Rote Fahne 05/2018
Altes Eisen? Von wegen
Ältere Frauen aus Bochum und Gelsenkirchen berichten
Courage-Frau Vera aus Bochum, 55 Jahre:
Die massenhafte Altersarmut von Frauen in einem so reichen Land wie Deutschland ist eine Tatsache. Kommt dann auch noch Krankheit dazu, wird es schwierig. Schon während meiner Ehe berufstätig, war ich nach der Trennung gezwungen, fünf Jobs auszuüben – hauptsächlich als Putzkraft, um mich und meine Tochter durchzubringen.
Durch die ständige Überbelastung bekam ich meinen ersten Epilepsieanfall. Eine Folge waren zunehmende Angststörungen und psychische Probleme. Durch ständige körperlich schwere Arbeit ergaben sich auch schwerwiegende Probleme des Rückens, sodass ich heute nur noch mit Rolator laufen kann. Seit zwölf Jahren bin ich als chronisch kranke Schmerzpatientin eingestuft! Seit 2014 erwerbsunfähig mit einer Rente von 706 Euro
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Ich warte seit zehn Monaten auf einen Platz in der Wassergymnastik – „kann noch länger dauern …“ In kaltem Wasser kann ich mich nicht bewegen. Gerne würde ich ein- bis zweimal in der Woche in ein Thermalbad gehen, doch dafür fehlt mir das Geld!
Seit einem Jahr bin ich in Pflegestufe 1. Das bedeutet, ein Pflegedienst könnte mich für 129 Euro monatlich betreuen. Psychische Probleme sind aber auch der Grund, dass ich von einer fremden Person nicht gut angefasst werden kann. Mein Verlobter und meine Tochter haben diese Aufgaben übernommen – ohne finanzielle Entschädigung. Meine Tochter könne das ja wohl ehrenamtlich machen – schließlich sei sie mit mir ersten Grades verwandt …
Eine Genossin, 63 Jahre:
Ich bin bei meiner Oma aufgewachsen. Als Kind und Jugendliche war ich immer auf mich allein gestellt. Als ich dann arbeiten ging, hat die Oma mir immer meinen Lohn weggenommen.
Mit 18 Jahren habe ich geheiratet. Das war der verkehrte Mann. Der schlug mich. Ich habe vier Kinder bekommen. Eines hat neun Stunden gelebt, eines kam tot zur Welt. Mein Mann war arbeitslos und hat auch das Geld der Kinder vom Sparbuch geholt. Nach 21 Jahren hab’ ich es geschafft, mich von ihm zu trennen. Einige Zeit war ich danach mit meinen Kindern alleine.
Dann habe ich meinen jetzigen Mann kennengelernt. 1997 haben wir geheiratet. Auch wir hatten nicht immer Sonne und haben unsere Stürme. Wir haben beide wenig Geld, aber sparen das ganze Jahr und leisten uns dann einmal im Jahr einen schönen Urlaub.
Über den Arzt meines Mannes habe ich AUF Gelsenkirchen kennengelernt. Obwohl ich mir das erst nicht zutraute, haben wir mit drei Frauen das monatliche AUF-Kaffeetrinken organisiert. Dabei habe ich gelernt, was zu sagen. Ich war so daran gewöhnt, unterdrückt zu werden, dass das erst mal ganz schön schwierig war. Aber ich habe gelernt, mir mehr zuzutrauen, meine Meinung zu sagen und Verantwortung zu übernehmen.
Anfang 2017 hat mich dann Monika Gärtner-Engel gefragt, ob ich Mitglied in der MLPD werden will. Ich dachte erst, ich versteh’ doch nichts von Politik. Wir haben uns zusammengesetzt und durchgesprochen, was es heißt, Mitglied zu sein. Das habe ich ja doch verstanden und habe meinen Antrag gestellt. Ich wollte aber noch Bedenkzeit. Das hat die Gruppe verstanden. Wir haben alles gründlich beraten und dann bin ich richtig Mitglied geworden – die Zukunft der Kinder und die „Füchse“ liegen mir so am Herzen. Ich hab’ immer noch viel zu „meckern“, aber ich hätte mir nicht vorstellen können, was ich heute alles mache.