Stuttgart
Die Zeit ist reif: Der Umweltkampf muss gesellschaftsverändernd und über Ländergrenzen hinweg gemeinsam geführt werden
Ein großes vielfältiges Vorgefecht für einen gesellschaftsverändernden Umweltkampf findet derzeit in Stuttgart statt: Der Internationale Umweltratschlag 2026, mit aktuell 290 Präsenz-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern.
Ein Mercedes-Arbeiter aus Untertürkheim machte heute früh den Aufschlag und begrüßte alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Nah und Fern in diesem Zentrum der Automobilindustrie. Vertreter der Internationalen Automobilarbeiterkoordinierung sprechen zur Stunde im Plenum und machen deutlich, dass die internationale Arbeiterklasse auch im Umweltkampf die Hauptkraft werden muss und werden wird. Auch Arbeiter von VW Wolfsburg sprechen und berichten von den Septemberkämpfen, wo die Arbeiteroffensive aufblitzte. Die internationale Bergarbeiterbewegung war ebenso repräsentiert. Der Jugendverband REBELL trug kämpferisch mit einem Grußwort und einem Kulturbeitrag zum Ratschlag bei. Die Erfahrungen der Arbeiter in den verschiedenen Ländern standen am heutigen Tag im Mittelpunkt und ihre Vorschläge. Deutlich wurde aber auch, dass von der fortschreitenden Umweltkatastrophe die Massen in allen Ländern betroffen sind, dass Arbeiter-, Frauen-, Friedens und Umweltbewegung sich eng zusasmmenschließen müssen.
Das glatte Gegenteil der bürgerlichen Klimakonferenzen findet hier statt: "Wir alle sind da, weil wir wissen, für die Rettung unserer Lebensgrundlagen vor der kapitalistischen Barbarei haben wir keine andere Wahl als zu kämpfen!" so ein Teilnehmer in der Eröffnungsdiskussion. Das ist das einende Band. Die Strategiediskussion wird mit großem Ernst geführt, wie sie dem Ernst der Lage entspricht. Sie wird international geführt, weil es weltweit unter den Massen niemanden mehr gibt, der nicht von der voranschreitenden globalen Umweltkatastrophe betroffen ist. Und sie wird solidarisch, schöpferisch, vorwärtstreibend und streitbar geführt. Moderiert wird der Ratschlag von drei Mitgliedern der Koordinierungsgruppe: Annette Mährlein von den Omas for Future und der Umweltgewerkschaft, Miriam Gärtner von der Umweltgewerkschaft und Samuel aus Togo. Es ist beeindruckend, wieviele Wissenschaftler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens es sich nicht nehmen lassen, hier zu sprechen.
Am Vorabend: Vorstellung von Projekten und Teilnehmern aus vielen Ländern
Nach der kämpferischen Kundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz ging es gestern im Arbeiterbildungszentrum nahtlos interessant und kulturvoll weiter. Der Stuttgarter Chor Avanti Communi Kanti grüßte den Ratschlag, ebenso ein ehemaliger Richter aus der Bewegung gegen Stuttgart 21. Höhepunkt war die Vorstellung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus aller Welt und der Kämpfe und Projekte, in denen sie tätig sind. Von vornherein wurden wichtige Auseinandersetzungen geführt. Die Gegnerschaft in der Umweltfrage besteht nicht zwischen dem sogenannten globalen Süden und dem globalen Norden, sondern zwischen dem internationalen Finanzkapital und den Massen der Welt.
Für Schutzmaßnahmen oder für den Sozialismus kämpfen?
Diese Auseinandersetzung zog sich durch den Diskussionsblock „Wie beeinflussen zunehmende Kriege und Militarisierung die soziale Bewegung und die Umweltbewegung – welche Schlüsse sind zu ziehen?“ Dabei wurde in den Beiträgen zunehmend klar, dass das kein Gegensatz sein kann und darf. In der Umweltbewegung bedarf es aber noch weiterer Auseinandersetzungen, damit wir dann an einem Strick ziehen können. Ein Kollege arbeitet heraus, dass der Kapitalismus in seiner Krisenhaftigkeit heute gar nicht mehr anders kann, als die Umwelt zu zerstören. Kämpfe für konkrete Verbesserungen und Schutzmaßnahmen stoßen an Grenzen - sie müssen als Schule des gesellschaftverändernden Umweltkampfs geführt werden. Das präzisiert die MLPD-Vorsitzende Gabi Fechtner: "Es ist möglich, Sofort- und Schutzmaßnahmen zu erkämpfen, die das Ausreifen der Umweltkatastrophe abdämpfen, aufhalten und ein Stück weit auch zurückdrängen. Aber um die globale Umweltkatastrophe wirklich zu bekämpfen und soweit es möglich ist, die Einheit von Mensch und Natur wiederherzustellen, brauchen wir eine echte sozialistische Gesellschaft, deren Grundanliegen die Wiederherstellung der Einheit von Mensch und Natur ist, und die Produktion, Konsumtion, das Zusammenleben danach ausrichtet. Das wird erstmals möglich, wenn die Gesetze der Profitwirtschaft überwunden sind. Dazu braucht es eine revolutionäre Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft. Unter den heutigen Bedingungen brauchen wir eine internationale sozialistische Revolution. Positive wegweisende Projekte müssen wir immer in Verbindung bringen mit der Schule des echten Sozialismus."
Internationale Erklärung der einheitlichen Gewerkschaft der Fischer auf neuen Schiffen in Peru (SUPNEP)
"Wir traten mit der Überzeugung auf: Der Schutz des Ozeans bedeutet den Schutz des Lebens, der Arbeit und der Zukunft unserer Gemeinden. Die Sardelle ist nicht nur eine wirtschaftliche Ressource. Ihr Erhalt ist entscheidend für das Gleichgewicht des marinen Ökosystems, die Nahrungskette die industrielle Tätigkeit und den Lebensunterhalt tausender Haushalte. Die globale Erwärmung und klimatische Schwankungen stellen Herausforderungen für die Fischerei dar. Das El-Nino-Phänomen verändert die Temperaturen und die ozeaonografischen Bedingungen. Diese Veränderungen können die Verbreitung und Verfügbarkeit der Anchoveta beeinflussen, die Fangmöglichkeiten verringern und Schutzmaßnahmen für Jungfische sowie für den Fortpflanzungsprozess erforderlich machen. Wenn die Schiffe nicht zum Fischen auslaufen, sinken die Einkünfte der Besatzungen auf null. Wir stellen den Schutz der Ressourcen nicht in Frage. Im Gegenteil: Wir setzen uns für wissenschaftlich fundierte Entscheidungen ein, den Schutz der Biomasse usw. Wir fordern jedoch, dass die sozialen Kosten außergewöhnlicher Wetterereignisse nicht ausschließlich auf diejenigen abgewälzt werden, die von ihrer Arbeit auf See leben." Sie kämpfen für Frühwarnsysteme, Ersatzarbeitsplätze, staatliche Unterstützung und weitere Maßnahmen und verlieren dabei den Sozialismus nicht aus den Augen.
Kampf gegen Militarisierung und Krieg, gegen Faschismus und Umweltzerstörung gehören untrennbar zusammen
Eine Vertreterin der Ärzteorganisation IPPNW, den internationalen ÄrztInnen für die Verhütung des Atomkriegs / ÄrztInnen in sozialer Verantwortung sprach eindrucksvoll: "Wir setzen uns seit über 40 Jahren für Frieden und Abrüstung ein. Schon in den 80iger Jahren als es um die Stationierung von US-Atomsprengköpfen in Deutschland ging, haben wir die Botschaft an die Bevölkerung gesandt: 'Wir werden euch nicht helfen können'. Medizinische Hilfe in einem Atomkrieg ist nicht möglich. Das ist heute so wahr wie damals: Kein Krieg und seine Folgen, auch mit konventionellen Waffen, ist beherrschbar durch Vorbereitung des Gesundheitswesens."
Hashem aus Palästina spricht als Vertreter der Organisation Palästina muss leben. "Wir können nicht über Umwelt sprechen ohne über den Krieg zu sprechen und nicht über den Krieg ohne über den Imperialismus zu spreachen. Der Krieg in Palästina tötet nicht nur Menschen, er vergiftet das Meer, die Erde, die Luft. Palästina muss auf jedem Umwelttreffen eine Rolle spielen. Sauberes Wasser ist wertlos, wenn die Mehrheit der Bevölkerung gar keinen Zugang zu Wasser überhaupt hat."
Jetzt kommt ein Kulturfest und morgen geht es um die Schlussfolgerungen für die Höherentwicklung des gesellschaftsverändernden internationalen Umweltkampfs.