Rote Fahne 10/2019

Rote Fahne 10/2019

Abstreiten – Abwiegeln – Ausweichen

Die Ruhrkohle AG und das PCB-Problem

Von (we)
Abstreiten – Abwiegeln – Ausweichen
: Nach dem Bergarbeiterstreik 1997 schlossen sich die Kollegen der Spitzen Hacke der Bergarbeiterzeitung Vortrieb an

Jahrelang behaupteten die Ruhrkohle AG (RAG) und ihre öffentlichen Vertreter, es gäbe kein PCB im Grubenwasser. Noch in der Sitzung des Ausschussses für Stadtentwicklung, Strukturwandel und Wirtschaftsförderung in Bergkamen am 13. März 2018 stritt der Betriebsdirektor des Direktionsbereichs Grubenwasserhaltung, Dr. Drobniewski, auf Nachfrage ab, dass es PCB-Werte im Grubenwasser gäbe, die über der Umweltqualitätsnorm (UQN) des Wasserhaushaltsgesetzes lägen. Dabei dürften Drobniewski als Verantwortlichem die Messungen des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) vom August 2015 zweifelsfrei bekannt gewesen sein. Sie ergaben für PCB 28 und PCB 52 Werte, die um das 4- bis 5,5-Fache über der UQN liegen.1

 

Nachdem dies öffentlich nicht mehr zu leugnen war, begann die RAG abzuwiegeln. Es gäbe auch andere Industrieanlagen, die PCB zum Beispiel in den Rhein einleiten. Die Menge der RAG betrage wohl gerade mal hundert Gramm pro Jahr; man habe ja Messungen durchgeführt; schließlich sei alles von der Bezirksregierung in Arnsberg genehmigt usw. Mag alles richtig sein, ändert aber nichts daran, dass PCB als krebsauslösend gilt und sogar bereits in Eisbären nachzuweisen ist – Tendenz steigend!2 Auch zahlreichen Bergleuten, die mit dem PCB-haltigen Hydraulik-Öl zu tun hatten, wurde das Gift zum Verhängnis. PCB im Grubenwasser ist eine tickende Zeitbombe für Mensch und Natur!

 

Erhöhte PCB-Werte bei Bergleuten

 

Nach dem Abwiegeln kam das Ausweichen der RAG vor ihrer Verantwortung. Untersuchungen bei Bergleuten zeigten, dass rund die Hälfte von ihnen erhöhte PCB-Werte im Blut hatten. Ob PCB im Fettgewebe untersucht wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls fiel der RAG nicht mehr dazu ein, als dass die Gesundheit der betroffenen Bergleute „nicht akut gefährdet“ sei. Kein Wunder – aber welch eine Verharmlosung! Führt doch PCB gerade nicht zu einer akuten Gesundheitsgefährdung, sondern mittel- und längerfristig eben zu Krebs.

 

Als weiteres Ausweichmanöver nutzt die RAG ihr neues Grubenwasserkonzept, das aus zwei Säulen besteht: Zum einen soll die Förderung des Grubenwassers nicht mehr von der tiefsten Sohle, gegenwärtig auf Haus Aden noch bei minus 980 Meter, erfolgen und von Bergleuten unter Tage gewartet und betrieben werden. Stattdessen soll auf die sogenannte Brunnenförderung umgestellt werden, wozu von oben Tauchpumpen in Rohrsystemen eingesetzt und bis auf minus 600 Meter abgelassen werden sollen. Wo heute noch jeweils circa 50 Kumpel ihre Arbeit haben, würden dann vermutlich Fremdfirmen mit geringem Personaleinsatz die Pumpen warten. Zugunsten des Profits der RAG käme der Grubenwasserspiegel bis auf 150 Meter an die Gebiete der Trinkwassergewinnung der Halterner Sande heran. Die RAG behauptet allen Ernstes, durch das Ansteigen des Grubenwassers würde das ans Sediment gebundene PCB absinken und sich das Problem sozusagen im Selbstlauf erledigen. Tatsächlich aber wird das Sediment mit dem aufsteigenden warmen Grubenwasser aufgewirbelt und vermehrt in den Naturkreislauf kommen.

 

RAG will Giftbrühe in den Rhein einleiten

 

Zum anderen will die RAG von derzeit elf aktiven Pumpwerken mit eigenen Wasserhaltungen auf sieben Pumpstandorte umstellen. Allein im Ruhrgebiet wird die gesamte Grubenwassermenge jetzt und in den nächsten Jahren bei knapp über 100 Millionen Kubikmetern pro Jahr liegen. In die Lippe soll nur von Haus Aden eingeleitet werden, die wesentlich kleinere Emscher soll kein Grubenwasser mehr aufnehmen, die Ruhr an drei Standorten. Nach dem Prinzip der Verdünnung, das laut Wasserhaushaltsgesetz verboten ist, will die RAG den Großteil ihre Giftbrühe über unterirdische Durchleitungen befördern und dann direkt in den Rhein einleiten. Da kann man die Verursacher nicht so leicht nachweisen und die Spuren besser verwischen.

 

Es geht deshalb kein Weg daran vorbei, die RAG dazu zu zwingen, das Grubenwasser zu reinigen. Das Ingenieurbüro Spiekermann hat zusammen mit dem IWW in einem Gutachten Wege aufgezeigt, wie bis zu 95 Prozent des PCB aus dem Grubenwasser herausgefiltert und bei sehr hohen Temperaturen von über 1000 Grad Celsius schadlos verbrannt werden können. Eine solche PCB-Eliminierungsanlage auf Haus Aden würde laut Gutachten Investitionen von rund 11 Millionen Euro und jährliche Betriebskosten von etwa 800.000 Euro erfordern. Das will die RAG auf jeden Fall vermeiden. Deshalb streut sie den besorgten Menschen im Ruhrgebiet mit ihrer „PCB-Reinigungsanlage“ Sand in die Augen. Die Anlage, die auf Haus Aden getestet und inzwischen am Bergwerk in Ibbenbüren im Einsatz ist, muss man sich laut Aussage eines Mitarbeiters vor Ort vorstellen wie „eine etwas größere Sandfilteranlage als die, die manche zu Hause am Pool haben“. Die Anlage kann auf keinen Fall das leisten, was die Ingenieure für möglich und notwendig halten. Der sofortige Bau wirksamer PCB-Eliminierungsanlagen mit Aktivkohle-Becken auf Kosten der RAG ist das Gebot der Stunde! Selbstverständlich muss auch die Flutung der Zechen sofort gestoppt werden.