Rote Fahne 26/2019
„Im Namen der Religion habt ihr uns bestohlen“
Mustafa stammt aus dem Irak und lebt jetzt in Deutschland. Die Rote Fahne sprach mit ihm über die anhaltenden Massenproteste in seiner Heimat
Rote Fahne: Seit Wochen gibt es Massendemonstrationen im Irak. Wie kam es dazu?
Mustafa1: Die Menschen sind seit langem sehr unzufrieden. Es gibt keine Arbeitsplätze für die Jugend. Das Bildungswesen ist in einem verheerenden Zustand. Wir hatten in den letzten 13 Jahren vier Regierungen. Sie haben den Reichtum außer Landes geschafft. Insgesamt 800 Milliarden US-Dollar allein aus den Erdölgeschäften. Nichts davon war für das Volk. Mit dem Geld wurden auch Repräsentanten bestochen, die dann die für das Land zuständigen UN-Beauftragten mit falschen Informationen versorgten.
Und wie sind die Lebensverhältnisse insgesamt?
Katastrophal. Der Irak hat eigentlich eigene Industrie und Landwirtschaft. Aber sie liegen am Boden. Und jetzt werden selbst die Tomaten, Gemüse und Joghurt teuer aus dem Iran eingeführt, um nur ein Beispiel zu nennen. Die zerstörte Stromindustrie wurde neu aufgebaut. Aber die neuen Kraftwerke können nur mit Gas und nicht mit Öl betrieben werden. Aber der Irak hat kein Gas, so dass es teuer aus dem Iran eingeführt werden muss.
Wer organisiert die Proteste?
Das macht vor allem die Jugend selbst über die sozialen Medien – Facebook und Twitter. Aufgrund ihrer Erfahrungen hassen die Leute generell Parteien. Auch die alte, inzwischen revisionistische kommunistische Partei, die an den Regierungen beteiligt war und ist. Die Marxistische Linke Partei des Irak ist noch sehr klein und konzentriert sich auf die Tätigkeit unter den Arbeitern und Gewerkschaften im Süden des Landes.
Es gibt sehr viele Tote und Verwundete bei den Protesten.
Und dabei sind die Zahlen in den Massenmedien noch gefälscht. Es war offiziell noch von 380 Toten die Rede, als es schon mehr als 500 waren (Stand 20. November). Aber die genaue Zahl weiß derzeit niemand. Und es gibt sehr viele Verwundete, es ist von 16 000 die Rede. Die Gewalt geht vor allem von Milizen aus. Einfache Soldaten der Armee beteiligen sich teilweise an den Protesten. Es gibt eigene irakische Milizen, die die Macht der Herrschenden schützen. Es gibt jedoch auch Milizen, die vom Iran aus gesteuert werden. So ist bekannt, dass der iranische General Quassem Suleimani immer wieder im Irak auftaucht und diese Milizen ausrichtet.
Wie verarbeiten die Menschen diese Erfahrungen?
Sie werden immer wütender, deshalb gehen die Proteste auch immer weiter. Sie fordern Neuwahlen, aber nicht mit den alten Parteien. Und nicht unter einer Wahlkommission aus neun Vertretern der alten Parteien, die immer die Wahlergebnisse gefälscht haben. Und sie sagen: „Im Namen der Religion habt Ihr uns bestohlen.“ Vor allem die jungen Leute beginnen, sich von der lähmenden Wirkung der Religion zu lösen.
Du selbst hast dich entschlossen, Mitglied in der MLPD zu werden? Wie kam es dazu?
Zuerst sind mir die Plakate der MLPD im Thüringer Wahlkampf aufgefallen. Aber mit den Buchstaben MLPD konnte ich noch nichts anfangen. Dann bin ich ins Internet gegangen und habe mich informiert. Das mit dem Marxismus–Leninismus hat mich angezogen, denn man braucht eine gute Grundlage für eine revolutionäre Partei und für den Kampf um den Sozialismus. Dann habe ich Genossen getroffen, um ein persönliches Gespräch gebeten, und danach meinen Aufnahmeantrag geschrieben.
Vielen Dank für das Gespräch