Rote Fahne 24/2019

Rote Fahne 24/2019

Auszeichnung für Sebastião Salgado

Eine kritische Würdigung zur Verleihung des Friedenspreises an den berühmten und engagierten Fotografen Sebastião Salgado

Von Braunschweig (Korrespondenz)
Auszeichnung für Sebastião Salgado
Landlose Bauern besetzen einen Großgrundbesitz in Belo Horizonte, Brasilien; Foto von Sebastião Salgado (Foto: Prefeitura de Belo Horizonte / open domain)

Am 20. Oktober 2019, zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse, wurde dem brasilianisch-französischen Fotografen Sebastião Salgado der diesjährige Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. Eine Reaktion auf den Kampf der Massen um den Erhalt der menschlichen Umwelt, welcher mit Fridays for Future international deutlich zunahm. Der Stiftungsrat schreibt in seiner Begründung: „… der Börsenverein … zeichnet mit ihm einen Bildkünstler aus, der mit seinen Fotografien soziale Gerechtigkeit und Frieden fordert und der weltweit geführten Debatte um Natur- und Klimaschutz Dringlichkeit verleiht.“1

 

International bekannt wurde Salgado für seine einfühlsamen, oft langjährigen Fotoprojekte über besonders rücksichtslos ausgebeutete Arbeiter in neokolonial abhängigen Ländern oder über die Lage von Flüchtlingen. Auch heute hält er sich meist monatelang an einem Ort auf, um das Leben der Massen kennenzulernen und sich eng mit ihnen anzufreunden. Eine Beziehung, die in seinen Bildern sichtbar wird. „Mit ihnen möchte ich diesen Preis heute teilen. Ich nehme ihn nicht für mich an; ich nehme ihn für sie an; ich nehme ihn mit ihnen an“, sagte er in seiner Dankesrede.2

 

In seiner Jugend war Salgado aktiv im Kampf gegen die Militärdiktatur in Brasilien. Er organisierte sich in einer Gruppe, die dem Sozialismus nahestand. Mit 26, bei einer Reise, die er mit seiner Frau Lélia 1970 in die revisionistisch entartete Tschechoslowakei und die DDR unternahm, erfolgte die Abkehr vom Sozialismus.3 Den Verrat am Sozialismus erkannte er nicht. 1999 schreibt er: „Die zwei bestimmenden Ideologien des 20. Jahrhunderts – Kommunismus und Kapitalismus – sind im Großen und Ganzen gescheitert.“4 Er ging zum angeblich ideologiefreien Pragmatismus über.

 

Im gleichen Jahr begann er mit seiner Frau, das Land seiner Eltern wieder aufzuforsten. Der erste finanzielle Förderer: der brasilianische Minenkonzern Vale S.A. Der Konzern sponsorte auch seine Arbeit zum Bildband Genesis, in dem Salgado – meisterhaft inszeniert – von der modernen Industrie unberührte Teile der Welt abbildete. Der Kampf der Massen um den Erhalt ihrer Umwelt spielt keine Rolle mehr.

 

Doch das Greenwashing konnte nicht verdecken, dass Vale 2015 und 2019 mit Dammbrüchen im Eisenerztagebau zwei der größten Umweltkatastrophen Brasiliens anrichtete.5 Beide in Minas Gerais, Salgados geliebtem Heimatbundesstaat gelegen. Zur Kritik daran äußerte er 2015: „Wir brauchen diese Unternehmen in der Gesellschaft, in der wir leben.“6 Erst 2019 beendete er die Beziehung.

 

Obwohl Salgado in vielen Bildern die Zerstörung von Mensch und Natur drastisch vor Augen führt und aufs Engste mit den Armen und Unterdrückten verbunden ist, geht er den Ursachen dafür nicht auf den Grund, legt sich mit den Verantwortlichen nicht an. Das gibt denen letztlich die Möglichkeit, Salgado für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.