, dass die Arbeiter Erfolg erzielen können, wenn sie eine Einheit bilden. Daraus müssen wir lernen. Damals kamen schon Arbeiter aus anderen europäischen Ländern nach Deutschland, wie zum Beispiel aus Polen. Heute ist die Arbeiterklasse in Deutschland noch internationaler zusammenge setzt. Ob Arbeiter aus der Türkei, Syrien oder aus Afrika, sie alle müssen gemeinsam gegen Kapitalismus und Imperialismus kämpfen, gegen jede Form des Rassismus und die ernstzunehmende faschistische Tendenz. Wir müssen Liebknechts Losung beherzigen: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land.“
Daniel Schmidt, Leiter des Institutes für Stadtgeschichte Gelsenkirchen, hat sich im Rahmen seiner Forschungen intensiv mit dem Thema befasst:
Der Zusammenstoß antimilitaristischer Arbeiter mit den Militaristen Kapp und Lüttwitz und ihren Freikorpstruppen hat eine Vorgeschichte, die auf den Ersten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit zurückgeht. Es entwickelte sich gerade im Ruhrgebiet eine große Eigendynamik, insbesondere wegen der Erfahrungen, die die Arbeiterschaft bereits 1919 mit den Freikorps gemacht hatte. Der Konflikt zwischen den Rechten und den Linken bestimmte den weiteren Verlauf der Weimarer Republik und die Sozialisierung der Menschen hier. Diese Spaltung hatte auch einen großen Einfluss auf die Auseinandersetzungen der frühen 1930er-Jahre im Vorfeld der sogenannten ,Machtergreifung‘ der Nationalsozialisten.“
Günter Fesel, Mitglied der Ruhrchor-Leitung:
„Vor zehn Jahren war ich an der Aufführung einer Revue zum 90-jährigen Gedenken an die Märzkämpfe beteiligt. Für mich stand damals in erster Linie die Bedeutung der revolutionären Gewalt im Vordergrund. Heute wird mir stärker bewusst, dass diese Arbeiterarmee ja auch eine großartige Einheitsfront gegen die damals schon beabsichtigte Einführung des Faschismus war. Menschen verschiedenster Weltanschauung standen zusammen gegen die faschistischen Militärs und ihre Hintermänner. Und der Faschismus wurde 1920 verhindert! Wenn ich sehe, wie Faschisten und faschistoide Gruppen und Parteien heute wieder aus ihren Löchern kriechen, von staatlichen Stellen und Medien unterstützt, dann denke ich: Auch heute ist eine starke Einheitsfront gegen Faschismus und steigende Kriegsgefahr wieder das Gebot der Stunde.