Rote Fahne 23/2019

Rote Fahne 23/2019

Egon Krenz und seine Betrachtungen über China

Egon Krenz, der seit 1984 Stellvertreter Erich Honeckers war und 1989 dessen Nachfolger als Generalsekretär der SED wurde, hat in einer Beilage der „Jungen Welt“ vom 25. September 2019 einen längeren Artikel über China veröffentlicht, unter dem Titel „Neuer langer Marsch“. Was ist davon zu halten?

Von (di)
Egon Krenz und seine Betrachtungen über China
Egon Krenz wurde 1989 Nachfolger Erich Honeckers als Generalsekretär der SED (Foto von 2013) Foto: public domain

Grundlage des Artikels „Neuer langer Marsch“ sind verschiedene Besuche von Egon Krenz in China. Zuletzt aus Anlass des „einjährigen Jubiläums des XIX. Parteitags der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh)“ und eines – von der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Beijing im Oktober 2018 veranstalteten – Forums „Sozialismus und die Welt von heute“.

 

China auf dem Weg zum Sozialismus?

 

Die zentrale These des Artikels ist: „Das Land ist unterwegs, hin zum Sozialismus. Ein sozialistisches Entwicklungsland mit chinesischem Charakter und internationaler Bedeutung.“ Dass die Entwicklung Chinas in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine große internationale Bedeutung hat, wird wohl kaum jemand bestreiten. Als die Volksrepublik China vor 70 Jahren gegründet wurde, war dies eine große Hoffnung für die Menschheit. Nach dem Tode Mao Zedongs ergriff jedoch auch in China eine Schicht kleinbürgerlich entarteter Bürokraten unter Führung Deng Xiaopings die Macht, öffnete das Land für die internationalen Monopole und verwandelte China in einen staatsmonopolistischen Kapitalismus neuen Typs. Heute ist China als neuimperialistisches Land ein integraler Bestandteil des imperialistischen Weltsystems.

 

Egon Krenz macht in seinem Artikel nicht einmal den Versuch, sich mit der wissenschaftlichen Analyse der Restauration des Kapitalismus in China auseinanderzusetzen. Stattdessen wiederholt er unkritisch die Darstellung und die Prophezeiungen der heutigen chinesischen Partei- und Staatsführung. Inspirieren ließ sich Egon Krenz bei seinem Artikel  offenbar von den pseudosozialistischen Reden des auf Lebenszeit gewählten Staatspräsidenten Xi Jinping über China, „in der alle Volksgruppen“ angeblich „harmonisch miteinander leben …“1 Gebetsmühlenartig wiederholt dieser in seinen Reden Sätze und Worte wie „Reform und Öffnung – immer im Fluss und nie abgeschlossen“, „Wohlstand“, „Partnerschaft“, „Sicherheit“, „Frieden“ … 

 

Eine merkwürdige Kronzeugin

 

Kronzeugin für die von Egon Krenz gepriesene Entwicklung Chinas ist ausgerechnet die Repräsentantin des Bundesverbandes der Deutschen Industrie in Beijing, Hanna Müller, die er unkritisch zitiert:  „Ihr Fazit nach 40 Jahren Reformpolitik: ‚Es ist eine wahnsinnige Erfolgsgeschichte, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.‘“ Daran anknüpfend fabuliert er in seinem Artikel: „Am Ende soll China 2049 zum 100. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik zu einem modernen sozialistischen Land werden, das wohlhabend, stark, demokratisch, kultiviert, harmonisch und schön“ ist.

 

Unwillkürlich fühlt man sich an die unkritische Übernahme der schönfärberischen Propaganda der SED-Führung durch die revisionistische DKP erinnert. Wie „wohlhabend“ und „schön“ heute schon die Verhältnisse in China sind, sieht man unter anderem an der großen Anzahl von Milliardären und Millionären, der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich und der Unterscheidung zwischen Bürgern erster und zweiter Klasse. Wie „harmonisch“ es heute im neuimperialistischen China zugeht, zeigen zudem die zahllosen Streiks und Proteste von Arbeitern, Bauern, Umweltschützern und Studenten. Und die politische Repression gegen klassenkämpferische Arbeiter und Arbeiterinnen, die unabhängige Gewerkschaften fordern, sowie gegen Marxisten-Leninisten und Anhänger der Mao-Zedong-Ideen. Der weltweit beispiellose Ausbau digitaler Überwachungskameras, einschließlich Gesichtserkennung, ist fürwahr ein Beleg dafür, wie „demokratisch“, „harmonisch“ und „schön“ es im heutigen China zugeht.

 

Eine Parodie auf eine dialektische Analyse

 

Natürlich kann auch Egon Krenz, der sich selbst als „Dialektiker“ bezeichnet, trotz aller Bewunderung für die von ihm als „wahnsinnige Erfolgsgeschichte“ gepriesene Restauration des Kapitalismus in China, eines nicht ganz verschweigen: dass es im heutigen China Menschen gibt, die trotzdem unzufrieden sind. Das ist ihm jedoch nur eine Bemerkung am Rande wert: „Ich übersehe nicht, dass es in China neben sehr viel Licht auch manchen Schatten gibt und nicht wenige Menschen damit auch unzufrieden sind …“ Will oder kann Egon Krenz mit seiner wirklichkeitsfremden, metaphysisch-idealistischen, kleinbürgerlich-revisionistischen Denkweise die objektive Wirklichkeit im heutigen China als Ausdruck einer kapitalistischen Klassenspaltung nicht erkennen? Nicht wenige Menschen in China sind zudem nicht nur „unzufrieden“, sondern kritisieren diese Entwicklung und leisten Widerstand gegen verschiedene Auswirkungen der Restauration des Kapitalismus. Mao Zedong ist weiterhin populär, und es bilden sich in vielen Teilen Chinas Studiengruppen zu den Mao-Zedong-Ideen. Wirkliche Marxisten-Leninisten müssen kämpfen um den Aufbau einer neuen revolutionären Arbeiterpartei, als einer Grundvoraussetzung für die Vorbereitung einer neuen sozialistischen Revolution in China.