Jugendproteste

Jugendproteste

Gewalt – Das absolut Böse?

Seit den Jugendprotesten in Frankreich sind die Medien voll mit Meldungen über zu erwartende Ausschreitungen und Plünderungen bei anstehenden Jugendproteste.

Allein zwischen dem 28. und dem 30. Oktober titelten die Onlineportale tagesschau.de und t-online.de insgesamt 23 mal damit, ob und welche Ausschreitungen von den Gen-Z Protesten am 31.10. zu erwarten sind. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei kündigte in Bezug auf den 31.10. „Keine Gnade“ für „ junge Krawallmigranten“ an.

 

In der öffentlichen Debatte rücken die Forderungen der Jugendproteste immer weiter in den Hintergrund. Es wird das Narrativ verbreitet, dass sinnlose Gewalt der Charakter der länderübergreifenden Jugendrebellion ist. Das verfängt zum Teil auch unter den Massen. Bei Gesprächen mit den Kollegen im Betrieb wird die schädliche Wirkung dieser antikommunistischen Stimmungsmache besonders deutlich: Bevor eine Diskussion über die gemeinsamen Interessen der Arbeiter- und Jugendbewegung möglich ist, muss man sich erst mal durch ein Dickicht spaltender Vorurteile schlagen: „Noch keinen Tag im Leben gearbeitet, aber schon mal Forderungen stellen“ oder „Bessere Schulen fordern, aber ganze Städte verwüsten.“ Oft argumentiere ich „Ja, es gab auch sinnlose Gewalt, aber in der Masse waren die Proteste friedlich.“ Aber es ist doch überhaupt nicht der Maßstab, ob ein Protest friedlich bleibt und vor allem liegt das nicht in der Hand der Jugendlichen.

 

Während Macron am 16. Oktober noch stolz verkündet, dass die Waffenlieferungen an die Ukraine beschleunigt wurden sagte er in Bezug auf die Proteste am 21.10. In Frankreich: „Nein, es gibt keinerlei legitime Gewalt. Keine.“ Friedrich Merz sagte beim Treffen der Balkanstaaten am 22.10. Heuchlerisch „Gewalt darf niemals eine Option sein – für keine der beiden Seiten.“ Völkermord dagegen, darf offenbar eine Option sein: Allein im ersten Halbjahr 2026 genehmigte seine Regierung Rüstungsexporte in Rekordhöhe von knapp 800 Mio. Euro an Israel.

 

Es gibt keine neutrale Gewalt. Gewalt ist immer klassengebunden und wenn bürgerlicher Politiker sich gegen Gewalt aussprechen, meinen sie damit revolutionäre Gewalt. Imperialistische Gewalt zur Unterdrückung anderer Nationen, zur Ausweitung der eigenen Märkte und Rohstoffquellen im Auftrag der Monopole ist für sie dagegen völlig legitim. Gegen die Vorstellung, Gewalt an sich sei etwas Schlechtes, polemisierte schon Friedrich Engels im Anti-Dühring: „Für Herrn Dühring ist die Gewalt das absolut Böse, der erste Gewaltakt ist ihm der Sündenfall, seine ganze Darstellung ist eine Jammerpredigt über die hiermit vollzogne Ansteckung der ganzen bisherigen Geschichte mit der Erbsünde, über die schmähliche Fälschung aller natürlichen und gesellschaftlichen Gesetze durch diese Teufelsmacht, die Gewalt. Daß die Gewalt aber noch eine andre Rolle in der Geschichte spielt, eine revolutionäre Rolle, daß sie, in Marx‘ Worten, die Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft ist, die mit einer neuen schwanger geht, daß sie das Werkzeug ist, womit sich die gesellschaftliche Bewegung durchsetzt und erstarrte, abgestorbne politische Formen zerbricht - davon kein Wort bei Herrn Dühring.“

 

Errungenschaften, die heute selbstverständlich scheinen, wie der 8-Stunden-Tag oder das Sonntagsarbeitsverbot wurden hart und zum Teil gewaltsam gegen die reaktionäre Gewalt der Herrschenden zum Beispiel mit der Novemberrevolution erkämpft. Eine Bewegung, die jede Gewalt prinzipiell ablehnt, blieb in der Geschichte im besten Fall Bittsteller an die Herrschenden, im schlimmsten Fall wurde sie selbst gewaltsam zerschlagen.

 

Natürlich ist nicht jede Gewalt im Zusammenhang mit Protesten revolutionäre Gewalt. Abenteuerliche Scharmützel mit der Polizei, blinde Zerstörungswut oder Plünderungen sind abzulehnen. Aber nicht, weil Gewalt etwas Falsches ist, sondern weil diese Art der Gewalt die Sache nicht voranbringt und sich blind gegen die Nächstliegenden richtet und oftmals die Massen selbst betrifft. Sie leistet den Herrschenden einen Bärendienst, weil sie damit die Faschisierung der Staatsapparate legitimieren und Bewegung von den Massen isolieren.

 

Die Motive dieser sinnlosen Gewalt reichen von Unerfahrenheit über Abenteurertum bis hin zur Dekadenz. Sie muss prinzipiell kritisiert werden. Gleichzeitig ist es reine Heuchelei, wenn die Herrschenden existenzielle Gefahren ausgehend von einer Protestbewegung heraufbeschwören, während sie mit ihrer imperialistischen Politik ganze Regionen unbewohnbar machen, ganze Völker auslöschen und das alles auch noch mit unseren Steuereinnahmen finanzieren.

 

Sie verurteilen die Gewalt der Rebellierenden, aber verteidigen mit allen Mitteln die Verhältnisse, gegen die rebelliert wird. Bertolt Brecht brachte diesen Widerspruch auf den Punkt:

 

„Der reißende Strom wird gewalttätig genannt
Aber das Flußbett, das ihn einengt
Nennt keiner gewalttätig.“