Rote Fahne 14/2019

Rote Fahne 14/2019

„Bitte den Busfahrer nicht vorverurteilen ...“

In Rote Fahne News berichteten wir über den schweren Flixbus-Unfall am 20. Mai auf der A 9, der ein Todesopfer und viele Verletzte forderte. Daraufhin erhielt die Redaktion eine kritische Zuschrift von Johannes Hübner, dem Sicherheitsbeauftragten des Internationalen Bustouristikverbands RDA e. V.

Von Gastbeitrag
„Bitte den Busfahrer nicht vorverurteilen ...“
Leitplanke – die Fahrbahnumgebung kann den Verlauf eines Unfalls gravierend beeinflussen | Foto: Pixabay

Johannes Hübner schrieb: „Bitte den Busfahrer nicht vorverurteilen. Bei Eurer Berichterstattung über den Busunfall habt Ihr die ver.di-Vorsitzende zitiert, die meinte, bei den schwierigen Arbeitsbedingungen sei die Risikoquote hoch. Ich hätte von ver.di und auch Euch erwartet, dass Ihr Euch mehr auf der Seite der Werktätigen haltet, also solche Kommentare weglasst, bevor man den Unfallverlauf kennt …  Es wäre schön, wenn Ihr in solchen Dingen stärker die Rolle des handelnden Arbeitenden bedenken würdet, bevor ihr in den Tenor der allgemeinen Medien einstimmt.“

 

Dieser Einwand war berechtigt. Die Rote-Fahne-Redaktion nahm selbstkritisch Stellung und bat Johannes Hübner um einen genaueren Expertenbericht. Er stellte der Redaktion folgenden Gastbeitrag zur Verfügung, für den wir uns herzlich bedanken.

 

Unfallverlauf bei Busunfall nur schwer zu klären

Gastbeitrag von Johannes Hübner, Sicherheitsbeauftragter des Internationalen Bustouristikverbandes RDA e. V.

 

Auch nach dem schweren Unfall eines Flixbus auf der A 9 bei Weissenfels wurde vorschnell sogar seitens der Polizei davon gesprochen, der Fahrer habe möglicherweise einen Sekundenschlaf gehabt. Dabei sind dies nur Vermutungen, weil sich niemand erklären kann, warum ein Fahrzeug ohne zunächst erkennbare Reaktion des Fahrers von der Fahrbahn abkommt.

 

Dass dabei auch technische und bauliche Mängel eine Rolle spielen können, wird dabei zum Nachteil des Fahrers außer Acht gelassen, der neben seinen schweren Verletzungen auch noch ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung vor sich hat, das sein gesamtes Leben ruinieren kann. Der Internationale Bustouristikverband RDA e. V. aus Köln hat deshalb schon seit 2004 seine Reisebus-Unfallintervention (RBI) eingerichtet, die das Unfallgeschehen rund um die Uhr tagesaktuell begleitet und die meisten schweren Unfälle genau analysiert. Zudem stehen auch fünf Interventionsteams für begleitende Hilfe bereit.

 

Die ersten Erkenntnisse von RBI haben im Fall des Flixbus-Unfalls auf der A 9 ergeben, dass es unwahrscheinlich ist, dass der Fahrer von Sekundenschlaf betroffen war. Es könnte sein, dass das Heck des Busses durch einen technischen Defekt nach rechts ausbrach und der Fahrer nach rechts gegenlenkte, weil sich der Bug beim Wegdrehen des Hecks nach links ausrichtet. Weil am Einlauf zum Parkplatz jegliche Leitplanken fehlen, tauchte der Bus nach rechts in einen Entwässerungsgraben und kletterte dann die Böschung hinauf. Dabei tritt bei einem Doppeldecker eine so große Seitenneigung auf, dass das Fahrzeug langsam nach links umstürzte.

 

Genau dort, wo der Bus 50 Meter weiter umfiel, beginnt unvermittelt eine Leitplanke, die den Bereich der dahinter stehenden Notrufsäule absichern soll. Sie wurde vom auf der linken Seite rutschenden Bus zunächst aufgestaucht und hat den Bug des Busses regelrecht aufgespießt, genau dort, wo der Fahrer und die getötete Person saßen.

 

Es steht fest, dass die Sicherung der Einfahrt des Parkplatzes gegen von der Fahrbahn abkommende Fahrzeuge am Unfallort ungenügend ist. Klar ist auch, dass die Beschaffenheit des Beginns der 50 Meter hinter der Einfahrt anfangenden Leitplanke parallel zur Autobahn die Unfallfolgen verschärfte, das rutschende Fahrzeug konnte nicht weich aufgleiten. Besonders gefährlich könnten die im Bereich der Parkplatzeinfahrt als Parkhindernisse ausgelegten Felsbrocken gewirkt haben, wenn der Bus sie mit dem rechten Vorderrad traf. Die Infrastruktur hat möglicherweise zur Verstärkung der Unfallfolgen beigetragen. 

 

Die ungewöhnliche Radstellung der Räder der lenkbaren hinteren Nachlaufachse könnte ein Indiz sein,  dass vielleicht die hintere Nachlenkachse defekt wurde und den Bus aus der Bahn gedrückt haben könnte. Dadurch ließe sich das nach rechts Abweichen des Busses auf nahezu gerader Strecke erklären. Es könnte sogar sein, dass der Fahrer vergeblich versucht hat, das Abkommen von der Fahrbahn zu verhindern.

 

Einen Tag später gab es in der Toskana bei Siena (Monteriggio) einen sehr ähnlichen Unfall eines nahezu baugleichen Fahrzeuges, mit wachem Fahrer, weniger als 30 Minuten nach der Abfahrt. Ein wichtiges Indiz, die Ursachen für die Unfälle eines baugleichen Flixbusses am 13. Mai auf der A 19, eines weiteren bei Wismar, des Unfalls auf der A 9 und des in der Toskana im Vergleich zu analysieren.

 

Das ist der Grund, warum die RBI die Unfallanalysen des Bustouristikverbandes neutral auch im Sinne der Fahrer durchführt, denn auch die betroffenen Fahrer brauchen eine kompetente Vertretung. Es scheint notwendig, nach solchen Unfällen auch die Rolle der handelnden Mitarbeiter und auch des Busunternehmens im Kontext zu den Rahmenbedingungen zu bedenken.

 

Mit freundlichen Grüßen, Johannes Hübner