184.000 Vollzeitstellen

184.000 Vollzeitstellen

Bertelsmann-Stiftung beklagt schwindendes Arbeitskräftepotenzial durch Pflege

Angehörige leisten den Löwenanteil der Pflege in Deutschland. Das bestätigt die aktuelle Studie „Informelle Pflege und Erwerbstätigkeit“ von Bertelsmann-Stiftung und Prognos AG. Gleichzeitig beklagt sie, dass damit immer mehr Arbeitskraft nicht für die Erwerbsarbeit, sprich: für die kapitalistische Ausbeutung, zur Verfügung steht.

Von bl
Bertelsmann-Stiftung beklagt schwindendes Arbeitskräftepotenzial durch Pflege
Für die Monopole sind alte Menschen fertig ausgebeutet und damit nutzlos. Die Pflege-Konzerne verdienen dann weiter an ihnen. Mit Würdigung der Lebensleistung hat das nichts zu tun!

Die Studie stützt sich unter anderem auf den Sozio-ökonomischem Panel (SOEP) von 2023. Danach sind 5,7 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Mit 4,9 Millionen (86 Prozent) wird der größte Teil von ihnen zu Hause von Angehörigen betreut, davon 3,1 Millionen sogar ausschließlich von Angehörigen, also ohne Unterstützung eines Pflegedienstes. Insgesamt 7 Millionen Menschen leisten diese „informelle Pflegearbeit“. Frauen tragen mit 63 Prozent die Hauptlast. 4,6 Millionen der Pflegenden sind im Erwerbsalter. Das entspricht 8,7 Prozent der gesamten Bevölkerung im Erwerbsalter.

 

Notgedrungen reduzieren viele ihre Arbeitszeit oder geben die Erwerbstätigkeit ganz auf, wenn Eltern, Schwiegereltern oder Lebenspartner alt werden und Hilfe brauchen. Das betrifft vor allem die Frauen, die meist schon wegen der Kinder zurückstecken mussten. "Frauen arbeiten oft schon in Teilzeit, verdienen weniger als ihre Männer, und wenn Paare entscheiden, wer sich der Pflege annehmen soll, ist es wahrscheinlich, dass Frauen das machen. Und wenn die Pflege zunimmt, auf mehr als zehn Stunden die Woche, dann steigen sie oft aus ihrem Beruf aus", so Michaela Hermann, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann-Stiftung.

 

Die Prognose: Im Jahr 2045 könnten deswegen zwischen 580.000 und 779.000 Frauen weniger oder gar nicht berufstätig sein. Auf sie würden dann etwa drei Viertel des gesamten errechneten „Arbeitsvolumenverlusts“ entfallen. Das bedeutet verschärfte wirtschaftliche Abhängigkeit, weniger Rente und zunehmende Armut beziehungsweise Altersarmut von Frauen. Davor warnen auch die Autorinnen und Autoren der Studie. Sie sorgen sich aber vor allem darum, dass diese wichtige gesellschaftliche Aufgabe Arbeitskraft kostet, die dann in den Betrieben fehlt und den Fachkräftemangel verstärkt.


Ihre Berechnungen kommen zu dem Ergebnis: Bereits heute umfasst der „pflegebedingte Erwerbsverlust“ Arbeitszeit im Umfang von 184.000 Vollzeitstellen. Dieser könnte bis zum Jahr 2045 auf mindestens 229.000 Vollzeitstellen ansteigen. Bis dahin wird die Zahl der Pflegebedürftigen auf mehr als sieben Millionen und die Zahl der Pflegenden im erwerbsfähigen Alter auf 6,4 Millionen steigen. Wenn das Verhältnis zwischen Pflegebedürftigen und erwerbsfähigen Pflegenden gleich bleibt, könnte dann fast jeder siebte Mensch im Erwerbsalter Angehörige pflegen.


Ihr Lösungsvorschlag setzt auf „Arbeitgeber und Politik“. Sie sollen Pflegende bessere unterstützen unter anderem durch: flexible Arbeitszeiten und Homeoffice, erleichterten Zugang zu Tages- und Kurzzeitpflege, Absicherung finanzieller Risiken, eine gerechtere Aufteilung der Pflegearbeit zwischen Männern und Frauen. Aber kein Wort zu den Regierungsplänen, die in krassem Gegensatz zu einer Verbesserung der Situation Pflegebedürftiger und Pflegender stehen.

 

Welche Hilfe sollen die von den Monopolen angestrebten Verlängerung des Arbeitstags über acht Stunden hinaus oder die Abschaffung erkämpfter Arbeitszeitverkürzungen sein? Homeoffice ist für die meisten Erwerbstätigen gar nicht möglich. Und erfahrungsgemäß richtet sich die Flexibilisierung von Arbeitszeiten nach der Profitmaximierung und nicht nach den Bedürfnissen der Beschäftigten. Viele pflegende Familienangehörige sind schon jetzt am Limit. Wenn bei den Kinderkrankentagen, der Eingliederungshilfe und der Schulassistenz für Menschen mit Behinderung gekürzt und durch die „Pflegereform“ der Zugang zu Kurzzeit- und Verhinderungspflege erschwert wird, wenn Leistungen zusammengelegt werden oder ihre Abrechnung komplizierter wird, dann geht das voll zu Lasten Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen.

 

Dagegen formieren sich Proteste mit offenen Briefen, Petitionen, Kundgebungen. Aus gutem Grund waren bei den Demonstrationen am 26. September zahlreiche behinderte Menschen und Beschäftigte von Sozialdienste auf der Straße. Verbesserungen können nur auf Kosten der Profite der Monopole erkämpft werden – gemeinsam mit der Arbeiter- und Frauenbewegung.


Der Widerspruch, den die Studie der Bertelsmann-Stiftung aufzeigt, ist ein Ausdruck der zunehmenden Unfähigkeit des Kapitalismus, seine eigene Funktionsfähigkeit zu sichern. Ein tatsächlicher Lösungsvorschlag kann von ihr nicht erwartet werden. Denn das würde erfordern, einen der Grundpfeiler des kapitalistischen Gesellschaftssystems in Frage zu stellen: die private Verantwortung der Einzelfamilien für die gesellschaftlich notwendige Arbeit in der Erziehung, Pflege und Versorgung als Gegenstück zur Ausbeutung der Lohnarbeit. Das ist auch der tiefere Grund für die bestehende Ungleichheit zwischen Mann und Frau, die sich auch in der Pflege ausdrückt.


Es geht darum, über den Kampf um Verbesserungen hinaus die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass diese gesellschaftlich notwendigen Aufgaben nicht länger auf die Familien und hauptsächlich auf die Frauen abgewälzt werden. Das setzt die Überwindung der Logik des Kapitalismus in einer sozialistischen Gesellschaft voraus. Dort wird nicht nur die Ausbeutung der Arbeitskraft abgeschafft. Gesellschaftliche Aufgaben wie die Betreuung und Erziehung von Kindern oder die Pflege und Einbeziehung älterer und behinderter Menschen ins gesellschaftliche Leben werden gesellschaftliche Aufgabe.

 

Ein Grund mehr zum Frauenpolitischen Ratschlag vom 6. bis 8. November zu kommen!