Frauenpolitischer Ratschlag

Frauenpolitischer Ratschlag

Befreiung der Frau weltweit angehen! Gemeinsam stark – wohin, mit wem?

Der dritte Diskussionsblock trug den Titel „Befreiung der Frau weltweit angehen! Gemeinsam stark – wohin, mit wem?“. Eindrucksvoll berichten Teilnehmerinnen vor Ort und in zugeschalteten Beiträgen aus Syrien, dem Jemen, Iran, Palästina, Bangladesch, dem Kongo, Namibia und Deutschland über die verheerenden Auswirkungen des kapitalistischen Systems auf die Menschen weltweit – insbesondere auf die Frauen.

Von ar
Befreiung der Frau weltweit angehen! Gemeinsam stark – wohin, mit wem?
Gespannte Aufmerksamkeit beim dritten Diskussionsblock des Frauenpolitischen Ratschlags am gestrigen 7. November (rf-foto)

Gleichzeitig schildern sie, wie sich überall Widerstand dagegen entwickelt. Dabei wird unmittelbar deutlich, welche Bedeutung dem Frauenpolitischen Ratschlag zukommt: die Kämpfe der Frauen miteinander zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig zu stärken.

 

Eine Vertreterin aus dem Westjordanland in Palästina lenkt den Blick auf die beispiellose Katastrophe dort: „Jede vierte Familie wird inzwischen von einer Frau alleine ernährt, ihre Männer sind getötet. Es mangelt an Nahrung und Medikamenten. Israelische Siedler zerstören ihre ganze Olivenernte. Die Menschen sind der Willkür israelischer Soldaten ausgeliefert. Aber sie bleiben dort.“ Sie ruft dazu auf, „eine dauerhafte Brücke des Austauschs zwischen den Frauen hier und in Palästina zu schaffen“.

 

Im Jemen kämpfen Frauen gegen krankmachende Mülldeponien und werden dafür mit schweren Übergriffen konfrontiert. Doch sie geben nicht auf. Die Umweltaktivistin Irtefa erklärt: „Unsere Stärke liegt in unserer Einheit. Internationale Solidarität ist der Rettungsanker, gesellschaftliche Veränderungen durchzusetzen.“

 

Aus Bangladesch ist Joly Talukder zugeschaltet. Sie ist Gewerkschafterin, Streikführerin und Repräsentantin von Millionen Textilarbeiterinnen. Seit Langem pflegt sie eine enge Freundschaft mit den ver.di-Frauen in Deutschland. Die Textilarbeiterinnen in Bangladesch erhalten niedrige Löhne und sind schlimmsten Arbeitsbedingungen, überlangen Arbeitszeiten, Schikanen und körperlichen Angriffen ausgesetzt. „Aber sie sind nicht nur Opfer, sie sind stolze Arbeiterinnen“, betont Joly. Nina aus Duisburg, Vertreterin von ver.di, erinnert sich an die Anfänge der Zusammenarbeit: „Vor über zehn Jahren sagte uns Joly: Wenn ihr uns helfen wollt, boykottiert nicht unsere Waren, sondern helft uns bei unserem Kampf.“ Solidarität International sammelte daraufhin viel Geld. Außerdem reisten Frauen nach Bangladesch, um die Zusammenarbeit zu vertiefen. „Wir haben viel gelernt für die gewerkschaftliche Arbeit. Heute ist der Kampf auf einer neuen Stufe gegen die multinationalen Konzerne notwendig.“

 

Carola Kücken, Courage-Frau und Europakoordinatorin der Weltfrauenkonferenz, richtet einen besonderen Gruß an den Ratschlag. Sie bezeichnet die Weltfrauenkonferenz als Erfolgsgeschichte: Auf jedem Kontinent gibt es inzwischen eine Koordinierung, die ein breites Spektrum von Religion bis Revolution umfasst. Eine gemeinsame Erkenntnis der Weltfrauenkonferenz 2022 in Tunis war, dass das imperialistische Weltsystem die Wurzel allen Übels ist. Angesichts der aktuellen Weltlage hat die Weltfrauenkonferenz noch an Bedeutung gewonnen. Ihre Forderung: „Die Frauenbewegung muss sich an die Spitze des gesellschaftsverändernden Kampfes stellen.“

 

Auch in der anschließenden Diskussion kommen erschütternde Erfahrungen zur Sprache. Mehrere Frauen berichten von erlebter sexualisierter Polizeigewalt. Dazu gehört auch Eva Michelmann, die online von ihrer fünfmonatigen Isolationshaft in Syrien berichtet. Eine weitere Teilnehmerin thematisiert Femizide im Zusammenhang mit Prostitution in Deutschland in den letzten Jahren. 119 Frauen wurden ermordet, 72 überlebten einen Mordversuch. Als Täter werden Freier, Zuhälter und Ex-Partner genannt.

 

Gabi Fechtner, Vorsitzende der MLPD, stellt die Frage, wie sich all diese Berichte über die Auswirkungen des Kapitalismus miteinander verbinden lassen. Sie antwortet sinngemäß: Die Frauenbewegung darf nicht bei den konkreten Erscheinungsformen und Auswüchsen stehen bleiben. Wer eine revolutionäre Veränderung erreichen will, muss den tieferen gesellschaftlichen Ursachen auf den Grund gehen. Von jedem Mann kann man verlangen, dass er sich nicht sexistisch verhält. Gleichzeitig muss aber untersucht werden, welche gesellschaftlichen Verhältnisse dahinterstehen. Die bürgerliche Staats- und Familienordnung ist eine wesentliche Grundlage der besonderen Unterdrückung der Frauen. Die Frauen müssen die Produktion und Reproduktion des Lebens organisieren. Wer diese Zusammenhänge außer Acht lässt, kommt leicht zu dem Schluss, letztlich sei doch der Mann an allem schuld. Diese gesellschaftlichen Ursachen müssen verstanden werden. Nur so können Frauen den Kampf um veränderte Machtverhältnisse bewusst aufnehmen.

 

Kontrovers wird über die Frage des Patriarchats diskutiert. Eine Teilnehmerin vertritt die Auffassung, dass sich Frauen nicht nur vom Kapitalismus, sondern auch vom Patriarchat befreien müssten, das keineswegs überwunden sei. Dem widerspricht eine Courage-Frau aus Tübingen. Patriarchat bedeutet Männerherrschaft – das entspricht nicht der heutigen gesellschaftlichen Realität. Allerdings gibt es weiterhin patriarchalisches Denken. Faschistische Organisationen wie die AfD wollen feudale Traditionen wiederbeleben. Sie erinnert an die Erfurter Erklärung des Frauenpolitischen Ratschlags von 2019, die von verschiedenen Organisationen unterzeichnet wurde. Diese Erklärung hat den gemeinsamen Kampf gegen die faschistische Gefahr als kleinsten gemeinsamen Nenner zum Inhalt und ist heute von großer Bedeutung.

 

Zum Ende der Diskussion zieht eine Teilnehmerin ein begeistertes Fazit: „Ich bin begeistert von diesem Tag, von der Breite der Themen und der geographischen Breite. Der Kapitalismus ist wie eine Pflanze, die überall wuchert und sich ausbreitet und die wir gemeinsam bekämpfen. Die MLPD geht dem radikal an die Wurzel. Wir sind stolz, dass wir Revolutionärinnen sind. Der Antikommunismus richtet sich gegen jede Frau, die sich gegen die kapitalistische Ausbeutung zur Wehr setzt."

 

Auch Monika Gärtner-Engel, die Initiatorin des Frauenpolitischen Ratschlags, greift zum Abschluss noch einmal eine Aussage aus der Diskussion auf: Der Sozialismus sei die einzige Alternative, man brauche nichts Neues. Ihre Antwort lautet: Ja und Nein. Natürlich ist der Sozialismus die einzige Alternative. Historisch ist nachgewiesen, dass die größten Frauenrechte durch Revolutionen erkämpft wurden. Zugleich muss aber auch Neues entwickelt werden. Der Sozialismus hat große unauslöschliche Errungenschaften hervorgebracht. Es wurden im sozialistischen Aufbau aber auch Fehler gemacht, zum Teil sehr schwere Fehler, aus denen Konsequenzen gezogen werden müssen. Stalin unterschätzte die Frage der Denkweise und missachtete sie schließlich weitgehend. Um überkommene Moralvorstellungen und Traditionen zu überwinden, muss man den Kampf um die Denkweise führen. 1937 kam es in der Gesetzgebung in der Sowjetunion zu einer verhängnisvollen Abkehr vom Ziel der Befreiung der Frau im Sozialismus. Frauen sollten ihre Mutterrolle in den Vordergrund rücken, dabei aber voll erwerbstätig sein. Im bereits mehrfach erwähnten neuen Buch der MLPD "Die Lehre von der Denkweise" gehen wir differenziert auf diese Fragen ein.

 

Großer Jubel bricht aus, als die Europakoordinatorinnen der Weltfrauenkonferenz bekannt geben: Die nächste Weltfrauenkonferenz findet vom 29. November bis 3. Dezember 2027 in Kamerun statt. Die Frauen dort wollen sie mit großem Stolz und Engagement ausrichten. (ar)