Rote Fahne 03/2019

Rote Fahne 03/2019

Massenproteste der Studierenden in Kolumbien

Die MLPD hatte Gelegenheit, am 16. Dezember vor Ort ein Interview mit Natalia Pava von der FUN (Federacion Universidad Nacional), einer der Führerinnen von aktuellen Massenprotesten der Studierenden, zu machen. Ein erster Erfolg: Am 21. Dezember unterzeichnete die Regierung Ivan Duque in Kolumbien ein Abkommen, in den nächsten vier Jahren 4,5 Billionen Peso (entspricht 1,5 Milliarden Euro) zusätzlich in die Hochschulbildung zu investieren

Massenproteste der Studierenden in Kolumbien
Parolen wie diese finden sich an vielen Stellen in Bogotá: Es lebe der Kampf der Studierenden! Foto: RF

Um was geht es bei dem Studierendenprotest, den Vorlesungboykotts, Protesten, Demos usw.?

 

Natalia: Obwohl die Zahl der Studierenden sich fast verdreifacht hat, blieb die Finanzierung der Universitäten gleich. Die Universitäten haben kaum noch Geld, kürzen ihre Studienprogramme, und einige Unis mussten sogar schließen. Gebühren, unter anderem zur Einschreibung, steigen, während die Leute zugleich höhere Steuern zahlen müssen. Viele arme Familien können das alles nicht mehr finanzieren. Die Regierung hat Kredite gefördert, sodass nun viele Studierende hoch verschuldet sind.

 

Es folgte daraufhin eine grundsätzliche Auseinandersetzung um die Frage: Für wen und für was ist die Bildung? Ist sie nur für Studierende aus Familien, die viel Geld haben? Gegen die neue Regierung gab es großen Unmut, weil der Präsident sagte, dass er den Weg fortsetzen will. Wir haben uns zu einem nationalen Treffen der Studierenden getroffen. Anwesend waren 2000 bis 3000 Studierende.

 

Auf der Versammlung haben wir wichtige Beschlüsse gefasst: zum einen, die UNESS als nationale Studierendenorganisation zu bilden, darin sind verschiedene Organisationen vertreten, unter anderem die FUN. Die UNESS ist eine Organisation, die im Kampf entstanden ist und den Großteil der Kämpfe organisiert hat. Zum anderen wurde festgestellt, dass das bisherige Bildungssystem auf die herrschende Klasse ausgerichtet ist und auf die Vorgaben der OECD. Als Drittes haben wir einen Forderungskatalog aufgestellt und als Viertes haben wir einen Aufruf beschlossen, dass die Studierenden landesweit in einen Streik treten.

 

Haben die Studierenden das befolgt?

 

Ja! Den Aufruf für den Streik haben wir in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober gestartet und ihn begonnen. Das sind nun 63 Tage.

 

Ausgehend von dem Streik-Aufruf haben wir eine ganze Reihe von Aktionen entfesselt mit Demonstrationen, Sternmarsch, Zeltlager, einer Art Hungerstreik, Kulturveranstaltungen. Jede Woche gab es Versammlungen an den Unis usw.

 

Entsprechend beteiligten sich die Studierenden an den verschiedenen Mobilisierungen, aber auch an den Diskussionen, sowohl national als auch in den verschiedenen Orten. Die übergroße Mehrheit der Studierenden, egal ob von öffentlichen oder privaten Universitäten, Fachober- und Hochschulen usw. haben daran teilgenommen. Es ist uns auch gelungen, dass sich die Beschäftigten der Uni, aber auch Gewerkschaften daran beteiligen, ebenso die Oberschullehrer, Bauern und die indigene Bevölkerung. Die Bewegung richtete sich immer mehr gegen die ganze Regierung.

 

Wie viele Jugendliche waren bei den Protesten aktiv?

 

Die größte Beteiligung gab es mit 80.000 in der Hauptstadt Bogotá, jeweils circa 50.000 bis 70.000 in den vier großen Städten Kolumbiens und mindestens 8000 in den Hauptstädten der Provinzen. Insgesamt waren circa die Hälfte der rund 600.000 Studierenden in 2018 an den Aktionen beteiligt.

 

Wie konntet ihr in diesem Kampf das politische Bewusstsein gegen die Regierung und den Präsidenten Duque stärken?

 

Das politische Bewusstsein der Studierenden ist gewachsen, unter anderem hat sich auch das Niveau erhöht, sich der Regierung entgegenzustellen. Zu Anfang gab es mehr die Meinungen, dass es vor allem ein friedlicher Prozess sein muss, und man müsse mit der Regierung in Dialog treten.

 

In dem Maße aber, wie die Repression angestiegen ist und die Polizei gegen die Protestierenden eingesetzt wurde, haben sich die Studierenden entschlossen, sich auf diese Konfrontation einzustellen. Es geht um Konfrontation, nicht um Dialog. Die Polizei ging massiv vor, einige wurden verhaftet, zwei Studierende verloren ein Auge, andere erlitten schwere Kopfverletzungen. Die Polizei ist sehr brutal, unter anderem mit neuartigen Granaten, die die Studierenden schwer verletzen. Die Regierung hatte sich mit den Rektoren getroffen hatte und sie einigten sich auf einige Dinge. Die Studierenden aber sagten, das reicht nicht aus, das ist unser Kampf, und wir entscheiden über seinen Verlauf!

 

In Deutschland gibt es eine Diskussion, ob sich politische Parteien auch mit Fahnen usw. an solchen Protesten beteiligen.

 

Auch bei uns gab am Anfang eine sehr starke Meinung, dass Organisationen keinen Beitrag zu den Protesten leisten, sondern diesen eher schaden würden. Wir waren zunächst die Einzigen, haben gesagt, dass man anerkennen muss, welchen Beitrag die Organisationen in diesen Protesten leisten.

 

Wie geht es jetzt weiter?

 

Zwei wichtige Elemente gibt es, die uns diese Bewegung hinterlässt: Man muss eine politisch organisierte Haltung einnehmen und diese Arbeit unter dem Aspekt des ideologisch-politischen Aufbaus machen. Wir konnten uns in diesem Prozess stärken. Und man muss lernen, die nicht organisierten Menschen zu verstehen, ihre Forderungen und Vorschläge aufzugreifen und sie zu organisieren.

 

Herzlichen Glückwunsch zu eurer aktiven Rolle. Wir werden das entsprechend bekannt machen.

Vielen Dank!