Internationaler Umweltratschlag

Internationaler Umweltratschlag

Die ökologischen Folgen des Krieges in Afghanistan und das schwere Leben der Frauen

Lassen Sie mich mit einer einfachen Frage beginnen: Wissen Sie, womit eine afghanische Witwe, die ihren Mann im Krieg verloren hat, heute um ihr Überleben kämpft?

Sie kämpft nicht nur mit Armut und Hunger – sie trotzt auch einer Umwelt von vergiftetem Boden, verschmutztem Wasser, tödlichen Krankheiten und einem von den Taliban verhängten Verbot zum Arbeiten und Verlassen ihres Hauses ohne männliche Begleitung. Diese Frau ist ein direktes Opfer eines Krieges, der die Umwelt ihres Landes zerstört und sie in Schutzlosigkeit gestürzt hat.

 

Ich bin im Namen der spontanen Bewegung afghanischer Frauen aus einem Land gekommen, dessen Gesicht durch Jahrzehnte des Krieges, der Bombardierungen, chemischer Kampfstoffe und verbotener Waffen verändert wurde. Die Umwelt Afghanistans ist das stille Opfer eines Krieges, der nie geendet hat. Eines der bittersten Kapitel dieses Krieges war das Besprühen von Mohnfeldern aus der Luft. Während der Jahre der amerikanischen und NATO-Präsenz, insbesondere in den Provinzen Helmand und Nangarhar, flogen ausländische Flugzeuge über Mohnfeldern und versprühten chemische Herbizide wie Glyphosat auf den Boden. Das erklärte Ziel war, die Vernichtung der Betäubungsmittel; was sich jedoch tatsächlich abspielte, war eine ökologische und humanitäre Katastrophe. Diese Gifte zerstörten nicht nur die Mohnfelder, sondern vernichteten auch Obstgärten, Weizen- und Gemüseanbauflächen sowie natürliche Weideflächen. Der Wind trug diese Gifte in Dörfer, Häuser und Weideland und verseuchte das Oberflächen- und Grundwasser.

 

Die Menschen in Helmand und Nangarhar erinnern sich noch immer an die Folgen jener Tage: Atemwegserkrankungen, Brennen in Augen und auf der Haut, Vergiftungen bei Kindern und das Sterben von Nutztieren. Viehzüchter, deren einziges Vermögen aus ein paar Kühen und Schafen bestand, verloren ihre Tiere nach dem Sprühen. Bauern mit Pistazien-, Trauben-, Kinnow_Mandarinen- und Granatapfelplantagen konnten jahrelang keine Ernte einfahren. Die Giftstoffe blieben im Boden zurück, gelangten in die Nahrungskette und machten Generationen krank. Und all dies geschah unter völliger Verschwiegenheit. Zusätzlich zu den Sprühaktionen warfen die Vereinigten Staaten 2017 in Nangarhar die weltweit größte nicht-nukleare Bombe ab. Diese Bombe zerstörte nicht nur Berge und traditionelle Qanat-Bewässerungssysteme, sondern vergiftete auch den Boden der Region in weitem Umkreis. Abgereichertes Uran, weißer Phosphor und „Forever Chemicals“ befinden sich bis heute im Wasser und Boden Afghanistans. Auf Deponien an NATO-Militärstützpunkten, von Bagram bis Kandahar, wurden rund um die Uhr Plastik, Asbest, menschliche Exkremente und Gefahrstoffe vergraben und verbrannt. Der Rauch und die Verschmutzung machten nicht nur ausländische Soldaten krank, sondern führten auch bei tausenden von afghanischen Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, zu Krebs, Geburtsfehlern und Schilddrüsenproblemen. Diese Katastrophe ereignete sich unter völliger Verschwiegenheit.

 

Der im Mai 2026 vom Amsterdamer Institut für Kriegs-, Holocaust- und Völkermordstudien veröffentlichte Untersuchungsbericht (NIOD) im Mai 2026 veröffentlicht werden soll, zeigt, dass amerikanische Soldaten für ihre Belastung durch diese Giftstoffe entschädigt wurden; die Afghanen jedoch, die in derselben kontaminierten Umgebung lebten, erhielten weder eine Entschädigung noch wurden sie als Opfer anerkannt. Das ist die „ungleiche Umweltgerechtigkeit“. Doch neben den Giftstoffen und der Umweltverschmutzung durch den Krieg haben wiederholte Dürren, verheerende Überschwemmungen, Bodenerosion und Wüstenbildung das Leben für Millionen Afghanen unerträglich gemacht. Vergifteter Boden, verschmutztes Wasser und giftige Luft haben Ernten vernichtet und Bauern in extreme Armut und zur Abwanderung getrieben. Die Last all dieser Katastrophen lastet am schwersten auf den Frauen. In Afghanistan sind hunderttausende Frauen zu Haushaltsvorständen geworden; Frauen, die ihre Ehemänner, Väter oder Brüder im Krieg verloren haben. Sie sind die einzigen, die ihre Familien ernähren. Doch die Taliban haben ihnen die Arbeit verboten. Eine Witwe mit mehreren hungrigen Kindern lebt auf einem Grundstück, auf dem das Wasser mit Chemikalien verseucht ist und die Luft vom Rauch der Müllgruben verpestet ist. Es ist ihr verboten zu arbeiten, und sie kann sich das Visum für eine medizinische Behandlung in Pakistan oder im Iran, das 1.800 bis 3.000 Dollar kostet, nicht leisten.

 

Sie sitzt in einer tödlichen Falle: auf der einen Seite die Gifte des Krieges, auf der anderen das Arbeitsverbot und auf der dritten der Zusammenbruch des Gesundheitssystems. Meine Damen und Herren, heute ist eine Witwe in Afghanistan gezwungen, ihr Kind zu verkaufen, um zu überleben, eine Zwangsheirat zu erdulden oder sich auf gefährliche illegale Migration einzulassen. Dies ist die direkte Folge der Umweltzerstörung. Wenn das Land vergiftet ist, wenn das Wasser verschmutzt ist, wenn Vieh stirbt und die Ernten ausfallen, sind Frauen und Kinder die ersten Opfer. Und die Taliban haben diese Wunde noch vertieft, indem sie Frauen das Arbeiten verboten haben. Es muss jedoch angemerkt werden, dass auch die amerikanischen und NATO-Streitkräfte eine direkte Verantwortung für die Katastrophe des Klimawandels und dessen Folgen in Afghanistan tragen.

 

Von dieser internationalen Tribüne aus rufe ich Sie alle dazu auf, die folgenden vier Forderungen zu unterstützen: Erstens müssen die NATO-Mitgliedstaaten und die von den USA geführte internationale Koalition, die von 2001 bis 2021 am Krieg in Afghanistan beteiligt waren, die Verantwortung für ihr giftiges Erbe übernehmen. Sie müssen einen Entschädigungsfonds einrichten, um den Boden und das Wasser Afghanistans zu dekontaminieren und die afghanischen Opfer zu behandeln. Zweitens sollten internationale Umweltinstitutionen Afghanistan nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Klimawandels betrachten. Sie müssen die direkten Auswirkungen des Krieges anerkennen, darunter das Versprühen von Pestiziden aus der Luft, Bombenangriffe und militärische Umweltverschmutzung. Drittens fordere ich die Weltgemeinschaft und Menschenrechtsorganisationen auf, die Notlage der afghanischen Frauen als dringende ökologische und humanitäre Krise anzugehen. Eine Frau, die auf vergiftetem Land lebt und ihr das Recht auf Arbeit verwehrt wird, ist ein doppeltes Opfer des Krieges und der geschlechtsspezifischen Apartheid. Und viertens rufen wir die Organisatoren dieser internationalen Konferenz dazu auf, die Stimme Afghanistans zu sein. Die Stimme der Frauen, die schweigend sterben, unter den Trümmern von Kriegsgiften und dem Verbot durch die Taliban. Ich schlage vor, eine unabhängige Kommission aus Umweltaktivisten und Frauenrechtsverfechtern zu bilden, um die Folgen von Sprühaktionen und des Einsatzes verbotener Waffen sowie der Vergrabung und Verbrennung giftiger Abfälle in Afghanistan zu untersuchen. Die spontane Bewegung afghanischer Frauen ist bereit, in dieser Hinsicht mit dieser Kommission zusammenzuarbeiten und ihr den Zugang zu den Opfern dieser Tragödie zu erleichtern. Lasst uns gemeinsam – nicht nur für Afghanistan, sondern für die Zukunft des Planeten Erde – Umweltgerechtigkeit verwirklichen. Lasst uns die afghanischen Frauen vor den verheerenden Folgen des Krieges und der geschlechtsspezifischen Apartheid des frauenfeindlichen Taliban-Regimes bewahren.