Rote Fahne 04/2018

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Louvre Abu Dhabi – ein „Zentrum der Toleranz“?

Zur Eröffnung des neuen Louvre-Museums in Abu Dhabi Anfang November 2017

Von (cw)
Louvre Abu Dhabi – ein „Zentrum der Toleranz“?
Das Louvre von Abu Dhabi – wofür wurden 1,5 Milliarden Euro investiert? Foto: John Campbell / public Domain

Die Scheichs, die Direktoren des neuen Louvre-Museums ebenso wie die meisten bürgerlichen Medien überschlugen sich vor Lob: Das neue Museum biete eine Reise durch die ganze Welt, es sei ein „leuchtendes Geschenk“ und trage bei zur „Ausweitung der Zonen des Lichts“ usw. Die Gesamtkosten dieses Megaprojektes addieren sich zu mehr als 1,5 Milliarden Euro. Was ist der eigentliche Zweck des enormen Aufwands?

 

Schon die filigran wirkende Dachkonstruktion des französischen Stararchitekten Jean Nouvel von 7500 Tonnen verschlang 580 Millionen Euro. Darunter erwecken 55 weißgetünchte Quadergebäude den Eindruck einer schattenspendenden arabischen Altstadt. In der Ausstellungsfläche von 8600 Quadratmetern werden Spitzenerzeugnisse der Kunst aus aller Welt und aus allen Kunstepochen präsentiert.

 

Von ägyptischen Statuen über Werke von Leonardo da Vinci zu Vincent van Gogh und Werke von Piet Mondrian. An verschiedenen Beispielen werden Ähnlichkeiten in den Darstellungsformen gleicher Themen europäischer, afrikanischer oder arabischer Künstler hervorgehoben. Die Menschheit soll damit trotz augenfälliger Unterschiede als Teil einer ganzheitlichen Schöpfung gezeigt werden. Der Direktor der emiratischen Kultur- und Tourismusbehörde, Mohamed Khalifa Al Mubarak, erklärte den 500 internationalen Journalisten bei der Eröffnung, dass der Louvre Abu Dhabi „nicht nur ein Museum, sondern ein Zentrum der Toleranz“ sei.

 

Bemerkenswert! Denn gerade die Toleranz stößt künstlerisch und gesellschaftlich in Abu Dhabi an ganz eigentümliche Grenzen. Nicht toleriert werden erwartungsgemäß antike griechische Frauenstatuen oder Frauenaktgemälde. Vor allem aber gibt es unter den Tausenden Objekten keinerlei sozialkritische Kunst! Vergeblich sucht man nach kulturellen Zeugnissen gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, von Eroberungen und Aufständen. Selbst Alexander der Große wird nicht als Kriegsherr vorgestellt, sondern als jemand, der Europa und Asien miteinander verbunden habe. Keine Rede vom Freiheitskampf gegen Kolonialherren oder von der französischen Revolution. Die Geschichte der Menschheit findet im Louvre Abu Dhabi jenseits vom Klassenkampf statt. Sie wird als friedliche kulturelle Evolution gezeigt.

 

Die Grenzen der gesellschaftlichen Toleranz und Freiheit der Emirate benennt die Neue Züricher Zeitung so: „Die Freiheit in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist wie überall am Golf primär die Freiheit des Konsumenten. Wer kauft und den Mund hält, hat keine Probleme. Wer das Herrscherhaus kritisiert, muss damit rechnen, von der Bildfläche zu verschwinden.“1 Und der schöne Schein von Friede und Toleranz zerplatzte selbst bei der Eröffnung des Museums an der Realität: Zwei Schweizer Journalisten wurden verhaftet, 50 Stunden verhört und dann ohne den Großteil ihres Materials abgeschoben. Sie hatten einige der nahezu rechtlosen 5000 asiatischen Gastarbeiter der Louvre-Baustelle gefilmt, die zu Recht Kritik an ihren Arbeitsbedingungen haben.

 

Die Vermutung allerdings, dass das Scheichtum „auf Museen, Festivals und Tourismus setzt, um für die Zeit nach dem Öl- und Erdgasboom vorzusorgen“2 greift zu kurz. Denn mit ihrem Kapitalexport mischen Abu Dhabi und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) längst in der weltweiten Oberliga des internationalen Finanzkapitals mit. In den 20 Jahren von 1995 bis 2015 haben die VAE ihr Bruttoinlandsprodukt von 66 auf 370 Milliarden US-Dollar auf das Sechsfache gesteigert. Wichtig: Die VAE gehören zu den weltweit größten Importeuren von schweren Waffen. Nach Indien und China liegen sie an dritter Stelle mit 4,6 Prozent des Weltmarktes! Und die VAE setzen diese Waffen heute bereits im Jemen ein.

 

Längst sind die arabischen Scheichtümer Bestandteil des Kampfs geworden, der zwischen neuimperialistischen Ländern wie Israel, der Türkei, dem Iran, Saudi-Arabien und den alten Imperialisten um die regionale Vorherrschaft im Nahen und Mittleren Osten sowie Nordafrika tobt.

 

Dazu gehört auch, dass praktisch gleichzeitig mit dem Abkommen zum Bau des Museums zwischen Abu Dhabi und Frankreich vor zehn Jahren, die Emirate 40 Exemplare des Airbus A380 kauften. Die „strategische Partnerschaft“ – so nannte es der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy – wurde abgerundet durch die Eröffnung eines französischen Militärstützpunktes in Abu Dhabi – nur 30 Kilo­meter vom Louvre Abu Dhabi entfernt.

 

Hinter dem so feinsinnigen Kunstmäzenatentum, mit dem Abu Dhabi weltweit sein Ansehen aufpolieren und Besucher anlocken will, stehen also handfeste wirtschaftliche, politische und militärische Interessen eines neuimperialistischen Machtzentrums.        

 

1 Neue Züricher Zeitung, 02.05.2017

2 Frankfurter Rundschau, 08.11.2017