Rote Fahne 03/2019

Rote Fahne 03/2019

Amazon – Fluch oder Segen?

Karin wohnt auf dem Land. Sie braucht kurzfristig eine neue Kaffeemaschine.Im Internet schaut sie sich verschiedene Angebote an, vergleicht, liest sich die Beurteilungen früherer Käufer durch und bestellt dann ein preisgünstiges Modell: bei Amazon. Rund um die Uhr, just in time und effizient. Aber, zu welchem Preis? Am nächsten Tag wird das Gerät von Jan angeliefert. Er ist seit drei Monaten als Zeitarbeiter bei einem Paketzusteller beschäftigt. Der arbeitet für Amazon. Jan hat heute schon 200 Pakete ausgeliefert, hätte eigentlich schon zwei Stunden Feier­abend, stand aber im Stau, und das für umgerechnet sechs Euro die Stunde. Amazon – Fluch oder Segen?

Von Gerd Pfisterer, Jörg Weidemann
Amazon – Fluch oder Segen?
Heute online bestellt, morgen geliefert: Dahinter steht ein internationales Übermonopol mit 600.000 Beschäftigten, mit ausgeklügelter Logistik und Softwareentwicklung (Foto Versandhalle im schottischen Fife – Scottish government / CC BY-NC 2.0)

Jeff Bezos gründete das Unternehmen Amazon mit dem online-Versand von Büchern 1994 in einer Garage in Seattle. Amazon hat in 30 Ländern weltweit 175 Logistikzentren – 13 in Deutschland, das vierzehnte wird dieses Jahr in Mönchengladbach eröffnet. Amazon ist weltweit verrufen wegen der Behandlung seiner über 600.000 Beschäftigten. Fast die Hälfte aller Produkte auf dem Amazon Marketplace stammen von über zwei Millionen externen Anbietern, denen Amazon durch seine Größe weitgehend die Bedingungen diktiert. Für die Nutzung von Amazons Abrechnungsdienst und Logistik müssen sie bezahlen. Amazon bekommt dadurch auch Einblick in das Angebot der Konkurrenten und kann weitere Kundendaten erfassen. Heute ist Amazon der größte Onlinehändler der Welt, mit einem Jahresumsatz von 242 Millarden Euro 2018 und einem aktuellen Börsenwert von 726,26 Millarden Euro.1 Dieser Börsenwert beruht vor allem auf der spekulativen Annahme eines unbegrenzten Wachstums von Amazon. Die krisenhafte Entwicklung des Imperialismus kann dem sehr schnell ein Ende bereiten.

 

Mehr als nur Online-Händler

 

Amazon ist bereits heute mehr als ein Online-Händler. Zur Verarbeitung der Unmengen an Daten des Online-Handels hat Amazon eine IT-Infrastruktur aufgebaut, die in Amazon Web Services (AWS) zusammengefasst ist. Diesen Service nutzt Amazon nicht nur selber, sondern vermarktet ihn zusätzlich. 2017 war Amazon bereits der zweitgrößte Cloud-Anbieter der Welt hinter Microsoft. 2018 macht Amazon damit 26 Millarden Euro Umsatz und erzielte im ersten Halbjahr drei Millarden US-Dollar Gewinn, knapp drei Viertel des gesamten Konzerngewinns. Amazon arbeitet dabei auch eng mit der US-Polizei (Gesichtserkennung), der CIA und dem US-Militär zusammen. Inzwischen bereitet sich Amazon systematisch darauf vor, weitere Branchen und Geschäftsfelder zu erobern.

 

Amazons Geschäftsmodell beruht auf dem konsequenten Einsatz des Internets im Einzelhandel. Mithilfe der ständigen Weiterentwicklung der Software und Algorithmen hat Amazon die Zeit von der Bestellung bis zur Auslieferung von drei Tagen auf vier Stunden (in bestimmten Großstädten) reduziert. Ziel sind zwei Stunden. Schneller, billiger und größer zu sein als die Konkurrenz, das ist die Richtschnur für Amazon.

 

Der Aufstieg von Amazon ist untrennbar verbunden mit dem rasanten Wachstum des spekulativen Kapitals an der Börse. Mit dem Versprechen, der „Größte“ zu werden, hat Bezos Investoren angelockt, die Amazon mit billigen Krediten versorgen. Er überzeugte die Kreditgeber, auf kurzfristige Rendite zu verzichten und in das Wachstum von Amazon zu investieren. Damit baute Amazon eine riesige IT- und Logistikinfrastruktur auf, die ihm gegenüber der Konkurrenz einen Riesenvorsprung verschafft. In Forschung und Entwicklung investiert Amazon über 20 Millarden Euro, so viel wie kein anderer Konzern weltweit – natürlich zu eigenen Gunsten!2

 

Im Zuge der chronisch gewordenen Überakkumulation von Kapital besteht für Bezos Zugriff auf riesige Kapitalmengen – solange er seine Investoren bei der Stange halten kann und die Spekulationsblase nicht platzt. Das ermöglicht Amazon nicht nur Investitionen, sondern schafft auch die Möglichkeit, über lange Zeit mit Dumpingpreisen Konkurrenten in die Knie zu zwingen. Außerdem nutzt Amazon seine Marktmacht gnadenlos aus, um Lieferanten oder Paketzustellern seine Preise zu diktieren. So kommt der Logistikberater Horst Manner-Romberg zu dem Schluss, dass „mit Amazon inzwischen kein Paketdienst in Deutschland mehr Geld“ verdienen kann. Zu Amazons Geschäftsmodell gehört auch, so wenig wie möglich Steuern zu zahlen. In Europa hat Amazon zwischen 2006 und 2014 auf drei Viertel seines Gewinns keinen Cent Steuern bezahlt, weil er in den meisten Ländern keinen Firmensitz hat. Seine Geschäfte in Europa hat er gebündelt in Irland bzw. Luxemburg, wo er kaum Steuern zahlen muss.

 

Alibaba – Amazons größter Konkurrent

 

Der Zwang zur Expansion ist eine Folge der kapitalistischen Raubtierlogik – fressen oder gefressen werden. Der chinesische Konzern Alibaba sitzt Amazon schon im Nacken. Noch ist Alibaba mit 32,4 Millarden Euro Umsatz 2018 erheblich kleiner als Amazon. Alibaba verkauft im Gegensatz zu Amazon selbst keine Waren, braucht also keine Logistikzentren und hat nur 10 Prozent der Beschäftigten von Amazon. Wie Amazon ist Alibaba nicht nur im Handel, sondern auch im Logistik-, Medien-, IT- und Finanzbereich aktiv. Alibaba plant, weltweit sechs Distributionszentren zu eröffnen, auch in Europa. Alibaba-Gründer Jack Ma kündigte bereits 2017 einen aggressiven Konkurrenzkampf mit Amazon an: „Jetzt ist die Welt dran“.

 

Ausbeutung à la Amazon

 

Bezos und Amazon haben nicht nur die Welt des Einzelhandels verändert, sondern auch die Arbeitsbedingungen. Ein Kollege aus Bad Hersfeld berichtet: „Du wirst meist nicht schlecht behandelt. Aber man fühlt sich wie in einem Gefängnis. Jeden Tag passiert dasselbe. Und die Vorgesetzten behandeln uns wie kleine Kinder. Wir sind für sie alle nur Zahlen im System.“ Damit der Versand reibungslos läuft, ist Amazon vor allem auf die Initiative und Disziplin Hunderttausender Kolleginnen und Kollegen angewiesen. Dazu wendet Amazon verschiedene Methoden an. Zum einen errichtet er Logistikzentren oft in sogenannten strukturschwachen Regionen mit hoher Arbeitslosig­keit, wo die Menschen zum Teil gezwungen sind, die niedrigen Löhne hinzunehmen. Die Methode, vor allem Zeitverträgler einzustellen, spaltet und wirkt disziplinierend. Trotzdem schafft es ver.di, Mitglieder zu gewinnen. 2014 gelang es ver.di zum ersten Mal, erfolgreich einen Streik bei Amazon zu organisieren. Daraufhin errichtete Amazon zwei Versandlager in Polen hinter der deutsch-polnischen Grenze. Dort packen heute Tausende Kolleginnen und Kollegen für einen Lohn zwischen 4,30 und 5,69 Euro in Zehnstundenschichten Pakete für Deutschland. Eine polnische Kollege sagt: „Es gehört zum Geschäftsalgorithmus von Amazon, die Mitarbeiter gegeneinander auszuspielen. Wir wollen aber nicht gegeneinanderstehen.“ Deshalb haben sie begonnen, sich gewerkschaftlich zu organisieren und Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen in deutschen Versandzentren aufzunehmen.

 

Amazon ist der Meinung, Gewerkschaften seien überflüssig, weil Amazon sich selbst um seine Beschäftigten kümmere. Bei Amazon reden sich pseudomodern alle mit Du an. In der Kantine setzen sich die Manager schon mal zwischen die Kollegen, so, als ob alle eine Familie seien. In allen Logistikzentren weltweit steht groß in Englisch an den Wänden: „Arbeite hart, habe Spaß, schreibe Geschichte“. Von Spaß haben kann allerdings nicht die Rede sein. Aus Angst, die Kolleginnen und Kollegen könnten den reibungslosen Ablauf „stören“, werden sie nahezu vollständig kontrolliert und überwacht. Das geschieht durch Kameras, vor allem mithilfe der Scanner und dem umhängenden Werksausweis. Über ein Bonussystem gibt es Prämien. Die sind aber immer vom Verhalten und den Leistungen der ganzen Abteilung abhängig. Amazon spekuliert damit, dass die Kolleginnen und Kollegen untereinander Druck machen.

 

Ver.di ist es mit Streiks schon gelungen, teils höhere Löhne, aber auch bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen – jedoch noch keinen Tarifvertrag. Am letzten „Black Friday“ (23. November 2018), dem umsatzstärksten Tag im Jahr, streikten das erste Mal Amazon-Beschäftigte gemeinsam in Deutschland, Italien, Spanien und Polen. Dabei zwangen die Beschäftigten im italienischen Versandhandelslager in Castel San Giovanni Amazon weltweit erstmals, eine Betriebsvereinbarung mit einer Gewerkschaft zu unterzeichnen.

 

Amazon abschaffen – oder den Kapitalismus?

 

Die Arbeitsbedingungen bei Amazon, das ungebremste Sammeln von Daten und die Folgen für den Einzelhandel sind für viele ein Grund, Amazon zu boykottieren. Aber: Was wäre erreicht, wenn wir statt bei Amazon bei einem andern Konzern einkaufen? Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei Amazon kann nur durch die Beschäftigten und die Solidarität mit ihnen erkämpft werden.3 Der Einsatz des Internets für Planung, Produktion, Handel und Vertrieb ist Ausdruck der fortschrittlichen Entwicklung der Produktivkräfte. Hier entstehen bisher ungeahnte Möglichkeiten der planmäßigen und zielgerichteten Produktion und Verteilung in der gesellschaftlichen Großproduktion. Und einer möglichen gleichberechtigten Zusammenarbeit der vereinigten sozialistischen Staaten der Welt im Interesse der Einheit von Mensch und Natur. Es könnte wirklich nach den Bedürfnissen der Massen und der Natur produziert werden, international Errungenschaften und Schwächen der einzelnen Länder ausgeglichen werden. Der russische Revolutionär Lenin erkannte visionär vor bereits über 100 Jahren die Bedeutung einer solchen Vergesellschaftung: „Wenn aus einem Großbetrieb ein Mammutbetrieb wird, der planmäßig, auf Grund genau errechneter Massendaten, die Lieferung des ursprünglichen Rohmaterials im Umfang von zwei Dritteln oder drei Vierteln des gesamten Bedarfs für Dutzende von Millionen der Bevölkerung organisiert; … wenn die Verteilung dieser Produkte auf Dutzende und Hunderte von Millionen Konsumenten nach einem einzigen Plan geschieht … dann wird es offensichtlich, daß wir es mit einer Vergesellschaftung der Produktion zu tun haben …; daß privatwirtschaftliche und Privateigentumsverhältnisse eine Hülle darstellen, die dem Inhalt bereits nicht mehr entspricht ...“4 So lange diese Hülle besteht – heute die Diktatur des allein herrschenden internationalen Finanzkapitals – entfalten diese technischen Errungenschaften aber destruktive Kräfte. Sie dienen so allein dem Drang internationaler Übermonopole nach Beherrschung des Weltmarktes, wodurch sie Monopolpreise diktieren und ihre Profitrate erhöhen können.

 

Das wird deutlich an der Überausbeutung nicht nur der 600.000 Beschäftigten bei Amazon, sondern auch der Millionen Beschäftigten, die bei Lieferanten von Amazon oder bei den Zustellfirmen für Hungerlöhne arbeiten müssen. Dazu gehören die zerstörerischen Folgen für die Umwelt, indem sinnlos zum Teil völlig überflüssige Waren mit Unmengen von Verpackungsmaterial rund um den Erdball transportiert werden. Dazu gehört das Sammeln von Daten zur Überwachung, Bespitzelung und Manipulation und zur militärischen Aufrüstung. Durch die gezielte Werbung und einfache Bestellmöglichkeiten wird privater, zum Teil unnützer Konsum enorm angeregt. Amazon muss nicht boykottiert, sondern als Teil des internationalen Finanzkapitals bekämpft werden!

 

Neue Anforderungen an die Gewerkschaftsarbeit

 

Konzerne wie Amazon stellen neue, hohe Anforderungen an die gewerkschaftliche und politische Arbeit. Aus Angst, dass der Vertrag nicht verlängert wird, sie nicht übernommen werden, trauen sich viele Zeitverträgler noch nicht, aktiv zu werden. „Gerade als Zeitarbeiter ist es wichtig, in die Gewerkschaft einzutreten“, so ein Kollege aus Dortmund. Unter den Kolleginnen und Kollegen herrscht große Ernüchterung über die angebliche Amazon-Familie. Das größte Problem ist die Denkweise: „Eigentlich müsste man in die Gewerkschaft, sich organisieren, mitstreiken usw. aber …“ Nur organisiert können die Arbeiterinnen und Arbeiter etwas verändern. Gewerkschaften gehören dringend in die moderne Welt von Amazon. Denn „Amazon kümmert sich um alles“ gilt für alles, was mit seinem Profit zu tun hat – und für sonst nichts. So wie Amazon vernetzt und organisiert ist, müssen sich die Beschäftigten organisieren und ihre Streikaktionen aufeinander abstimmen und koordinieren.

 

Der Kampf von ver.di zum Abschluss eines Tarifvertrages ist voll berechtigt und braucht die Unterstützung und Solidarität aus anderen Branchen und Gewerkschaften – Amazon darf nicht Schule machen! Es ist nicht länger einzusehen, dass ein kleiner Buchhändler pro Euro dreimal mehr Steuern zahlt als Amazon.

 

Übermächtig?

 

Die Logistikbranche bekommt mit der fortschreitenden Internationalisierung der Produktion eine immer größere Bedeutung. Sie stellt in internationalen Produktionsverbünden die Verbindung her zwischen den einzelnen Konzernen und zwischen den Herstellern und den Kunden. Die dort beschäftigten Kolleginnen und Kollegen sind Teil des internationalen Industrieproletariats. An diesen Verbindungen können die Monopole empfindlich getroffen werden. Dabei kann sich sehr schnell zeigen, dass internationale Übermonopole wie Amazon keineswegs „übermächtig“ sind, dass die Algorithmen an ihre Grenzen stoßen, wenn sich die Arbeiterinnen und Arbeitern einig sind. Wie viele Pakete könnten Bezos und seine Handvoll Spitzenmanager wohl pro Stunde bearbeiten und auszuliefern? Deshalb ist es wichtig, dass auch dort Betriebsgruppen der MLPD aufgebaut werden – es geht dabei um mehr als bessere Arbeitsbedingungen – es geht um den ganzen „Laden“. Damit die Millionen Beschäftigten in diesem Bereich sich einreihen können in den gemeinsamen Kampf für den weltweiten Sieg des Sozialismus.

 

1 Zum Vergleich: VW erzielte 2017 einen Umsatz von 230 Millarden Euro mit 640 000 Beschäftigten und hat einen Börsenwert von 80 Millarden Euro.

2 Dabei geht es um künstliche Intelligenz, autonomes Fahren und ähnliche Zukunftsfelder

3 Siehe Interview mit dem ver.di-Sekretär Karsten Rupprecht auf Seite 20 dieser Ausgabe

4 „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, Lenin, Werke, Bd. 22, S. 308