Rote Fahne 19/2019

Rote Fahne 19/2019

Sommerzeit als Dauerzustand?

Die EU plant eine Richtlinie zur Abschaffung der Zeitumstellung. Doch wie wirkt sich das auf den menschlichen Biorhythmus aus? Und warum nicht dauerhaft auf die Winterzeit umstellen? Die Rote Fahne bat Dr. med. Günther Bittel, Fachredaktion Umwelt und Gesundheit des Rote Fahne Magazins, um seine Einschätzung

Von Günther Bittel
Sommerzeit als Dauerzustand?
Morgentief, Depressionen und Schlafstörungen – das sind nur einige mögliche Folgen der Dauersommerzeit Foto: Engin_Akyurt / CC0

Viele Menschen merken es am eigenen Befinden und an ihrer Gesundheit, dass die Zeitumstellung zweimal im Jahr – von Winterzeit auf Sommerzeit und wieder zurück – Probleme bereitet. Wissenschaftliche Studien zeigen auch eindeutige negative Effekte: Ein Forscherteam der Ludwig-Maximilians-Universität in München untersuchte die Auswirkungen der jährlichen Zeitumstellung an 55 000 Menschen. Das Ergebnis: Die gesundheitlichen Effekte des Wechsels zwischen Sommerzeit und Normalzeit („Winterzeit”) wurden bisher unterschätzt.

 

Der menschliche Tag-Nacht-Rhythmus und damit die dialektische Einheit von Schlafen und Wachzustand wird zum einen über eine „innere Uhr“, den sogenannten Biorhythmus, gesteuert. Daran beteiligt sind verschiedene Hirnabschnitte und Hormondrüsen wie Hypophyse und Nebenniere. Einen wichtigen Einfluss haben Sonnenlicht, Dämmerung, aber auch Kunstlicht. Die Photonen des Lichts steuern in einer weiteren Hirnanhangdrüse, der Epiphyse, die Bildung des Schlafhormons Melatonin, welches mit Dämmerung und Dunkelheit produziert wird. Die natürliche Anpassung an die Jahreszeiten erfolgt so beim Menschen sehr flexibel, im Winter wird mehr Schlaf benötigt als im Sommer.

 

In diesen sensiblen Mechanismus greifen die Zeitumstellungen ein. Die beruflichen und sozialen Aktivitäten werden einfach eine Stunde vor- oder zurückgelegt, ohne dass sich Stoffwechsel und Biochemie des Körpers angleichen können. Gesundheitlich bedenklich kann dieser „Zeit-Schock” sein, weil viele organische Funktionen an unseren Biorhythmus gekoppelt sind. So passen sich etwa der Blutdruck, die Pulsfrequenz und die Körpertemperatur an tagesrhythmische Schwankungen an und werden von der Zeitumstellung beeinflusst. Besonders bei Senioren und Kindern können dadurch Schlafstörungen, Depressionen, Schwankungen der Herzfrequenz und Verdauungsprobleme die Folge sein.

 

So ist es nicht verwunderlich, dass 2018 in der Online-Befragung der EU 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer aus 28 Ländern gegen die Zeitumstellung votierten. 142 Länder haben seit 1908 Zeitumstellungen eingeführt, 69 haben sie wieder abgeschafft. Laut einem Vorschlag für eine EU-Richtlinie, den das Europaparlament am 26. März 2019 absegnete, sollen die Uhren am 28. März 2021 ein letztes Mal europaweit auf Sommerzeit vorgedreht werden. Für Mitteleuropa ist aber die „Winterzeit“ die Normalzeit, wenn man sich am Lauf der Sonne orientiert.

 

Der Chronobiologe Till Roenneberg warnt vor den Folgen einer „ewigen Sommerzeit“. Je nach Wohnort müssten Schüler in Deutschland dann sechs Wochen mehr im Jahr im Dunkeln zur Schule. Auch Arbeiter und Angestellte sind betroffen, wenn biologisch gesehen eine Stunde zu früh, im „Morgentief“, konzentrierte Arbeit und Lernen erfolgen sollen. Roenneberg dazu wörtlich: „Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme – das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.“

 

Für ihre internationale Produktion wollen die EU-Monopole eine einheitliche Zeitzone von West- bis Osteuropa, sie drängen aus Profitinteresse auf eine einheitliche Dauer-„Sommerzeit“. Im Interesse unserer Gesundheit und auf Kosten der Monopolprofite müssen wir im Kampf gegen die imperialistische EU fordern:

 

* Schluss mit den Zeitumstellungen!

* Für Deutschland und auch andere Länder dauerhafte Orts-Normalzeit!

* Einschränkung der Nachtarbeit auf die notwendigsten Bereiche! (zum Beispiel Krankenhäuser)

* Anpassung von Arbeitszeiten an die gesundheitlichen Bedürfnisse!