Leverkusen
400 Schülerinnen und Schüler protestieren gegen Abschiebung: „Die Demokratie ist gestorben!“
Heute, Montag, 8:30 Uhr. Schulferien? Nicht für 400 Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrer. Sie versammeln sich nach und nach wütend und geschockt, aber kämpferisch vor dem Rathaus in Leverkusen. Eine Mitschülerin und ihr Vater wurden nach Sri Lanka deportiert, die Mutter und vier andere Kinder müssen sich jetzt im Rathaus bei der Ausländerbehörde stellen.
Brutal wie in Actionfilmen: Am letzten Freitag, 5:30 Uhr morgens, brechen 20 schwer bewaffnete Bereitschaftspolizisten eine Wohnung in Leverkusen auf: Hier wohnt die Familie Rouf. Vor vielen Jahren wurde ihr Haus in Sri Lanka von einem Mob niedergebrannt. Sie sind Moslems, mussten fliehen und kamen nach Deutschland. Die Eltern fanden Arbeit, die Kinder gingen zur Schule, die älteste Tochter bereitet sich gerade auf das Abitur vor.
„Polizei – anziehen – mitkommen – sofort!“ brüllen die Beamten. Sachen packen? „Nein!“ Gerade mal die Zahnbürste geht mit. Dann mit Blaulicht zum Flughafen. Unterwegs merken die Verantwortlichen, dass sie einen Fehler begangen haben: Im Chaos haben sie einen 15-jährigen Bruder vergessen und müssen deshalb die Mutter und die anderen Kinder laufen lassen - die tauchen zunächst unter. Aber der Vater und die älteste Tochter werden sofort mit Begleitung in einen Flieger gepackt, ab damit - sie sind jetzt in Sri Lanka.
Der Hintergrund: Seit langem verhinderte die Ausländerbehörde Leverkusen, dass die Familie den Antrag für einen Aufenthaltstitel nach § 25 stellen kann. Sie entzog ihnen erst die Duldung, beschlagnahmte ihre Pässe und speiste sie mit Fantasiepapieren ab - nur, um jetzt zuschlagen zu können, obwohl selbst der Härtefall-Ausschuss das abgelehnt hat, weil die Familie bestens integriert sei.
Jetzt, auf der Kundgebung, sprechen ungefähr ein Dutzend Mädchen im Alter von 15 bis 18 Jahren: Alle versichern ihren vier Mitschülerinnen und -schülern ihr volle Solidarität. Alle klagen auch an: „Die Demokratie, die wir jeden Tag in unseren Kursräumen lernen, ist am frühen Morgen des 16. Oktober an den Trümmern einer auseinander gerissenen siebenköpfigen Familie gestorben. Wenn uniformierte Beamte um exakt 5:30 Uhr morgens eine Wohnungstür aufbrechen, um schlafende Kinder und Jugendliche aus den Betten zu zerren, dann hinterlässt das tiefe Risse in unserem Vertrauen“ - erklärt Mirjam. Und ähnlich sprechen auch alle anderen.
Auf der einen Seite versichern sie der Familie, ihren Freundinnen und Freunden uneingeschränkte Solidarität. Auf der anderen Seite fordern sie die Menschenrechte ein: „In der Schule erklärt ihr uns, wir sollen für Gerechtigkeit eintreten“, „alle Menschen seien gleich, keiner darf benachteiligt werden wegen seiner Rasse, Religion, Überzeugung – und in der Praxis?“ „Vor über 80 Jahren wurden Menschen in Deutschland verfolgt, wurden diese Rechte missachtet – und jetzt passiert das wieder? Nicht mit uns!“