Rote Fahne 20/2018
Wieso ein Kurde über deutsche Bergarbeiter und ihre Geschichte schreibt ...
Der Bottroper Autor Sahin Aydın erzählt, wie er als Kind einer kurdischen Einwandererfamilie zum Erforscher der Geschichte der Bergarbeiterbewegung des Ruhrgebiets wurde
Rote Fahne: Wie kommt es, dass ein Migrant mit kurdischen Wurzeln eine Broschüre über einen deutschen Bergarbeiter (Alois Fulneczek) schreibt und jetzt ein Buch über die Kämpfe der deutschen Bergarbeiter 1920?
Sahin Aydin: Ich komme aus einer Familie, die Kurden sind – ein Volk, das unterdrückt wird. Zweitens bin ich Alevit, und mein Vater war Textilarbeiter. In unserem Dorf in der Türkei haben wir keine Moschee und auch keine Kirche. Ich bin in Deutschland aufgewachsen. In der Schule waren Geschichte und Politik mein Lieblingsunterricht. Als Jugendlicher und auch heute bin ich in der deutschen marxistischen Bewegung aktiv.
Was ist das Besondere an deinem Buch „Warten auf Gerechtigkeit“?
In der bürgerlichen Stadtgeschichte ist die Rede von 65 Arbeiterinnen und Arbeitern, die 1920 von der Marine-Brigade von Loewenfeld in Bottrop ermordet wurden. Bei meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass das Freikorps Marine-Brigade von Loewenfeld in der Zeit vom 3. April bis zum 18. Mai 1920 insgesamt 257 Arbeiterinnen und Arbeiter ermordet hat. Das geschah unter dem Vorwand, dass sie alle Mitglieder der Roten Ruhrarmee gewesen seien. Viele Bergarbeiter wurden einfach aus ihrem Heim herausgeholt und erschossen. Darunter waren viele, die mit der Roten Ruhrarmee nichts zu tun gehabt hatten.
Mit geht es um das Denkmal, das von der KPD und der Gewerkschaft UNION im Jahre 1922 für die März-Gefallenen errichtet wurde. In der Nazizeit wurde es geschändet, und nach dem II. Weltkrieg wurde es nur halb wiederhergerichtet. Mit diesem Buch möchte ich ein Zeichen setzen, dass es nötig ist, das Denkmal im Original wiederherzustellen.
Was möchtest du unseren Leserinnen und Lesern noch sagen?
Dass man die Arbeiterbewegung im Ruhrgebiet in den Jahren 1918/1919/1920 thematisieren und dazu forschen soll. Weil es bis jetzt wenig dazu gibt. Nächstes Jahr jährt sich die Ermordung des Arbeiterführers Alois Fulneczek aus Bottrop zum 100. Mal. Dazu wird eine Gedenkkundgebung auf dem Westfriedhof Bottrop stattfinden – am 23. Februar 2019 um 14 Uhr. Der Gedenktag wird unterstützt von MLPD, DKP und Die Linke.
Herzlichen Dank für das Interview!